Nur noch kurz die Welt retten: Heidrun Diringer ist Kräuterfee, Märchenerzählerin, Heimatstuben-Gründerin und vieles mehr

Heidrun Diringer in ihrem Garten, in dem sie Gästen die heimischen Kräuter und ihre Wirkung erklärt.
 
Der Tisch ist gedeckt. In der Heimatstube gibt es kaum ein freies Plätzchen.
 
Alte Schwarz-Weiß-Fotos zeigen die Zeit von anno dazumal.
 
Die Teddys fühlen sich wohl in der Heimatstube.
Waltershausen: Heimatstube |

Heidrun Diringer gibt nichts und niemanden auf. Und genau so sieht es auch aus in ihrer Heimatstube, ihrem Garten und ihrem Leben.

Fichtenrinde und hölzerne Mini-Propeller überfüllen den Tisch. „Ich schnitze gerade Quirle“, erklärt Heidrun ­Diringer das Tohuwabohu. „Ich kaufe mir keinen Metallbesen mehr. Ich verwende seit Jahren nur noch selbst gemachte Quirle.“ Solche Küchenwerkzeuge wie zu Großmutters Zeiten herzustellen, ist nur eines ihrer vielen Angebote in der Waltershäuser Heimatstube.

Sie ist Kräuterfee und ­Märchenerzählerin, Heimatstuben-Gründerin, Vor­sitzende der Gartenanlage im Ort, Tierfreundin und Lebens­beraterin. Tausendsassa Heidrun Diringer ist 73 Jahre alt. Doch nur fünf Stunden Schlaf sind ihr zu lang, der Tag ist immer zu kurz und 1000 Leben sind wahrscheinlich zu wenig. Sie sprudelt über vor Energie. „Als junges Mädchen war ich ruhig und schüchtern. Ich habe wohl etwas nachzuholen.“

In der ­Heimatstube


...gibt es kaum ein freies Eckchen. Der Tisch ist gedeckt, ein Bett ist gemacht. Puppen blicken den Besucher an. Alte Schwarz-Weiß-Fotos zeigen die Zeit von anno dazumal. Zither, Schifferklavier, Mandoline – alles da, dabei kann Heidrun Diringer keines der Instrumente spielen. Die antiken Schränke sind bestückt mit Uromas ­Besteck und Bekleidung. Gerne schlüpft sie in die alten Trachten. Sie freut sich, wenn die Leute dumm gucken, wenn sie wie vor über 100 Jahren im Park picknickt. „Ich fühle mich dann wie in einer anderen Welt, das ist wie Urlaub.“

Der Heimatstuben-Besucher wird optisch erschlagen von alten Kaffee- und Milchkannen, Kuchenformen, Kaffeemützen, Körben, Kerzenhaltern und allerlei Haushaltsgegenständen. Und doch ist es irgendwie gemütlich im Kuddelmuddel. Denn Heidrun Diringer sieht das Detail im Chaos. In ihrem über 250 Jahre alten Haus, das sie mit ihrem Mann Anfang des Jahrtausends mit eigenen Hände Arbeit saniert hat, verwandelte sie das Erdgeschoss in eine Heimatstube. Dienstags bis donnerstags können die Besucher hier den Zeitsprung wagen. „Ich möchte zeigen, wie es früher war. Dass nicht immer alles schlecht war und wie die Menschen mit dem wenigen, das sie hatten, viel angefangen haben.“

Der moderne Kram ist ihr hingegen suspekt. Mit Handy oder Computer kann sie nichts anfangen. Ihre Spülmaschine ärgert sie nur. Sie heizt mit drei Öfen, wie das Kaiser Wilhelm schon getan haben soll.

Was ihr die Leute vorbeibringen, nimmt sie alles entgegen. Etwas wegzuwerfen, ist für Heidrun Diringer ein Ding der Unmöglichkeit. Schon die Vorstellung, dass andere etwas wegwerfen, ist für sie eine untragbare Vorstellung. „Dann ist es unwiederbringlich verloren.“ Lieber hat sie etwas doppelt und dreifach. „Wenn ich einen Topf ohne Deckel habe, bekomme ich garantiert irgendwann einen Deckel dazu.“ Ein Lieblingsstück hat sie nicht. Am Herzen liegt ihr alles gleich.

