Selbst Winnetou liebte die Schaukelpferde von Gerald Cron

Schaukelpferd-Schöpfer Gerald Cron.
 
Detailiert, nahezu lebensecht und immer ein Unikat - dafür sind Crons Schaukelpferde bekannt.
Ohrdruf: Schloss Ehrenstein |

Der Gothaer Gerald Cron baut, ­repariert und sammelt seit mehr als zwei Jahrzehnten Ohrdrufer ­Schaukelpferde.

Am Anfang gab es wie so oft im Leben eine Wette. Ein Freund suchte für seinen Sohn ein Schaukelpferd. So eines, wie sie in Ohrdruf seit Jahr und Tag gebaut und in die ganze Welt exportiert wurden. „Ich besorg‘ dir eins“, versprach Gerald Cron. Er benötigte zwei Jahre und musste erst selbst zum Schaukelpferd-Schöpfer werden, dann hatte er sich den Wetteinsatz, ein Fass Bier, redlich verdient.

Das liegt jetzt schon mehr als zwei Jahrzehnte zurück. Cron hat seitdem mehr Schaukelpferde gebaut und repariert, als er sie zählen könnte. Er gilt als der Thüringer Experte für dieses einzigartige Spielzeug, das 1865 in Ohrdruf erfunden wurde. Er wurde eingeladen zu exklusiven Veranstaltungen im In- und Ausland, von Blaublütigen und Wohlhabenden. „Ich habe mit Leuten geredet, die mich sonst nie beachtet hätten. Doch ich war der Hin­gucker, weil ich ­etwas ­gemacht habe, was sonst keiner mehr gemacht hat“, erinnert sich der Gothaer.

Mittlerweile ist Cron Busfahrer. Er hat keine Schaukelpferd-Werkstatt mehr und ein Großteil seiner Sammlung ist dem Schlossbrand in Ohrdruf zum Opfer gefallen. Ein schwarzer Tag, dieser Dienstag am 26. November 2013. Noch am Wochenende zuvor hatte Cron mehr als 100 Jahre alte Schaukelpferde, Original­urkunden, seltene Sammlerstücke und eigene Qualitäts­arbeit nach Schloss Ehrenstein transportiert. Am Sonntag darauf sollte die Eröffnung sein. Sollte...

Was die Flammen des Dachstuhlbrandes nicht zerstörten, erledigte das Löschwasser. Über die Schäden am Schloss, an Gemälden und der Puppensammlung wurde seitdem viel berichtet. „Über die Schaukelpferde hat aber kaum jemand ein Wort ver­loren“, wundert sich der ­heute 59-Jährige. Den Wert des unwiderruflich Verlorenen mag er nicht beziffern. „Für manche ist ein Schaukelpferd ein altes Ding, für mich ein halbes Heiligtum.“

Das Feuer im Schloss wurde gelöscht, Crons Leidenschaft für Schaukelpferde brennt noch immer. Er sitzt am Esszimmertisch und erinnert sich: Wie die Film­indianer ­Pierre Brice und Gojko Mitic an seinem Leipziger Messetisch die Schaukelpferde signierten. Oder wie er Ausstellungen organisierte, mit Gemälden und Fotos von Schaukelpferden. Fürs Bratwurstmuseum in Holzhausen hat er sogar eine Schaukelbratwurst gebaut. Keine Idee war ihm zu abwegig. „Seitdem ich weiß, dass es eine Weltmeisterschaft im Luftgitarre-Spielen gibt, mache ich vor nichts Halt, denn so etwas ist ja noch verrückter.“

Gerne würde er noch eine Ausstellung organisieren. In Ohrdruf plant er ein Musterzimmer an einem authentischen Standort. Er möchte zeigen, wie hier früher Schaukelpferde gebaut wurden, wer die Menschen hinter dem Werkzeug waren. Was die Suche nach Helfern angeht, sieht er schwarz, denn andere kreative Köpfe hat er in Thüringen leider viel zu selten getroffen. Unterstützt wurde er selten bis nie, hörte viel zu oft, was angeblich nicht geht.

Aushängeschilder für die Region


Er ärgert sich darüber, dass die Kommunalpolitiker, die Ohrdrufer, ja im Grunde die meisten Thüringer so oft so kleinkariert seien. Das Schaukelpferd, das alte Handwerk – das seien doch ganz besondere Aushängeschilder für die Region. Keiner erkenne dies, keiner wisse, es zu vermarkten. Desinteresse? Faulheit? Er kann sich die Gründe nicht recht erklären.

Cron blättert durch zahlreiche Artikel in Hochglanz­magazinen und Sonder­drucken – alle haben über ihn und sein kostbares Handwerk berichtet. Selbst in einer Doktorarbeit taucht er auf. Um das Schaukelpferd nicht nur als Geschenk zu Weihnachten, sondern auch zu Taufen attraktiv zu machen, pilgerte er durch Deutschlands Großstädte. Nur er und ein Handkarren, beladen mit sechs Schaukelpferden. Er war immer die Attraktion. Auf diese Weise, sagt er, hat er so viel Werbung für die Region gemacht, wie es sich keine Stadt leisten könne.

Das Schaukelpferd sei so ein sinnvolles Spielzeug, an dem alle Freude hätten: Mädchen, Jungen, Jung und Alt. „Bei einem Kind ab zwei Jahren können sie so feststellen, ob es Gleichgewichtsstörungen hat und ob es Bewegungen koordinieren kann.“ Senioren habe er getroffen, die ob ihrer Kindheitserinnerungen Tränen in den Augen hatten. „Schaukelpferde werden auch nicht weggeworfen“, sagt Cron. „Bei manchen haben schon die Mäuse drin genistet, die waren zerrupft, kaputt, heruntergelottert. Aber Wenn das Pferd auch noch so räudig aussieht, gehört es doch über Generationen zur Familie. “

Die abgerittenen repariert Cron immer am liebsten. „Das bedeutet, dass auch damit gespielt wurde. Und ich habe sie nie gebaut, damit sie nur als schönes Accessoire in der Ecke stehen.“

Hintergrund


• Das Schaukelpferd, das wie das Original aus Fleisch und Blut aussieht, ist eine Erfindung aus Ohrdruf. Es ist auf Carl Eduard Meinung zurückzuführen, der ab 1865 das erste mit Naturfell bezogene Schaukelpferd produzierte und bis ­Australien und Amerika in die Welt exportierte.

• Die Ohrdrufer Schaukelpferde waren noch zu DDR-Zeiten ein Exportschlager, danach brach diese Industrie zusammen. Als keiner mehr etwas von Schaukelpferden wissen wollte, putzte Cron bei ehemaligen Mitarbeitern die Klinken, eignete sich von ihnen das Wissen an, kaufte Maschinen, Werkzeug und Schablonen auf.

• Seit mehr als 20 Jahren sammelt, baut und repariert Cron seitdem Ohrdrufer Schaukelpferde. Seine Spielzeuge sind Unikate, die sich in filigranen Details unterscheiden – sei es nun das Fell, die Mähne, die Augen, der Sattel, die Steig­bügel oder Kandaren.
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