Ohne Vorurteile - Warum der Behindertenbegriff für Kinder keine Rolle spielt: Ute Barth leitet die integrative Kindertagesstätte in Gotha

„Im Miteinander mehr erreichen“: spielende Kinder.
 
Kita-Leiterin Ute Barth.
Gotha: Integrative Johanniter-Kindertagesstätte |

Behindert oder nicht behindert? Bei den Kleinsten in der Gesellschaft spielt diese Frage offenbar keine Rolle.

„Der Behindertenbegriff ist von uns Erwachsenen geprägt“, sagt Ute Barth. Seit gut drei Jahren leitet sie die integrative Johanniter-Kindertagesstätte in Gotha. Ihre Erfahrung: „Kinder gehen ganz offen auf alle zu, haben keine Vorurteile, lehnen nichts ab. Die sind neugierig und fragen: »Warum sitzt der Junge im Rollstuhl?« Dann gibt es die ganz einfache Antwort: »Der kann nicht laufen.« Damit sind die Kinder zufrieden.“

Kommen Eltern oder Besucher zum ersten Mal in die Kita, merken sie erst einmal gar nicht, dass es sich um eine integrative Einrichtung handelt. Von 120 Kindern sind hier 40 körperlich oder geistig beeinträchtigt. „Aber denen merkt man das ja nicht unbedingt immer gleich an“, erläutert Barth.

Die Gruppen sind altersgemischt.


Der Clou: Die Kinder innerhalb einer Gruppe sind unterschiedlich alt. Dadurch fallen gewisse Leistungsunterschiede gar nicht auf. Die Kinder lernen miteinander und voneinander und helfen sich gegenseitig. „Da stechen die Behinderten nicht raus. Auch die Kleinen brauchen Hilfe und die Großen helfen mit.“ Alle sollen sich wichtig fühlen für die Gemeinschaft. „Die Kinder sollen keinen Stempel aufgedrückt bekommen. Jeder kann etwas besonders gut. Aber es hat auch jeder seine Schwächen. Im Miteinander kann man mehr erreichen.“ 

Die Nachfrage ist groß.


Die Handicaps der Kinder reichen von Entwicklungsverzögerungen über körperliche Beeinträchtigungen und Wahrnehmungsstörungen bis hin zu Schwer-Mehrfach-Behinderungen. Die Nachfrage am Kita-Angebot ist groß, die Zwei- bis Sechsjährigen kommen aus dem gesamten Landkreis. Von Beginn an, mit dem Start vor 40 Jahren als Krippe, wurden hier auch behinderte Kinder betreut. Als die Johanniter-Unfall-Hilfe 1994 neuer Träger wurde, baute der Verein die Einrichtung behindertengerecht um. Jetzt hat das große, mehrstöckige Gebäude einen Fahrstuhl, breite Türen, absenkbare Waschbecken, behindertengerechte Toiletten und Duschen. In der eigenen Küche wird täglich gekocht.

Mehr Platz, mehr Personal.


Barth und ihre Mitarbeiter haben Bedingungen, um die sie ihre Kollegen beneiden. „Durch die Integration haben wir mehr Personal als eine Regeleinrichtung. Dadurch können wir auch in kleinen Gruppen arbeiten, je nach Interessen und Fähigkeiten der Kinder.“ Vor Ort arbeiten Heilerziehungspfleger und Mitarbeiter mit heilpädagogischer oder physio-, musik- und sprachtherapeutischer Qualifikation.

„Aber damit ist es natürlich nie getan“, gesteht Barth. „Es kommen immer Kinder mit unbekannten Diagnosen zu uns und wir müssen uns immer weiterbilden.“ Dabei ist vor allem die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, mit Therapeuten und den Eltern gefragt. So kann das Personal gut auf die verschiedenen Krankheitsbilder der Kinder eingehen.

"Jedes Kind hat Talente."


Für jedes Kind werden individuelle Angebote erstellt, es soll sich somit nach seinem eigenen Rhythmus und Lehrtempo entwickeln. Barth erklärt: „Kein Kind ist wie das andere, jedes ist etwas Besonderes. Jedes Kind hat Talente, die es weiterentwickeln will. Und diese Vielfalt macht unsere Arbeit schön.“

Rutschen, Klettergerüste, Parcours – viele der Spiel­geräte sind auf Bewegung ausgelegt. „Gerade, wenn Kinder Einschränkungen haben, muss man ihnen Bewegungen anbieten“, argumentiert Barth. „Einen Weg für sich zu finden, ist etwas, dass fürs Leben stark macht, was auch für die Schule wichtig ist. Das Gefühl: Ich habe lange probiert, habe aber dann den richtigen Weg gefunden.“ Wichtig ist bei diesem Konzept, dass die Kinder ihre eigenen Erfahrungen sammeln sollen. „Kinder lernen durch Fehler und man muss ihnen den Raum für diese Fehler geben.“

Eltern sind begeistert.


Diese Herangehensweise kommt gut an – sogar in einer Leistungsgesellschaft, in der sich selbst Eltern nicht behinderter Kinder immer mehr sorgen, ihr Kind könne in der Entwicklung zurückfallen. „Viele Eltern bringen ihre Kinder sogar gezielt hierher, weil sie wissen, dass wir integrativ arbeiten“, freut sich Barth. „Wir legen hier den Grundstein, dieses Offensein für das Anderssein, für das Miteinander. Akzeptanz, Toleranz – das sind große Begriffe, aber im Kleinen funktioniert das sehr gut.“

Mehr zum Thema:

Viele Behinderte sind noch beteiligt Interview mit dem Thüringer Vize-Beauftragten für Menschen mit Behinderungen.

Das Aktionsbündnis „jobp“ hilft Menschen mit Behinderung, eine Tätigkeit auf dem freien Arbeitsmarkt zu finden. Hier die Geschichte von Stephanie Sluka.
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1 Kommentar
Axel Heyder aus Erfurt | 28.04.2014 | 15:20  
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