Erinnerungen an das Sperrgebiet

Antrag auf die Einreise ins Grenzgebiet damals in der DDR
An das ehemalige Sperrgebiet habe ich ganz besondere Erinnerungen, bin ich doch in einem Dorf direkt an der Grenze zu Hessen in der Rhön groß geworden. Für uns Kinder war vieles selbstverständlich, worüber andere nur mit den Kopf geschüttelt hätten. Zum Beispiel gab es keine spontanen Besucher. Jeder Besucher musste mindestens 4 Wochen vorher seinen Besuch in das Sperrgebiet mit Datum beantragen, bekam dann bei Genehmigung einen Passierschein kurz vor dem Einreisedatum ausgestellt. Ungeliebter Besuch konnte so auch ausgebremst werden, denn es war auch „normal“, dass es oft zu Ablehnungen kam. Jeder Besucher musste sich am Ankunftstag mit dem Hausbuch, Personalausweis und Passierschein beim ABV anmelden, am Abreisetag abmelden. Sprechzeit war jeden Tag um 18.00 Uhr. Unser Linienbus fuhr nur in Richtung Osten und vom Küchenfenster aus konnte ich 4 Beobachtungstürme zählen. Ungläubig haben wir den Großeltern gelauscht, wenn diese über für uns unerreichbaren Orten wie Tann, Fulda oder Hilders erzählten. Noch unverständlicher war die Tatsache, dass zwar die Großmutter in dieses „andere Land“ fahren durfte, dafür auch noch eine kleine Weltreise machte und fast einen ganzen Tag unterwegs war. In Wirklichkeit fuhr sie nur 5 km in Richtung Westen- Luftlinie. Sehr eingeprägt hat sich für mich eine Heuernte im Jahre 1969, damals war ich 6 Jahre alt. Meine Großeltern hatten unter anderen eine Wiese direkt an der Grenze. Wer dort hin wollte musste neben der allgemeinen Berechtigung (Bewohner im Sperrgebiet hatten einem Stempelt im Ausweis) eine weiteren Passierschein haben, um dort in den Schutzstreifen zu dürfen. Die Grenze bestand damals als ein Mienenfeld, welches mit Stacheldraht abgetrennt war. Es schloss sich dann ostwärts ein Pfad der Grenzer an und weiter kam ein gerechter Streifen ohne Bewuchs. So konnten die Grenzer nach Spuren suchen um zu erkennen, ob jemand in Richtung Grenze gelaufen ist. Erst später kamen die Metallzäune dazu, auch Hunde und andere Sicherungen. Neben diesem Streifen ohne Bewusch war unsere Wiese. Zur Heuernte wurde jede Hand gebraucht, auch wir Kinder mussten mit und auf dem Leiterwagen das Heu festtreten. Auf einmal sahen wir zwei Grenzsoldaten den Hang herunter auf uns zu kommen. Das Dumme war, das eine Helferin keinen Passierschein hatte. Das war verboten und wurde streng geahndet. Wurde jemand ohne Berechtigung festgestellt, so folgte auf alle Fälle eine Festnahme mit Verhören, da immer von einer möglichen Flucht in den Westen ausgegangen. Was tun? Die Frau versteckte sich in einem dieser großen Heuhaufen und war nicht mehr gesehen. Wir Kinder wurden mit strengen Worten ermahnt, ja nichts zu sagen oder Angst zu zeigen. Doch gerade das erzeugte auf uns einen ziemlichen Druck und wir wagten vor Angst fast nicht zu atmen. Alles ist gut gegangen, nach den Kontrollen gingen die Grenzer weiter. Als sie nicht mehr zu sehen waren kam die Frau wieder aus dem Heu. Wir alle waren froh, dass niemand etwas gemerkt hat. Heute einfach unvorstellbar wie auch die folgende Anwerkung. Wir Jugendliche gingen natürlich auch zum Tanz, doch oft wurde hin wie auch zurück gelaufen. Da passierte es öfters, dass wir kontrolliert wurden. Ein Grenzer leuchtete uns an und verlangte die Ausweise, ein zweiter lag in Deckung und hatte die Kalaschnikow im Anschlag, auch das war für uns damals „normal“, heute ebenso unvorstellbar. Das war nur zwei von vielen Erlebnissen aus dem Sperrgebiet.
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Annett Deistung (HarzWusel) aus Nordhausen | 15.08.2011 | 23:09  
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