Polterabend vom 02. auf den 03. Oktober – im Rückblick

Es war ein politischer Polterabend, als wir uns 1990 im „Kreml“, der früheren Kreisleitung der SED in Gothas Mauerstraße, zusammenfanden. Viele von uns waren wie ich zur PDS (*) hinzugestoßen, weil sie bei all dem Sumpf, den man aus der Gegenwart und Geschichte der DDR hervor holte - oft in undifferenzierter Verurteilung in Bausch und Bogen -, nicht die Achtung ihrer eigenen Vergangenheit mit in den Schmutz ziehen lassen wollten. Elternhaus, Kinderstube, Ausbildung, Liebe, Ehe, Kinder, Arbeit – das waren auch für mich keine Punkte, die ich ablegen oder gar vergessen wollte. Die Selbstachtung und die vieler anderer Menschen um mich herum waren es mir wert, dafür und aufrecht von der DDR in die BRD zu wechseln.
So saßen wir beieinander, plauderten über Ereignisse in unseren Leben, welche wir nicht vergessen und auch nicht missen mochten, stellten Fragen, deren Antwort wir noch nicht geben konnten. Ein wenig Wehmut war schon in mir, weil ja mein ganzes ICH mit eben dieser DDR verbunden war. Was nun?

Während für viele Menschen der 03.10.1990 der Tag ihrer „neuen Geburt“ wurde, sie alles hinter sich ließen – wenigstens wegschlossen und nicht daran erinnert werden wollen -, war es mir ein Abschied in eine politische Unklarheit.
Einige Polterabend-Spielrunden waren eingebaut. Darunter waren auch Wissenstoto und Versteigerungen. Damals ersteigerte ich eine DDR-Fahne ganz kurz vor Mitternacht. Und dann tanzten wir in den neuen Tag, in das „neue Land“ hinein, wurde dieser Tag ein Zeichen neuer Verhältnisse auch im privaten Bereich.

Die seitdem vergangenen Jahre sind meine intensivsten, inhaltsreichsten, bewegtesten, haben mich voll gefordert aber mir auch wahnsinnig viel gegeben. Dass sie auch keineswegs leicht waren/sind, verspüre ich meist nur rückblickend, weil ich voll am Gestalten der Gegenwart teilnehme.

Schnell hatte ich mich dienstlich in das Neue gefunden, beschloss ich für mich, nicht wieder zu programmieren, da der Westen ja alle Technik und Programme hatte, die man eben nur richtig nutzen musste. Die Schwemme der westlichen Anbieter wurde auch gut überstanden. Und 1994 wechselte ich arbeitsmäßig für fast 10 Jahre nach Kassel, fand ganz tolle Menschen aber auch viele, die es nicht verstehen wollten/konnten, dass sich nun auch die „alten Bundesländer“ ändern würden und wir bereits voll dabei waren.

Privat, dienstlich und politisch ging es ganz normal voran, gab es Tiefs aber meist einen Aufwärtstrend. Ja ich bin als gewachsener DDR-Bürger genauso in diesem Deutschland angekommen, bringe mich ein und bin stolz auf alle Lebensjahre (auch auf die in der DDR), wie ich dies den Bayern, Schwaben und sonst wem einräume.
Freilich haben die DDR-ler immer einen „eigenartigen Anstrich“ in den Augen von alt-BRD-lern. Doch damit kann ich leben, wenn diese Betrachtungsweise nicht von Hochmut geprägt wird, der da völlig Fehl am Platz ist.

Wenn ich heute ungläubige Gesichter sehe, weil sich mein Gegenüber gar kein oder ein falsches/einseitiges Bild von der DDR macht, dann denke ich an die Erzählungen meiner Eltern über ihre Klassentreffen, wo die westlichen Klassenkameraden erstaunt waren, dass meine Eltern so ordentlich angezogen und fröhlich waren, wo sie doch aus Ruinen(**) kamen. Gerade gerückt werden konnte dies allerdings erst im folgenden Treffen mit Bildern meiner elterlichen Wohnung.

Heute gibt es für mich nicht mehr WESSIS und OSSIS. Man kann und sollte mit Namen nennen, wer auf beiden Seiten noch nicht im Heute angekommen ist. Nur bei Abfälligkeiten wie „eure Ostzone“ bedaure ich zwar den Sagenden, zeige ihm aber deutlich, dass und wie er die Zeit verpasst hat und praktisch neben der Rolle steht.

Allen einen guten Feiertag!

Der nächste politische Feiertag wird wohl der 1. Mai 2011 sein.
In der DDR sprachen wir vom Kampftag (der Arbeiterklasse) aber kämpften nicht sondern feierten. Heute sprechen wir nur von einem Feiertag (Tag der Arbeit) und könnten ihn doch besser als Kampftag begehen. Gründe dafür gibt es leider.

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(*) Die damalige PDS ist nun mit der WASG im Prozess des Werdens einer gesamtdeutschen LINKEN.
Die Menschen dieser Partei und besonders die früheren DDR-ler darunter werden nicht selten mit hochgezogenen Augenbrauen skeptisch betrachtet oder gar im wahrsten Sinn des Wortes einfach „links liegen gelassen“. Deren Fähigkeit des Einfügens in das Heute wird mitunter einfach ausgeschlossen. Ja, man urteilt gar, ohne diese Menschen zu kennen oder kennen lernen zu wollen.
In und unter der DDR Gelittene holen oft zum Rundumschlag aus, um ihre Erlebnisse und Sicht nicht verwässern zu lassen. In der Sache haben sie sicher Recht – aber auch sie sollten in pauschaler Verurteilung anderer Menschen nicht selbst (neues) Unrecht gestalten.

Als Kind fragte ich meinen Vater, ob es für ihn früher nicht schlimm war, täglich unter den Nazis gelitten zu haben. Er sagte, dass auch in seiner Jugend gelacht, geliebt, Tanzstunden mit Freude besucht, Ehen geschlossen und stolz Kinder geboren und aufgezogen wurden – es auch ganz normalen Alltag gab.

Jüngst wurde er von seiner Urenkelin gefragt, ob er in seiner Kriegsgefangenschaft auch gefesselt war? (Sie verglich es mit Geschichten über die Indianer.)

(**) Basiert auf der DDR-Nationalhymne: "Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt . . ."
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