Strahlende Kinderaugen (Eine Geschichte zum Advent)

Sie kamen durch die große Tür und zitterten. Sicher erhofften sie, dass es hier drin-nen wärmer ist als draußen. Das kleine Kind, das die Hand seines Vaters hielt, sah mich großen Augen an. Es schien doch tatsächlich irgendetwas von mir zu wollen. Doch ich kümmerte mich nicht weiter darum. Ich ließ meine Augen durch den Raum schweifen.
Plötzlich riss mich ein Gezerre aus meinen Gedanken. Erschrocken blickte ich nach unten. Und wer stand da? – Das kleine Kind. Erst jetzt sah ich, dass es ein niedli-ches Mädchen war. Kurze schwarze Locken umrahmten ihr Gesicht. „Was willst du?“, fragte ich sie. Die Kleine blickte mich nur fragend an.
„Was möchtest du? Kann ich dir helfen?“ Wieder keine Antwort, nur traurige dunkle Augen starrte zu mir hoch.
Sie zog schon wieder an meinen Mantel, versuchte meinen Schal zu fassen. Zum Glück war sie zu klein. Wer weiß, vielleicht hätte sie mir den Hals abgeschnürt.
„Der?“, fragte ich und griff an meinen Schal. Die Kleine nickte.
Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Das geht leider nicht. Das ist mein Lieblingsschal, den habe ich von meiner Mutter geschenkt bekommen.“
Sie sah mich traurig an, fing an zu weinen und lief zu ihrem Vater. Sie fiel in seine Arme und schien sich nicht zu beruhigen. Wie sie so in den Armen ihres Vaters weinte, da kamen mir fast die Tränen. Ich bekam einen Kloss im Hals. Irgendwie schämte ich mich. ´Aber warum sollte ich mich schämen? ´, ging es durch meinen Kopf. ´Ich habe doch nur behalten, was mir gehört. ´
Ich wandte mich um und sah aus dem Fenster. Draußen hasteten die Menschen über die Straße. Autos fuhren vorbei. Oh ja, es war schon recht kalt, aber geschneit hatte es noch nicht. Gegenüber von der Post war ein Geschäft. Es musste neu sein. Bisher war es mir noch nicht aufgefallen. Durch die schmutzigen Scheiben konnte ich die Schrift „Wintersachen für jedermann“ erkennen.
Plötzlich schoss mir ein Gedanke durch den Kopf. Ich sah zum Schalter – immer noch dieselbe Schlange. Mein Blick ging zur Uhr über der Tür – kurz vor sechs. ´Das könnte ich noch schaffen. ´ Ich sprang auf, ging durch die große Tür und lief über die Straße. Hinter mir hörte ich nur noch ein Hupen. Als ich vor dem Geschäft ankam, wollte die Verkäuferin gerade zuschließen. Ich klopfte an die Türscheibe und rief: „Moment!“
Die Verkäuferin zuckte zusammen.
Ich sagte: „Ich brauche noch etwas sehr sehr Wichtiges aus ihrem Geschäft.“
„Muss das unbedingt heute sein? Ich wollte gerade schließen.“, meinte sie ganz verdutzt.
„Es geht auch ganz schnell.“, versicherte ich ihr.
Die Verkäuferin öffnete die Tür einen Spalt und ließ mich herein. „Was wollen Sie denn?“
„Ich suche einen schönen, langen Schal. So einen wie ich gerade um habe. Farbig und genauso weich, vielleicht aus Kaschmir.“
Die Verkäuferin sah mich nur fragend an. Sie schüttelte den Kopf, ging zu einem Regal und holte einen langen, roten Schal. Ich schluckte, als ich den Preis sah. Entweder oder. Wenn ich mich nicht beeile, ist die Familie vielleicht weg und die Verkäuferin sauer, weil ich den Schal zurückbringe. Also nahm ich ihn kurzentschlossen. Im Hinausgehen kam mir noch ein Gedanke: „Können Sie mir den schal noch schön einpacken?“
Die Verkäuferin verdrehte die Augen und wurde sichtlich ungehalten. Sie griff unter den Ladentisch und griff eine bunte Tüte, tat den schal hinein und schob ihn mir zu. Ich griff die Tüte, verließ den Laden und flitzte wieder über die Straße und geradewegs in die Post.
Ich blickte überall herum, aber keine Familie. Immer noch außer Atem setzte ich mich auf die Bank. Traurig starrte ich auf meine Schuhe. Da tippte mich jemand auf die Schulter. Ich erschrak, drehte mich um. Der Vater von dem kleinen Mädchen stand vor mir. In gebrochenen Deutsch sagte er: „Entschuldigen Sie das Vorfall meiner Tochter!“
Verdutzt sah ich ihn an und fragte: „Wo ist denn ihre Kleine?“
Er drehte sich um und zeigte auf eine hinter den Auslagen. Da saß die Kleine und zitterte. Langsam ging ich auf sie zu und gab ihr mein Geschenk. Überrascht griff sie die Tüte und ihre Augen begannen zu strahlen. Sie holte den Schal heraus und lachte von ganzen Herzen. Und dieses Lachen begleitete mich durch die Advents-zeit.
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5 Kommentare
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Gunter Linke aus Saalfeld | 08.12.2012 | 10:47  
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Eveline Dempke aus Zeulenroda-Triebes | 08.12.2012 | 20:38  
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Hannelore Grünler aus Artern | 08.12.2012 | 22:13  
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Uwe Zerbst aus Gotha | 09.12.2012 | 13:37  
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Renate Jung aus Erfurt | 31.12.2012 | 12:50  
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