Omas Küche im Regenwald

    Gotha: Schlossteich |

GOTHA. Andreas Kieling ist nicht nur einer der bekanntesten und erfolgreichsten Tierfilmer Deutschlands, er ist auch Botschafter seiner Heimatstadt Gotha. In der vergangenen Woche war er wieder einmal zu Hause. Während eines Spaziergangs mit der Hundedame Cleo stand Andreas Kieling dem AA Rede und Antwort.

Sie wurden in Gotha geboren, haben die Welt gesehen und leben auf einem Bauernhof in der Eifel wenn sie nicht auf Reisen sind. Was bedeutet für Sie Heimat?

"Heimat ist für mich ein Stück vom Herzen. Sie ist Jugend, Schmerzen, viele schöne Erinnerungen. Sie ist die prägendste Phase meines Lebens. Heimat ist auch die erste Jugendliebe. Zur Heimat zähle ich genauso meine Verwandten, die hier in Thüringen leben. Heimat sind aber auch die großen Wälder, die Forellen in den Bächen, die röhrenden Hirsche, die langen Fahrradtouren, die Zeit in der Natur zwischen Gotha, Luisenthal, Tabarz, Friedrichroda und dem Inselsberg. Heimat sind natürlich auch die alten Schulfreunde. Und Heimat ist für mich das Bedürfnis, immer wieder dahin zurückzukehren."

Ist Omas Erika Küchentisch für Sie auch ein Stück Heimat?
"Absolut. Ich sitz in Alaska, in Australien, im Regenwald oder in Zentralafrika und kann sofort beschreiben, wie Omas Küche riecht. Ich sehe sofort jedes Detail vor mir. Dieses kleine Stückchen Heimat nehme ich anders wahr als die weite Welt. Ich speichere es ab, verwalte es in mir an einem sicheren Ort. Omas Küchentisch ist für mich ein Inbegriff von Heimat, ist Geborgenheit, ist Wohlfühlen. Es ist für mich ein magischer Ort. Hätte ich die Welt nicht gesehen, wäre das vielleicht nicht so."

Sie haben 1976 als 16-Jähriger die DDR, ihre ehemalige Heimat, verlassen, eine neue gefunden. Wo ist für Sie Heimat?
"Ich habe vier Heimaten. Das ist zum einen Gotha mit all seinen tief prägenden Erinnerungen. Das ist aber auch die Eifel, in der ich seit 30 Jahren wohne. Auch Alaska bezeichne ich als Heimat, denn hier habe ich 14 Jahre lang gelebt. Und natürlich Namibia. Dieses besondere land habe ich schon 22 Mal bereist. Heimat ist für mich aber auch das gerührt sein von einem Gefühl. In einem fremden Land an Heimat erinnert zu werden. Denke ich in fremden Ländern an Heimat bekomme ich schon mal feuchte Augen. So wie auf Grönland. Dort habe ich einen Mann getroffen, der mir von seinem Lieblingsbäcker in Bad Münstereifel erzählte. Spontan übermannte mich eine Mischung aus Freude, Erinnerung und Sentimentalität, weil das auch mein Lieblingsbäcker ist. Das verstehe ich auch unter Heimat."

Sie waren unterwegs „Mitten im wilden Deutschland“ und sind den ehemaligen Grenzstreifen abgelaufen. Was hat Sie dabei bewegt, hat am meisten berührt?
"Unter anderem, dass mein Buch acht Monate auf der Spiegel Bestsellerliste stand und izwischen das Wanderbuch Nummer 1 in Deutschland ist. Bewegender waren für mich aber die vielen und teilweise sehr tiefen Eindrücke. Das Treffen mit den unterschiedlichsten Menschen. Ihre Geschichten aus Ängsten und Nöten, ihren Freuden und Glücksgefühlen, aber auch ihren politischen Ansichten. Auch wenn vieles arrangiert war ind es eher die spontanen Treffen, die mich sehr berührt haben. So wie der Grenzoffizier mit seiner persönlichen Buße am einstigen Todesstreifen. Oder die Landwirte, die jetzt in zwei Bundesländern ackern, die Forstleute, die Fischer – auch sie arbeiten jetzt über eine ehemalige Ländergrenze hinweg. Ich hatte auf diesen 1400 Kilometern tolle Begegnungen. Spätestens abends, wenn ich auf Quartiersuche war. Ich hatte auch mein Zelt dabei und habe viele Nächte im Wald und am Lagerfeuer verbracht. Übrigens, das ist mir wichtig hier zu erwähnen: In Deutschland darf man als Wanderer im Wald für eine Nacht sein Zelt aufschlagen, wenn man den Platz am nächsten Morgen wieder so verlässt, wie man ihn vorgefunden hat."

