Kommt die Ohrabahn wieder? Wirtschaftsminister Tiefensee besuchte Hermes Ohrdruf

Pakete haben es auf dem Transportband sehr eilig ...
 
Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee im Gespräch mit der Geschäftsleitung
 
Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee im Gespräch mit der Geschäftsleitung: Betriebsleiter Jörg Reichenbach (rechts) und Geschäftsführer Frank Marquard (links).
Bei einem Arbeitsbesuch bei der Hermes Fulfilment GmbH in Ohrdruf zeigte sich Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee kürzlich offen, die Weichen wieder in Richtung einer Ohrabahn zu stellen – zumindest teilweise. Während eines Gesprächs mit der Geschäftsführung des Ohrdrufer Logistikers regte der Minister an, eine Thüringer Universität beispielsweise Erfurt, Jena oder Ilmenau, mit einem Forschungsauftrag zu betrauen, um eine Machbarkeitsstudie zur Wiederbelebung eines Teils der Ohrabahn erstellen zu lassen.

Hintergrund: Im Gewerbegebiet Ohrdruf arbeiten mehr als 3000 Beschäftigte. Nach der Stilllegung der Bahnstrecke Gotha – Ohrdruf – Gräfenroda (Kursbuchstrecke 572), einer 36 Kilometer langen eingleisigen Nebenbahn, mussten viele der im Gewerbegebiet tätigen Menschen auf das Auto umsteigen. „Zwar haben die Busbetriebe versucht auf diese geänderte Lage zu reagieren. Doch wegen der unterschiedlichen Arbeitszeiten der großen Firmen, wie Hermes, Brandt oder Storck, ist eine befriedigende Abdeckung der Transportkapazitäten nicht möglich. Mit der Bahn, die in kürzeren Takten aufwartete konnten viele Beschäftigte das Auto zu Hause lassen“, sagte Jörg Reichenbach, Betriebsleiter Hermes Fulfilment GmbH in Ohrdruf. „Denkbar wäre auch eine Bahnverbindung in freier Trägerschaft oder von Hermes und den anderen großen Firmen selbst“, so Wolfgang Tiefensee, der in Sachen Umwelt immer ein offenes Ohr hat.

Ein weiteres Thema seines Besuches war auch Wirtschaft 4.0 und die Elektromobilität. „Ob die Hermes Germany schon einmal darüber nachgedacht hat, die Paketfahrzeuge auf reinen Elektroabtrieb umzustellen“, wollte der Wirtschaftsminister wissen. Jörg Reichenbach verwies auf einen Feldversuch in Berlin und sah diese Möglichkeit für den Bereich Ohrdruf als wenig erfolgversprechend an, weil hier die Wege einfach zu weit wären.

Auch die Möglichkeit einer Mietfabrik diskutierte Wolfgang Tiefensee mit der Hermes-Chefetage in Ohrdruf. „Wir haben noch etwas Geld in der Kasse“, sagte er und deutete auf ein freies Grundstück, das Hermes bereits gekauft hat. Hier könne sich der Minister vorstellen, dass der Freistaat, ähnlich wie bei N3 in Arnstadt, die Halle baut und an Hermes vermietet. Auch diesen Vorschlag wolle Hermes demnächst prüfen und wieder vorstellig werden, genauso wie bei einem weiteren Thema, welches den Logistikspezialisten heiß unter den Nägeln brennt.

Thema Sonntagsarbeit. Im Zeitalter der verstärkten Internetbestellungen, muss ein Unternehmen wie Hermes zu Stoßzeiten, wie beispielsweise vor Weihnachten, Samstagbestellungen am Montag ausliefern. „Das geht aber nur, wenn es uns erlaubt wird, am Sonntag zu arbeiten“, so der Leiter des Hermes-Standortes Ohrdruf. Er beklagte, dass alle bisherigen Versuche von Seiter der Verantwortlichen Im Freistaat abgelehnt wurden. „Zumal wir als Geschäftsführung hier die Zusage von Gewerkschaft, Betriebsrat und der Belegschaft haben“, ergänzte Frank Marquard, Geschäftsführer Operations der Hermes Fulfilment GmbH in Ohrdruf. Im Vorfeld der Antragstellung hatten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf großzügige Regelungen im Fall einer freiwilligen Sonntagsarbeit von Teilen der Belegschaft geeinigt. Leider vergebens. Auch dazu versprach der Wirtschaftsminister, nach gründlicher Vorbereitung, noch einmal alle Beteiligten an einen Tisch zu holen, damit eine Lösung gefunden werden kann, „…mit der alle leben können.“ Die Idee generell zehn Sonntag Arbeit zuzulassen, sah besonders der Betriebsratsvorsitzende von Hermes, Ralf Braun, sehr kritisch und „… der Belegschaft nicht vermittelbar.“

