Grenzfälle

Als wir 1998 in die Slowakei eingeladen waren, passierten wir die Grenze zwischen Tschechien und der Slowakei, wurden von unserer Gastgeberin gebeten, nichts zu sagen, ließen die versteinerten Blicke der Grenzer über uns ergehen, hörten ihre hart und unnachgiebigen Stimmen und waren schließlich alle erleichtert, als wir diese Grenze passiert hatten.

Als ich 1987 zum 50.Geburtstag meines Schwagers „in den Westen“ durfte, erlebte ich zweimal die entwürdigende Prozedur der Kontrollen in Probstzella. Beim zweiten Mal (auf der Rückreise) empfahl ich den mit im Abteil Sitzenden, uns im Gang hinzustellen, damit freie Bahn für die Kontrolleure war. Das wäre besser, als verklemmt zu warten, was da kommen würde.
Erstaunen bei der Kontrolleurin, schnelle Abteildurchsuchung, argwöhnisches Abtasten per Blick – dann hatten wir diese Prozedur überstanden. Eine Frau dankte mir besonders und hatte nun Zeit, das seitlich im BH versteckte Geld gerade zu rücken.
Abgesehen davon erkannte man die unterschiedlichen Länder am Tristen auf DDR-Seite und hellen blumengeschmückten Häusern auf der anderen Seite.

Die Stadt Sonneberg gehörte viele Jahre zum direkten Grenzbereich und durfte nur mit Passierschein betreten werden. Als Sonneberg in den siebziger Jahren „frei“ wurde, verschärften sich die Bedingungen für den grenznahen Bereich umso mehr, so dass heute noch unglaubliche Erzählungen zu hören sind von Menschen denen man wahrlich vertrauen kann. Selbst, wenn man 50% abstreichen würde, bliebe noch viel Unfassbares. Psychische Belastungen sind auch heute noch nicht völlig überwunden, brechen immer wieder aus den Menschen heraus.

Als wir im ersten Halbjahr 1990 von Berlin über Magdeburg und Hannover sozusagen „von hinten“ bei Eisenach wieder nach Thüringen fahren wollten, erlebten wir am Übergang Helmstedt eine Kontrolle, bei der wir die gerade so verstauten Urlaubssachen alle ausbreiten sollten. Harte Blicke, unnahbare Grenzer, leichtes Grinsen in den Gesichtern der beiden, wenn sie sich nicht beobachtet fühlten – ich war vielleicht wütend! Dann gingen beide aus dem Raum mit der kurzen Aufforderung: Einpacken, bisschen schnell! – Ich hätte heulen können, dieser Macht so ausgesetzt gewesen zu sein.

Bei all dem und zahlreichem wirklich Schlimmen, was dieser oder jener erlebt haben wird, ist es meines Erachtens immer der Mensch, der „die Musik macht“.
Man kann eine Anordnung – und mag sie noch so hart durchgesetzt werden müssen – gegenüber Fremden und keineswegs „grundsätzlich Verdächtigen“ so oder so durchführen. Je unmenschlicher, desto weniger begründet, je unfreundlicher, desto unsicherer sind die Kontrolleure – wird sich hinter Anordnungen und der ausübbaren Macht verschanzt! Und Unmenschliches / Menschenverachtendes kann natürlich nicht „nett“ gesagt und durchgesetzt werden. (Es sei denn, eine Verhöhnung und gewisser Sadismus kommen dazu.)

Nach dem 2.Weltkrieg kamen viele Gefangene zurück nach Deutschland mit dem festen Willen, ein neues gutes Deutschland aufzubauen, engagierten sich, schafften auch viel – um dann in der Wende mitunter feststellen zu müssen, dass sie wie ein Schild vor den Machenschaften anderer gehalten und ihre Ideale verraten waren.

Auch nach der Wende krempelten viele DDR-ler die Ärmel hoch und wollten ihre Erfahrungen und Kraft in das Neue geben, um es zu bereichern und zu verbessern – wenn auch gerade Letzteres oft belächelt wurde.
Waren es Mitglieder der ehemaligen SED, die in SED-PDS / PDS geblieben waren und nun in der LINKEN ihr Wirken im „für die gemeinsame Zukunft“ sehen, deren Handeln argwöhnischen „Kontrollen“ echt standhalten kann, erhalten diese Menschen meist doch einen Stempel aufgedrückt, der sie und ihr Wollen in Frage stellt.
Anderen ehemalige Genossen, die 1990 schier neu geboren sein wollen, macht man es leichter. Sie sind zumeist die schärfsten Kritiker der LINKEN, weil sie sich ja nie eingestehen wollen müssen, zur Wende etwa klein beigegeben zu haben.

Es gibt noch viele „Grenzfälle“ die im Grunde stets das menschliche Verhalten beschreiben. Da scheint es mir unerheblich, ob Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus oder wie auch immer die Beschreibung der gesellschaftlichen Verhältnisse sein mag.
Der Mensch ist ausschlaggebend und prägt das Gute wie das Böse. Ihm muss man „anlasten“, was einem widerfährt oder wie er etwas umsetzt! Also muss man ihn konkret benennen.

Solange einer verallgemeinernd vom typischen Wessi oder vom typischen Ossi spricht, hat derjenige innerlich zumindest noch keine Wende erfahren!
Erst wenn verblieben Unterschiede nur Anlass sind, sie gemeinsam zu überwinden oder sie verständlich zu machen, damit sie anerkannt und geachtet werden können, wird ein Schuh draus.

Der wirkliche Grenzfall ist und bleibt immer: der Mensch!
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1 Kommentar
13.092
Eberhard :Dürselen aus Weimar | 13.08.2011 | 13:34  
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