Verlorene Zeit im falschen Körper - "Mein Leben hat erst begonnen, seit ich als Frau lebe."

Gerda Sossna lebte den Großteil ihres Lebens als Mann, wollte aber schon immer eine Frau sein. Den steinigen Weg hat sie noch lange nicht bewältigt.
 
"Mein Leben hat erst begonnen, seit ich als Frau lebe."
 
„Durch mein Outing als Transsexueller habe ich alles verloren.“
Gotha: Hauptmarkt |

Gerda Sossna lebte den Großteil ihres Lebens als Mann – unglücklich im falschen Körper. Seit ein paar Jahren darf sie Frau sein - doch der Weg dahin war steinig... Und ist es immer noch. Damit es anderen Transsexuellen leichter ergeht, gründet sie jetzt eine Selbsthilfegruppe in Gotha.

Gerda Sossna hat fürs Foto den Lippenstift nachgezogen. Doch ihr rosa Mund mag trotzdem nicht lächeln. Es liegt nicht am Regen, der gerade in Gotha einsetzt. Ihr schrilles, selbstbewusstes Auftreten täuscht: Das Haar ist bunt wie ein Regenbogen, doch die Seele oftmals traurig blau und das Herz einsam. „Durch mein Outing als Transsexueller habe ich alles verloren.“

Vor sechs Jahren wurde aus dem Schorsch die Gerda – zumindest offiziell, denn gefühlt hat sich Sossna schon immer als Frau. Den Schritt zum Wandel des Geschlechts bereut sie nicht, nur dass sie ihn so spät gegangen ist. Mehr als vier Jahrzehnte als Mann wollen nicht mehr zu ihrem heutigen Ich gehören. „Wenn ich zurückblicke, ist das für mich eine verlorene Zeit. Ich hätte es gleich durchziehen müssen. Aber früher waren die Umstände noch schlimmer als jetzt. Darum habe ich immer zwei Leben geführt.“

„Ich habe gedacht, du musst deine Transsexualität ablegen, du musst Mann werden.“


Sossna wuchs in München mit der Cousine auf, die den Jungen wie eine kleine Schwester behandelte. Von Kindesbeinen an kleidete sich der kleine Georg wie ein Mädchen. Seine Brüder hänselten ihn, sein Vater verstand ihn nicht, versuchte – komme, was da wolle – ihn zum Mann zu erziehen. Später drängte er ihn zur Ausbildung zum Zimmermann. „Ich wollte das nicht. Ich wollte unbedingt Friseur werden.“ Dem Vater zuliebe zog er die Lehre dennoch durch. Es folgten noch andere Jobs, von Männern dominiert, wie Stahlbetonbauer und Koch.

Sossna verpflichtete sich sogar bei der Bundeswehr. „Ich habe gedacht, du musst deine Transsexualität ablegen, du musst Mann werden.“ Zwölf Jahre später erkannte er: „Es hat nichts genützt, es ist nur noch schlimmer geworden.“ Beim Einsatz in Afghanistan verlor er sein rechtes Sprunggelenk, mittlerweile hat er zwei künstliche Hüften. Doch die seelischen Narben waren noch viel tiefer, führten zu Depressionen und mehreren Selbstmordversuchen.

Wenn seine Frau auf Dienstreise war, begann sein zweites Leben.


„Ich habe versucht, alles zu verdrängen, habe viel getrunken. Ich wurde dadurch sehr aggressiv, weil ich zwei Leben geführt habe.“ Seit mittlerweile 20 Jahren habe er aber keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. „Rauchen ist mein einziges Laster.“ Und auch beruflich lief es zunächst wieder rund: In Darmstadt war Georg Sossna zehn Jahre Platzmeister einer Tennisanlage und jährlich Ausrichter eines 25 000-Dollar-Turniers. 2007 verlieh ihm der Tennisbund die Auszeichnung als bester Platzmeister Deutschlands. Wenn seine Frau auf Dienstreise war, begann sein zweites Leben. Dann schlüpfte er in die Frauenkleider, die in seinem Tennisspint lagerten, und genoss heimlich das Nachtleben im benachbarten Frankfurt.

Sossna, seit 2009 in Thüringen, heiratete zweimal, hat Kinder, die seit seinem Outing vor sechs Jahren jeden Kontakt abgebrochen hätten. Sein Leben lang hat er die Transsexualität verschwiegen, die Familie sei aus allen Wolken gefallen. „Sie verstehen nicht, dass der Vater so ist. Aber ich kann nicht anders leben. Das ist mein Leben.“ Die Enkelkinder bekomme Sossna gar nicht zu Gesicht. Die Ehe wurde nach 16 Jahren annulliert wegen Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Ja, gesteht Gerda Sossna heute, das alles sei unfair gegenüber der Frau, der Familie gewesen. Als Transsexuelle mit lesbischer Veranlagung wäre sie gerne mit ihrer Ehefrau zusammengeblieben. „Aber sie konnte so nicht mehr mit mir leben. Meine Frau hat sich von mir getrennt. Es ist ein schwerer Schritt. Du verlierst alles. Ich hatte auch mal viel Geld und viele Häuser, die ich verkaufen musste.“

„Es gibt kein zu spät. Aber je später du es machst, desto schwieriger wird es.“


Sie habe sich spät geoutet, sagt sie, mittlerweile über 50. „Doch es gibt kein zu spät. Aber je später du es machst, desto schwieriger wird es.“ Damit spielt Gerda Sossna auch auf die Hormonbehandlung an, die Jüngere besser verkraften. Sie muss sich jeden Tag rasieren, den leichten Bartwuchs bekommt sie wohl nie weg. Auch bekomme ein junger Mensch mehr Unterstützung von der Krankenkasse.

