Deutschland wird Nichtschwimmerland - Bäder reagieren mit Schwimmkursen für Erwachsene

Jeder vierte Erwachsene soll Angst vor dem Sprung ins Wasser haben. (Foto: Colourbox)
 
Die 79-jährige Hildegard Kowallik (links) hat erst im hohen Alter richtig das Schwimmen gelernt. Das klappte, weil sie Schwimmlehrerin Saskia Merten immer vertrauen konnte.
 
537 Menschen ertranken im vergangenen Jahr – die höchste Opferzahl seit zehn Jahren. (Foto: Colourbox)
Gotha: Stadtbad |

Immer weniger Erwachsene können ­schwimmen, weil sie es schon als Kinder nicht richtig lernen. Thüringens ­Badebetriebe ­reagieren und bieten ­Schwimmschulen für ­Erwachsene an. Warum man nie zu alt ist, ­um schwimmen zu lernen, erklären Schwimmlehrerin Saskia Merten (SM), Annette Engel-Adlung (EA), Geschäftsführerin der Badbetreibung Gotha GmbH, und die 79-­jährigen Schwimmschülerin Hildegard Kowallik (HK).

Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) warnt: Deutschland wird zum Nichtschwimmerland. Jeder vierte Erwachsene soll sich nicht oder nur schlecht über Wasser halten können. Woran liegt das?
SM: Da Problem fängt schon bei den Kindern an. Ich gebe aktuell einen Kurs mit einem 15-Jährigen, der noch nicht schwimmen kann. Während des Schulschwimmens hat er nicht wirklich etwas gelernt. Die Zahlen der DLRG kann ich also nachvollziehen. Das erleben wir auch hier im Bad.

Wer zählt denn als Nichtschwimmer?
SM: Ein Nichtschwimmer ist in meinen Augen jemand, der höchstens mal mit den Füßen ins Wasser geht, aber Angst und Panik bekommt, sobald er tiefer hinein müsste. Das Seepferdchen wird nach zwölf Stunden vergeben. Dann ist das Kind aber kein sicherer Schwimmer. Es schafft eine Bahn in der konkreten Situation. Das muss man aber immer wiederholen, sonst fangen wir mit dem Unterricht wieder von vorne an.
EA: Erst beim nachfolgenden Abzeichen, dem Freischwimmer in Bronze, kommen die Kraft und die Technik hinzu, längere Strecken zu schaffen. Ab diesem Zeitpunkt kann man wirklich schwimmen. Davor werden nur die Grundlagen vermittelt.

Kann man Schwimmen auch wieder verlernen?
SM: Ja. Es heißt zwar immer: Wenn man Fahrrad fahren kann, dann kann man auch schwimmen - von der Kondition her. Aber wenn die Kinder nicht dabei bleiben und die Eltern nicht dahinter stehen, fangen wir wieder von vorne an. Dann bekommt das Kind Angst, wenn es ins tiefe Wasser muss und rudert nur noch mit den Armen.

Wie war es bei Ihnen, Frau Kowallik? Sind Sie als Kind geschwommen und haben es dann verlernt?
HK: Ich habe als Schulmädchen in Tambach-Dietharz Schwimmen gelernt. Dann bekam ich Rheuma und durfte nicht mehr ins kalte Wasser. Die Zeit verging, ich habe einen Beruf gelernt, bin weggezogen. Uns war dann sehr wichtig, dass die eigenen Kinder Schwimmen lernen. Vor zwei Jahren habe ich dann wieder mit dem Schwimmen angefangen.

Weil Sie es vermisst haben?
HK: Vermisst habe ich es immer. Ich bin ein sportlicher Typ. Wandern und Skilanglauf waren meine Welt. Aber es gab wenig Möglichkeiten, als Erwachsener noch Schwimmen lernen zu können. Ich habe dann den notwendigen Schubs von meiner Tochter bekommen.

Warum ist es so wichtig, schwimmen zu können?
SM: Das ist auch Lebensqualität. Wer einmal dieses Gefühl für Wasser hat…
HK: Das habe ich jetzt und es macht mir sehr viel Spaß. Ich gehe jede Woche zur Wassergymnastik. Ich war auf den Azoren. Dort gibt es heiße Quellen, in die ich mich sonst nie getraut hätte. Das sind Sachen, auf die ich mich freue und stolz bin, dass ich sie machen kann.
EA: Ich finde auch, dass man Schwimmen ein ganzes Leben lang machen kann. Ob das auch fürs Wandern oder Radfahren gilt, weiß man ja nicht. Aber Schwimmen ist gelenkschonend und die Bewegung im Wasser ist angenehm, auch wenn man beeinträchtigt ist. Dies ist eine Sportart, die man auch noch im hohen Alter ausüben kann.