Im Anschluss verschaffte sich Wolfgang Tiefensee auch praktisch einen Überblick über den Hermes-Standort in Ohrdruf. Ein kurzer Betriebsrundgang führte den Minister und die Vertreter der lokalen Presse über die etwa 90.000 m² große Firma, die mit Hightec, wie selbstfahrenden Transportfahrzeugen und einem seines Gleichen suchenden Sorter (Sortieranlage), zu den modernsten in Deutschland gehört. Allein in Ohrdruf werden pro Jahr 4,5 Millionen Pakete umgeschlagen von etwa 300 Mitarbeitern.

Im Jahr 1993 in Betrieb genommen ist heute spezialisiert auf die Lagerung und Kommissionierung von Großstücken bis zu einem Gewicht von 31,5 Kilogramm. Dazu gehören vor allem Elektrogeräte, Teppiche (allein davon gibt es in Ohrdruf gegenwärtig 215.000 Stück), Kleinmöbel und Baumarktartikel. Zu den Auftraggebern, für die Hermes Fulfilment in Ohrdruf logistische Aufgaben übernimmt, zählt in erster Linie die Otto Group als zweitgrößter Online-Händler der Welt.

Beeindruckt war Wolfgang Tiefensee nicht nur von der Größe des Logistikzentrums, sondern auch von der technischen Ausstattung. „Die zentrale Lage und die gute infrastrukturelle Anbindung Thüringens sind der Grund dafür, dass sich hier viele namhafte Logistikunternehmen angesiedelt haben. Umso mehr freut es mich, dass die Hermes Fulfilment GmbH heute von hier aus nicht nur als Full-Service-E-Commerce-Anbieter agiert, sondern mit ihrem fahrerlosen Transportsystem auch auf modernsten technischen Standard setzt", so Wolfgang Tiefensee.

Ein Staplerleitsystem navigiert die Flurförderfahrzeuge auf dem kürzesten Weg durch die Anlage. „Der Fahrer nimmt im Wareneingang die Palette auf, scannt den daran befindlichen Barcode und erfährt über seinen Bildschirm, wo er sie einlagern soll", informierte Geschäftsführer Frank Marquard den Minister. „Das sorgt für kurze Wege und schnelle Durchlaufzeiten."

Im Lager sind fahrerlose Transportfahrzeuge unterwegs, die sich entlang einer Magnetpunktspur bewegen. Sie führen eine Spezialpalette mit sich, in die Mitarbeiter die von Kunden bestellte Ware legen. Wo genau die Artikel liegen und in welcher Menge sie aus dem Regal zu nehmen sind, zeigt ein Display an. „Sobald der Kommissionierer die Entnahme per Knopfdruck an dem Fahrzeug bestätigt, fährt es automatisch dorthin, wo der nächste bestellte Artikel liegt", erläuterte Betriebsleiter Jörg Reichenbach dem Minister. Ist die Spezialpalette voll, steuert sie selbstständig den Warenausgang an. „Das speziell für das Logistikzentrum Ohrdruf entwickelte fahrerlose Transportsystem ist das erste europaweit, bei dem Personen im Automatikbetrieb mitfahren können", wies Jörg Reichenbach auf eine Besonderheit hin.

In der Hauptumschlagbasis, die die Schwestergesellschaft Hermes Logistik Gruppe Deutschland betreibt, verfolgte der Wirtschaftsminister, wie eine Sortieranlage die zuvor kommissionierten Artikel 70 verschiedenen Versandrichtungen zuordnet. Weitere Stationen des Rundgangs waren der Retourenbetrieb und die von namhaften Marken autorisierte Meister-Werkstatt, in der zurückgeschickte Geräte bei Bedarf repariert werden.

Mit rund 300 Mitarbeitern und zehn Auszubildenden ist Hermes Fulfilment heute einer der größten Arbeitgeber in Ohrdruf. Trotzdem fällt es dem Unternehmen immer schwerer, den Bedarf an Fachkräften zu decken und alle Ausbildungsstellen zu besetzen. „Und das, obwohl die Logistik in Zeiten des E-Commerce eine Branche mit Zukunft ist", machte Jörg Reichenbach den Wirtschaftsminister auf die personelle Entwicklung aufmerksam.
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