„Die meisten Transsexuellen wagen den Schritt nicht. Es gibt nur ein, zwei Prozent, die so leben wie ich und sich auch operieren lassen wollen.“ Sossna hat einen ­OP-Termin, für den sie ­jahrelang gekämpft habe. Zwei geschlechtsangleichende Operationen lägen körperlich zwischen Mann und Frau. „Unten aufgeschnitten, umgestülpt, reingeschoben. Und die Harnröhre wird verkürzt“, beschreibt sie die beiden fünfstündigen OPs. Die Kasse übernehme die ­Kosten, die sich auf rund 70 000 Euro beliefen. Anders herum wäre es deutlich komplizierter – von Frau zu Mann lägen 15 OPs, über mehrere Jahre verteilt.

„Im Fernsehen wird alles immer nur beschönigt. Aber es ist nicht schön. Es ist ein steiniger Weg“


Hinzu komme die Psyche. Die Personenstandsänderung fordere drei kostspielige Gutachten dreier unabhängiger Psychologen, die die Transsexualität bestätigen. Auch habe sie im „Alltagstest“ ihren Wunsch, als Frau zu leben, beweisen müssen.

„Im Fernsehen wird alles immer nur beschönigt. Aber es ist nicht schön. Es ist ein steiniger Weg“, sagt ­Sossna. „Bei Behörden ist ein ­Transsexueller oft nur ein Mensch zweiter Klasse.“ Bei ihr sei es zum Glück nicht so. „Ich bin als rasende ­Oberschwester bekannt wie ein bunter Hund.“ Durch ­ihren Job im Pflegedienst führe sie gute Beziehungen zu den Ärzten. Sie sei zwar alt, behauptet sie, aber immer noch eine verrücktere Nudel als manche andere. „Ohne Mut und Selbstvertrauen geht gar nichts“, weiß sie nur zu gut.

In Nordhausen leitete sie bereits eine Selbsthilfegruppe. In ihrer neuen Heimat Gotha will sie auch eine gründen. „Es gibt in jeder Schicht Transsexuelle. Die meisten trauen sich nicht, dazu zu stehen.“ Sossna möchte diesen Menschen helfen. Das Internet sei kein Ersatz. „Man kann sich besser austauschen, wenn man mit jemanden darüber redet.“ Vor ihr liegt ein dicker Ordner mit Gesetzestexten und Informationen zum Thema. Sie kennt die Probleme und Hürden.

„Mein Leben hat erst begonnen, seit ich als Frau lebe“, macht sie dennoch Mut. Heute fühle sie sich als Mensch wunderbar, wenn auch allein und von allen Menschen verlassen. Halt findet sie in der Arbeit, bei den netten Kollegen und Patienten. „Durch die Einsamkeit gehe ich kaputt. Darum arbeite ich am liebsten Tag und Nacht, damit ich unter Menschen bin.“ Und dann sagt sie: „Ich wünsche mir wieder eine Familie.“


Kontakt

Gerda Sossna möchte eine Selbsthilfegruppe für transsexuelle Menschen in Gotha gründen. Angesprochen sind alle Frauen und Männer, die sich im falschen Körper ­gefangen fühlen. Neben regelmäßigen persönlichen Gesprächen, bei denen Vertraulichkeit und Anonymität gewahrt werden, sind auch gemeinsame Freizeitaktivitäten geplant. Auf Wunsch gibt es Hilfe beim ersten Outing und dem oftmals steinigen Leben danach.

Interessenten melden sich bei der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen:
Telefon: 0 36 21 / 21 48 70, E-Mail: sozial@kreis-gth.de.

Andere Thüringer Gruppen:

»Transfreunde Nordhausen, Riemannstraße 16, 99734 Nordhausen, E-Mail: soon-a-woman@mail.de, Tel.: 01520 3878553

» Transhilfe Thüringen, Selbsthilfegruppe für Transsexuelle in Jena, Telefon 01 52 / 07 14 88 21, jena@transhilfe-thueringen.de

» ZWANG?los! – Selbsthilfegruppe für Trans- und Intersexualität, Siegrid Tenbusch,
Mobil: 01 76 / 99 07 95 86, zwanglos.erfurt@gmx.de

»„Transitas“ Transsexuellen-gruppe, Stadtverwaltung Erfurt / Amt für Soziales und
Gesundheit / KISS – Beratungsstelle für Selbsthilfe Erfurt,
Irina Krause, kiss@erfurt.de, Telefon: 03 61 / 6 55 42 04

Hintergrund:

• Transsexuelle wissen: Sie haben bei der Geburt das falsche Geschlecht erhalten. Sie möchten als Angehörige des anderen Geschlechts anerkannt werden. Sie streben danach, Körper und Selbstwahrnehmung anzugleichen.

• Bisher konnte nicht sicher erwiesen werden, welche Ursachen der Transsexualität zugrunde liegen. Einige Mediziner und Psychologen sehen Transsexualität als Störung der Geschlechtsidentität. Manche Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Fötus im Mutterleib durch gegengeschlechtliche Hormone beeinflusst wird, andere sehen Veränderungen der Hirnstruktur als Auslöser.

• Transsexualität sagt nichts über die sexuelle Orientierung aus: Es gibt heterosexuelle, homosexuelle und bisexuelle Transsexuelle.
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