Leserbrief aus dem Jahr 2021 - ein etwas andere Nachruf auf die Bahnstrecke Gotha – Gräfenroda

Anzeige am 10.12. zum letzten Mal
 
Gräfenroda - vernagelte Fenster
Sommer im Jahre 2021, ein Großvater begibt sich mit seinem Enkel auf eine Radtour. Diese beginnt in Gotha am Bahnhof. „Hier stand früher ein großes Empfangsgebäude, ein Teil wurde leider am Ende des 2.Welzkriges zerstört, der andere Teil wurde vor einigen Jahren abgebrochen. Hintergrund dafür war eine immer wieder hinaus gezögerte Rekonstruktion durch die Deutsche Bahn. Dann wurde 2011 das Gebäude verkauft, doch es passierte weiter nichts. Heute gleicht alles einem Haltepunkt einer Straßenbahn aus den 80er Jahre.“ beginnt er seine Erläuterungen. Doch nun geht es los, mit dem Fahrrad vorbei am Weichenwerk, welches noch besteht und gut produziert. Danach kommt das ehemalige Reichsbahnausbesserungswerk RAW, hierarbeiteten vor 1990 viele Menschen, Speise- und Liegewagen der MITROPA wurden überholt und instand gesetzt. Heute eine Industrieruine. Rechts war früher der Güterbahnhof von Gotha, auch nicht unbedeutend bis 1991. Heute wuchert überall Unkraut. Die Tour führt aus Gotha heraus in Richtung Uelleben und biegt kurz vor dem Ort in Richtung Emleben ab. Auf die Frage, warum das so ist, erklärt der Großvater dem Enkel, das im Jahre 1876 hier die Eisenbahnstrecke Gotha – Gräfenroda gebaut wurde. Ja, und in Uelleben hatten die Bauern Angst vor der Eisenbahn und deshalb mach nun auch dieser Radweg einen Bogen, da er auf der ehemaligen Eisenbahnstrecke angelegt ist. Dank eines Konjunkturpaketes wurde die im Jahr 2011 eingestellte Strecke abgebaut und als Radweg umgebaut. Damit reiht sich diese in all die anderen Radwege ein, die früher Eisenbahnstrecken waren. Allein in Thüringen wurden hier viele alte Strecken so um genutzt. Weiter geht die Fahrt an Emleben vorbei, Petriroda und Georgenthal. Hier erzählt der Großvater dem Enkel, wie viele Züge früher von hier aus verkehrten. Da wo heute die Radwege nach Friedrichroda oder auch nach Tambach - Dietharz führen fuhren richtige Züge voller Menschen oder auch schwere Güterzüge. Vom Friedrichroda kann man auch auf dem Rad weiter über Waltershausen nach Fröttstädt oder Gotha fahren, wobei jeder zwischen zwei Strecken wählen kann. Natürlich stellt das Kind die Frage, warum die Eisenbahn nicht mehr fährt. Mit der Antwort auf fehlende finanzielle Mittel damals oder mangelndem politischem Willen ist es nicht getan. Doch welche Auskunft kann das Kind bekommen? Wird es verstehen, dass erst viele Millionen investiert worden sind in die Strecken um dann keine 3 Jahre danach die Strecke zu schließen? Was wird das Kind sagen, dass Geld damals als Kredite aufgenommen worden sind und noch heute zurück gezahlt werden muss? Die Verantwortlichen von damals sind in Pension oder abgewählt, Ihre „Leistungen“ bleiben. Auch die nächste Frage bleibt unbeantwortet. „Und wie kommen die Menschen jetzt zum Beispiel nach Gotha?“ Eine gute Frage. Der Großvater wird nachdenklich. Ende 2011 wurde die Strecke eingestellt, dann fuhren erst einmal Busse die alten Bahnstrecke ab, doch die Linien wurden nach und nach ausgedünnt, ebenso wie die Zugverbindungen vorher bei der Bahn. Irgendwann fuhr kein Bus mehr und die Menschen nahmen es hin. Dumm nur, dass viele junge Menschen weg gezogen sind. Jetzt wohnen viele ältere Menschen in den Dörfern, durch die Einkommenssituation der Rentner, sprich dem Bezug einer kleinen Einheitsrente, können sich die wenigsten noch ein Auto leisten. Auch sind oft die wenigen Ersparnisse für den Beitrag im Bereich Abwasser oder beim Straßenausbau aufgebraucht. Gut dass es die vielen mobilen Händler gibt und auch über das Internet Lebensmittel bestellt werden können. Ja, mit dem Zug wäre man früher in die Kreisstadt gefahren, zum Arzt wie auch zum einkaufen, ins Kino oder zum Konzert. Jeder hatte einen Sitzplatz, konnte bei Bedarf aufs WC, hatte Beinfreiheit und war unter Menschen. Die Schienenstrecke war vor der Stilllegung fast durchgängig für rund 15 Millionen Euro saniert, auch damals viel Geld. Die wiederholte Frage vom Enkel, warum denn dennoch die Strecke wie so viele andere auch geschlossen wurde – der Großvater hat keine Antworten. Erzählen könnte er von den Bemühungen einiger Politiker, als es schon lange zu spät war, von Krokodilstränen. Doch versteht es jemand, gerade ein Kind? Heute im Jahr 2021 ist der ehemalige Südkreis Gotha im Bereich öffentlichen Nachverkehr eine Wüste, verkehrstechnisch unerschlossen. Nachdenklich und meist schweigend fahren die beiden weiter auf der ehemaligen Bahnstrecke über Ohrdruf bis nach Crawinkel, weiter nach Gräfenroda. Da war einmal ein großer moderner Übungsplatz der Armee, ohne Gleisanschluss jedoch nicht zu nutzen. Gott sei Dank fährt ab Gräfenroda noch ein Zug zurück über Arnstadt nach Neudietendorf. Hier steigen die beiden um und bewundern den sauberen schönen zweckmäßigen Bahnhof. Am Haltepunkt Gotha steigen beide wieder aus. Viele Fragen bleiben offen. Unsere Kinder und Enkel werden Ihre Fragen stellen – wer wird ihnen wohl ehrliche Antworten geben?
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