Ganze Filmsets kann die Wahl-Waltershäuserin mit ihrem Fundus ausstatten – und das macht sie auch. Als vor ein paaren Jahren „Hänsel und Gretel“ in der Gegend gedreht wurde, lieferte sie vom Glas mit Schlangen bis zur Scheuerbürste die Requisiten. Als das Filmteam wieder abrückte, sackte Diringer alles ein, wofür keiner mehr Verwendung hatte: Balken, Schrauben, Nägel. Ganze Wände vom Hexenhaus stehen jetzt in ihrer Scheune. Ihre größte Beute war nur eine kurze Freude: über 100 Schmetterlinge, die im Film als Nebendarsteller agierten. Aus vier Metern Höhe fischte sie die Flattermänner aus dem „Hexenschlafzimmer“.

Nur eine von vielen Geschichten, die Diringer gerne erzählt. Um sie zu hören, kommen Schulklassen und Kindergärten gerne zu ihr, auf eine Tasse selbst gekochten Kräutertee. Dann mahlt sie mit den Kindern Getreide in alten Kaffeemühlen. Oder sie schlüpft in die Bäuerinnen-Tracht und spricht von der Feldarbeit in ihrer Kindheit in Sundhausen. „Wir waren eine wilde Bande“, erinnert sie sich. Wie ein Junge musste sie Zaunlatten annageln, schwere Eisen tragen, sah zu, wie der Vater die Sense ­schärfte. „­Irgendwo bleibt etwas hängen“, erklärt sie, warum sie tickt, wie sie tickt und warum sie mehr schuftet als mancher Kerl.

Im Winter serviert sie heutzutage Glühwein und Stollen, bastelt und erzählt Märchen und Thüringer Sagen. Oder sie singt ein paar Liedchen, die sie nachts leise übt, wenn sie mal wieder viel zu früh noch vor dem Morgengrauen aufgestanden ist und alle um sie herum noch schlafen. Noten lesen kann sie nicht. Was soll’s? „Ich denke dabei immer an Herbert Roth, der hat es auch geschafft.“

In ihrem ­Kräutergarten


...wächst kein Unkraut, weil es so etwas für Heidrun Diringer nicht gibt. Sie erntet Giersch, das anderen Gärtnern nur lästig ist. Sie schreibt den Pflanzen und Kräuter auch nichts vor. Die wachsen schon dort, wo sie es am liebsten mögen. Und das ist nie in Reih‘ und Glied. „Bei mir ist alles wild durcheinander.“ Sauerampfer, wilder Schnittlauch, Löwenzahn und Vogelmiere, die sie an die Kanarienvögel verfüttert oder Menschen zu Hackklößen oder Fisch serviert.

Wie in der Heimatstube ist es eben auch im Garten. Wenn jemand ­abgestorbene Pflanzen entsorgen will, schleppt Diringer sie heim. Will der Pfirsichbaum nicht blühen, setzt sie ihn so lange um, bis er Pfirsiche trägt. Sie gibt nichts und niemanden auf. Sie seufzt. Baumschulgärtnerin im ersten Beruf, Floristin im zweiten. Das prägt. Sogar Laub holt sie sich ab. „Keiner will es, ich brauche es.“ Denn unter dem Laub arbeiten im Winter die Regenwürmer. „Und ich muss dann im Frühjahr nicht graben. Ich quäle mich nicht mehr.“

Alte Obstsorten kultiviert sie wieder. Und aus dem ­Kanaren-Urlaub schmuggelte sie Samen und Stecklinge gleich taschenweise ins Land. Es gelang ihr alles: Maracujas, ­Kiwis, Palmen oder Feigen – sie hat ihren botanischen Garten im Thüringer Wald.



Urlaubern erklärt sie als Oma Heidrun die heimischen Wildkräuter. Dabei ist die 73-Jährige schon Uroma mit zwei Töchtern, zwei Enkeln und einem dreijährigen Urenkel. Seit zwei Jahren kann man sie und ihr Wissen über ein Reise­portal buchen. „Die Leute, die kommen, sind so herzlich. Das macht mir richtig Spaß.“ Dann verteilt sie Topinambur, die in ihrem Garten an jeder Ecke sprießen. „Ich habe jede Menge, doch keiner will sie essen. Dabei sind die so gesund. Wer Diabetes hat, sollte sie roh essen.“

Gegen jedes Leiden ist mindestens ein Kraut gewachsen und Heidrun Diringer scheint sie alle zu kennen. Blüten der Königskerzen helfen gegen Verschleimung. Aus Baumharz macht sie Creme. Und die Bitterstoffe in Löwenzahn-Wurzeln brauchen wir für Magen, Galle oder Leber, beschwört sie.

