So kam es zum 100.Geburtstag mit Walzer-Tanz und Fanfarenzug

Fanfaren- und Show-Orchester Gotha an der Spitze des Umzuges zum 13.Thüringentag (10.07.2011) in Gotha
Es war nach dem Krieg und noch vor der Wende, unsere Familie wohnte im letzten Neubaublock der Brieglebstraße – gleich neben dem Südsportplatz Gothas. Im Block wohnte eine 97-jährige Dame, die schon sehr gebeugt aber noch reichlich schnell ging.

Da passierte das, was mir zu ihrem 100.Geburtstag wieder „auf die Füße fiel“: Sie kam gerade wieder in forschem Schritt aus der Stadt, hatte dort wie stets im "Café Lösche" ihr Käffchen getrunken.
Als ich sie sah, meinte ich, dass sie heute aber etwas langsam sei. Ach, seufzte sie – das liegt an meiner Tochter (75), die nicht recht laufe. Aber sie selbst sei doch noch ganz gut zu Fuß. Bestätigend meinte ich, zu ihrem 100. mit ihr ein Tänzchen wagen zu wollen. Sie nahm das Angebot lächelnd an.

Der 100.Geburtstag der alten Dame war gekommen. Als besondere Überraschung konnte ich den Chef des damaligen Fanfarenzuges des Betriebes Fahrzeugachsen dafür gewinnen, mit dem Fanfarenzug zu kommen und der 100-jährigen ein Ständchen zu bringen.

Als der Fanfarenzug (heutiges Fanfaren- und Show.Orchester Gotha) im Anmarsch war, überlegten sicher einige, ob 1.Mai oder ein andrer wichtiger Tag sei. Dann bauten sich die Jugendlichen zwischen den beiden letzten Blöcken auf und gaben ihr Ständchen, wodurch neben den zahllosen Neugierigen schließlich auch die Jubilarin (in der Kittelschürze vom aktiven Küchendienst "losgerissen") herunter kam.
Nachdem sie ihre Tochter angewiesen hatte, dem Orchester etwas Geld als Dank zu geben, wischte sie sich gerührt Tränen aus den Augen.

Nun folgten die Gratulationen der Umstehenden. Schließlich gratulierte ich auch und wollte gerade mit meinem Jüngsten heimgehen, als ich hinter mir hörte: „Na, Jüngelchen, wie denn? Ist wohl nichts mit dem versprochenen Tanz?!“
Mit hochrotem Kopf ging ich zurück und wurde von der 100-jährigen untergehakt. Dann ging’s hoch in die Wohnung. Dort lachte mich verschmitzt der Schwiegersohn an und legte bereits eine Wiener-Walzer-Schallplatte auf.
Alle machten uns Platz. Ich verbeugte mich um-den-Tanz-bittend, während sie einen Knicks andeutete. Dann waren wir ein Tanzpaar und drehten unsere Runden. Nach 3-5 Umdrehungen bedankte ich mich für den Tanz, wollte ich doch die Jubilarin nicht überanstrengen. Da lachte diese mich an und sagte laut: „Na, kannst wohl nicht mehr?!“ Unter dem Gelächter der Anwesenden, stammelte ich eine Ausrede.

Schließlich wurde ich noch aufgeklärt, dass die 100-jährige immerhin in der Jugend aktive Keglerin gewesen war.
Sie zog mich förmlich mit in ihr Zimmer, wo sie mir noch reichlich aus ihrem Leben erzählen musste.
So haben sie früher Strümpfe gestrickt und für 10 Pfennig verkauft, um das Geld zusammenzubekommen, damit sie nach Gotha reinfahren konnte als Kaiser Wilhelm angekündigt war. „Jüngelchen, haste denn unsern Kaiser gekannt?“ Nein. „Und den Hindenburg?“ Nein. „Und den Hitler?“ Nein. „Na sag mal, wen kannteste denn überhaupt? Oder hat dich das alles nicht interessiert?!“ Ich bin doch erst nach Kriegsende geboren! „Ach so, da kennste natürlich nur die Jüngeren, wie den Adenauer.“

So breitete sich ein Teppich erlebter Geschichte vor mir aus, mit dem ich wahrlich nicht gerechnet hatte.
Und alles, weil ich drei Jahre zuvor die Lippe riskierte und zum 100. auch noch den Fanfarenzug gewinnen konnte.
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Diana Brill aus Gotha | 07.05.2012 | 20:54  
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