Welchen Wert hat ‚Deutschsein’?

Darüber machte ich mir eigentlich ernsthaft noch keine Gedanken. In der Nachkriegszeit als Sohn deutscher Eltern geboren, war ich eben deutsch, fühlte mich dann als DDR-ler und somit deutsch, bis ich mit der Wende wohl erst zu einem ‚richtigen Deutschen’ wurde oder werden durfte. Während mein Deutschsein für mich nie eine Frage war, ist das politisch eben doch differenzierter zu sehen.

Da erinnere ich mich an den Urlaub mit meinen Eltern in Bulgarien. Mein Vati wurde angesprochen, Geld zu tauschen, mit der Frage „Du deutsch?“ Er antwortete wahrheitsgemäß: „Ja, DDR!“ Daraufhin klopfte ihm der Bulgare freundlich und lachend auf die Schulter: „Oh, ja, gut Freund!“ – und war schnell verschwunden, wohl den zum Geldwechsel ‚richtigen Deutschen’ suchend.

Deutschland hat nun den stärksten Mann der Welt im Gewichtheben (Matthias Steiner). Er besitzt nach entsprechender Prüfungszeit die deutsche Staatsbürgerschaft – ist somit auch Deutscher, denke ich in meinem jugendlichen Leichtsinn. Die Goldmedaille wird auf jeden Fall Deutschland zugerechnet. Gewonnen hat sie ein Österreicher – oder ein österreichischer Deutscher oder doch einfach Deutscher? Die Sportjournalisten spielten im Fernsehen damit wie mit der Vergabe von Gummibärchen.
Wann ist man nun ein ‚Deutscher’? Was ist es wert, die deutsche Staatsbürgerschaft zu haben? Kann ich stolz sein, ein Deutscher zu sein, wenn Journalisten und Politiker damit einfach so herumspielen?

In meinem Heimatland leben Deutsche unterschiedlicher Hautfarbe und werden allein schon deswegen mitunter als nicht echte Deutsche betrachtet – wenngleich sie es (so gesehen) mehr sind als die leichtfertig und abwertend darüber urteilenden anderen Deutschen.
Amerikaner sind stolz, Amerikaner zu sein. Da lassen sie auch keinen Zweifel aufkommen, benehmen sich entsprechend. Italiener haben einen großen Nationalstolz, wie ich feststellen konnte. Wo ist demgegenüber aber der Stolz auf die deutsche Staatsbürgerschaft, warum kann der stärkste Mann der Welt nicht einfach das sein, was er nun einmal geworden ist: Deutscher?! Warum können und singen etliche Deutsche nicht oder nur verschämt die deutsche Hymne? Weshalb muss ich stets und ständig die Bürde der Geschichte mit mir herumtragen? Und mit welchem Recht tun andere wiederum so, als würde Deutscher zu sein sie über alle anderen Menschen erheben?

Ich möchte mich nicht schämen müssen, ein Deutscher zu sein!
Und wieder summe ich die Kinderhymne von Brecht:
Anmut sparet nicht, noch Mühe, Leidenschaft nicht noch Verstand, dass ein gutes Deutschland blühe, wie ein andres gutes Land …

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(Aus dem Konzept meines 2.Büchlein)
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