Doch sie beschränkt sich nicht auf Thüringer Hausmittel und verschenkt blaue Tücher gegen Halsschmerzen. „Das Chakra ist hier blau“, glaubt sie auch an indische Heilkunst. „Lacht nicht darüber, probiert es einmal aus. Es tut euch doch nicht weh. Beim einen schlägt es an, beim anderen nicht.“ Placebo oder nicht. Sie befürwortet alles, was hilft – und seien es Sternkreiszeichen. „Wer nichts mehr glaubt, ist schon verloren. Wer alles ablehnt, der hat auch nichts in sich, was er anderen geben kann.“

In Sachen Garten ist Heidrun Diringer Selbstversorgerin. Muss sie doch mal in den Supermarkt, kann es schon mal länger dauern, so lang studiert sie die Inhaltstoffe jedes Produktes. „Selbst in einer Büchse Erbsen sind mittlerweile Farbstoffe und Zucker drin. Was soll das? Ich will das nicht mehr.“ Schon der Gedanke an Fertig­produkte dreht ihr den Magen um. „Da sind überall Haltbarkeits­mittel drin, die unsere Körper nicht vertragen. Und der Geschmack wird versaut.“

Lieber kredenzt sie leckere eigene Konfitüren oder Salate – gerne mit essbaren Blüten. Auf den Teller kommen dann Blüten von Korn- und Ringelblumen, Gänseblümchen und Margeritenblätter. „Taglilien ­schmecken zum Beispiel spitze. Ein bisschen wie Rettich, erst knackig, dann scharf.“ Nebenher wuppt sie noch den Vorsitz der Garten­anlage im Ort. Zwei Gärten, die ganze Bürokratie drumherum – das wird sogar ihr derzeit ein bisschen viel.

Vor ihren Füßen


...streunt eine ihre beiden Katzen. Vor einigen Wochen kam sie aus dem Tierheim. „Eine Katastrophe“, grämt sich ­Diringer, denn das Tier behielt anfangs kaum eine Mahlzeit bei sich. Alle gaben es auf. Dickkopf Diringer kann nichts und niemanden aufgeben – keinen Plunder, keinen abgestorbenen Baum und schon gar kein Tier. „Ich muss alles erhalten und retten. Am liebsten möchte ich die ganze Welt retten.“ Sie spendet Trost, wenn jemand traurig ist. So oft, dass ihre Heilpraktikerin sie schon ermahnt, dass sie nicht die Sorgen aller Menschen durchleben kann. Doch hört sie von Zweiflern, dass sie irgendetwas nicht könne, antwortet sie immer mit dem gleichen Vorwurf: „Da kennst du mich aber schlecht.“

Auf den ­Kirschbaum


...klettert sie auch mit ihren 73 Jahren noch wie ein Jung­spund und reinigt einmal dort oben gleich noch die ­Regenrinne des Nachbarn. „Andere liegen in meinem Alter schon lange unter der Erde. Ich lebe und bin den ganzen Tag auf Trab. Bewegung hält fit. Ich sage immer: Wenn sie mich vorne rauswerfen, muss ich hinten wieder reinkommen.“

Auch in ihrem Kopf herrscht Hochbetrieb. Dass sie wie ein Wasserfall quatscht, gesteht sie selbst. „Ich bin neugierig, will mir viel merken und alles wissen.“ Alte Zeitschriften lässt sie zu dicken Schwarten binden. Und sie schreibt alles auf und ganze Fernsehsendungen mit: Rezepte und Gesundheitstipps, alles über Botanik, Reiseziele oder Architektur. Ein kleines Heftchen hat sie immer dabei. „Wenn ich etwas aufschreibe, ist es zwar erst einmal weg, aber immer noch hier drin.“ Sie tippt sich auf die Stirn. „Wie in einem Kasten. Manchmal dauert es ein bisschen, aber ich kann den Kasten wieder öffnen und das Wissen wieder herausholen.“

Bekannte raten ihr, ein Buch zu schreiben, damit das gesammelte Wissen nicht verloren geht. Wenn sie doch nur mehr Zeit hätte…

Kontakt

• Heimatstube Waltershausen, Ortsstraße 13, Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch und Donnerstag von 10 bis 16 Uhr und nach Vereinbarung.
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2 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 01.05.2015 | 06:51  
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Renate Jung aus Erfurt | 10.05.2015 | 00:17  
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