Wurden oder werden Sie häufig auf der Straße erkannt und angesprochen?
"Ja, doch schon. Es erkennen mich viele Menschen. Das ist für mich ein großes Kompliment. Viele kennen meine Filme und messen mich an dem, was ich mache. Erst kürzlich auf einem Autobahnparkplatz. Ich habe nach einer langen Fahrt ein paar Liegestütze gemacht um wieder fit zu sein. Neben mir wartete eine Frau ganz geduldig bis ich fertig war, nur um mir zu sagen, wie toll sie einen meiner Filme fand. Oder der Trucker auf einem Rastplatz. Er kenne mich zwar nicht aber den Hund an meiner Seite. `Ist das nicht die berühmte Cleo?´ das sind auch Momente, die ich sehr genieße."

Am 3. Oktober feiern wir die deutsche Einheit. Ihrer Erfahrung nach – sind wir ein vereintes Land? Besteht die Grenze noch in den Köpfen?
"Ich möchte hier den Vergleich zwischen den Nord- und den Südstaaten in den USA bringen. Trotz aller Gegensätze sprechen die Menschen dort von einer Nation, von ihrer Nation. Im äußersten Westen Deutschlands stehen viele Häuser leer. Inzwischen kann man diese kostenfrei mieten, muss nur die Nebenkosten zahlen und das Objekt erhalten. In Brandenburg habe ich auch schon solche Fälle erlebt. Dort gibt es keine Ost-West-Trennung. Es ist vieles zusammengewachsen. Einzelne Trennungen würde ich nur als lokale Wahrnehmung bezeichnen, als Einzelfälle. So wie der Fischer vom Schalsee. Er wohnt am Ostufer und bezeichnet seinen Kollegen vom Westufer als arrogant und überheblich, der mit seinem Geld nur den Osten aufkaufen will. Oder ein Hotelbesitzer im Harz. Vor der Wende touristenverwöhnt spricht er jetzt vom Touristenklau, weil natürlich viele Menschen nun auch den Ostharz kennen lernen möchten. Aber in Thüringen habe ich das noch nicht erlebt. Hier ist man froh über die Einheit."

Sie verbringen viel Zeit im Ausland, unter anderem auch in Alaska. In den USA wird der Nationalfeiertag mit Feuerwerk, Paraden und Konzerten gefeiert. Ist das für Deutschland denkbar? Würde den Deutschen etwas mehr Heimatliebe ganz gut tun?
"Die Amerikaner haben drei Feiertage. Der 4. Juli, Thanks giving und der Super Bowl, das Finale der National Football League (NFL). Ja, ich könnte mir einen Feiertag mit Feuerwerk und Paraden auch bei uns gut vorstellen, das würde uns gut tun. Denn in Grunde genommen sind wir gerade im Ausland ein sehr nationlbewusstes und sehr stolzes Volk. Die Menschen in den alten Bundesländern erzählen ihre Vereinigungsgeschichten mir genauso viel Hingabe und Stolz wie die Menschen in den neuen Bundesländern. Schon von daher sind wir ein Volk."

Sie haben die exotischsten Orte der Erde besucht, fremde Kulturen kennengelernt. Mit Abstand betrachtet: Was sind wir Deutschen denn für ein Völkchen? Was sagen andere über uns? Auf welche Vorurteile sind Sie gestoßen?
"Wenn ich Menschen treffe, sei es tief im Regenwald, in der Wüste, in den Polarregionen oder in den Weiten Chinas, und mich als Deutscher zu erkennen gebe, bekomme ich immer eine positive Resonanz. Thema Nummer 1 ist natürlich der deutsche Fußball. Für die Amerikaner ist es die deutsche Kultur, die Kunst, die Bauwerke. Und es ist „the wall“. Erstaunlich ist nur, dass viele Amerikaner mit der Mauer nur die Berliner Mauer assoziieren, und nicht den langen Grenzstreifen von der Ostsee bis nach Tschechien. Für die Menschen in der dritten Welt ist es unser Wohlstand, sowohl wirtschaftlich als auch sozial. Ich sehe mich auch in vielerlei Hinsicht als ein Botschafter für unser Land und meine Heimat ab und trage das, was mir hier Gutes widerfährt gern in die Welt."
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2 Kommentare
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Lydia Schubert aus Nordhausen | 03.10.2012 | 18:19  
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Annett Deistung (HarzWusel) aus Nordhausen | 03.10.2012 | 19:28  
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