Die Eltern haben Vorbildfunktion

Ein Viertel der Grundschulen sollen keinen Zugang zu einem Bad haben. Da bleibt die Schwimmausbildung auf der Strecke, oder?
SM: Wir haben viele Grundschulen im Bad, aber vielleicht ist es auch ein Problem mit den hohen Schülerzahlen. Dann gibt es große Leistungsunterschiede. Es fehlt die Zeit, sich auf einen Nichtschwimmer zu konzentrieren, wenn man noch zig andere Kinder im Wasser hat.
EA: Ich höre von den Lehrern, dass sich die Kinder generell zu wenig bewegen. Sie sind unsportlicher als wir im vergleichbaren Alter. Sie sind das Wasser nicht gewöhnt, sehen das Schwimmbad in der ersten Schwimmstunde zum ersten Mal. Wenn sie ganz von vorne anfangen, reicht die Zeit aber nicht aus, um es zum Erfolg zu führen. Das beobachten wir immer wieder. Auch wir mussten unsere Kurse anpassen, weil die Kinder einfach zu geringe Schwimmfähigkeiten mitbringen.

Aber wie schaffen es denn die Nichtschwimmer, sich auch an den nachfolgenden Schulen noch durch den Schwimmunterricht zu mogeln?
SM: Durch Atteste der Eltern oder vergessene Badekleidung. Da gibt es viele Ausreden.

Was muss sich ändern?
HK: Ich finde, es muss zeitiger anfangen. Es ist wichtig, dass die Kinder schon im Vorschulalter lernen, sich zu bewegen.
SM: Die Eltern haben eine Vorbildfunktion. Sie erwarten, dass ihr Kind Schwimmen lernt, gehen aber selbst nicht mit ins Wasser. Wie soll es dann das Kind lernen?

Warum wird Brustschwimmen als erstes gelehrt?
SM: Bei uns ist es noch so. Es ist uns wichtig, dass das Kind weiß, wo es hinschwimmt. Rückenschwimmen ist von der Technik anspruchsvoller.

Wir haben lange versucht, für dieses Interview einen erwachsenen Nichtschwimmer zu finden. Warum hat sich keiner getraut?
SM: Einigen war es peinlich, dass sie als Erwachsener noch nicht schwimmen können.

Sind Schwimmkurse für Erwachsene anders als für Kinder?
EA: Die Schwimmkurse für Erwachsene zählen maximal fünf Teilnehmer und finden ab 20 Uhr statt. Ein Übungsleiter kann sich komplett auf die Mannschaft konzentrieren.
SM: Die Kinder sind schon offener. Wenn man ihnen zeigt, wie viel Spaß das Wasser macht, springen sie von alleine rein. Das tun Erwachsene nicht.

Man ist nie zu alt

Manche Dinge lassen sich als Kind leichter erlernen. Ist man je zu alt, Schwimmen zu lernen?
HK: Nein. Ich möchte es auch nicht mehr missen und bin froh, dass ich es gelernt habe.
SM: Bei Erwachsenen kommen noch Ängste hinzu, wenn sie ein schlechtes Erlebnis zu ihrer Zeit gehabt haben.

Wächst denn mit den Jahren als Nichtschwimmer die Angst vor dem Wasser?
HK: Ich denke schon. Die Angst erst einmal zu überwinden, ist das Hauptproblem.

Wie nehmen Sie Ihren Schülern die Angst, Frau Mertens?
SM: Meistens sitzt der Grund tiefer, ein Erlebnis das nicht verarbeitet wurde. Ich nehme mir die Zeit, um Vertrauen aufzubauen. Ich muss den Schüler auch anfassen, um die Bewegungen zu führen. Man muss den Druck herausnehmen. Wie oft habe ich gesagt: Wenn wir nicht die 20 Meter schaffen, dann schaffen wir eben nur zehn. Hauptsache wir sind in der Bewegung.
HK: Es kommt auf den Schwimmlehrer an. Ist er mir sympathisch? Das spielt eine Rolle.

Ins Schwimmbad mit der ganzen Familie zu gehen, reißt durchaus ein Loch ins Portemonnaie. Ist Schwimmen in Deutschland zu teuer?
EA: Wir haben eine Familienkarte geschaffen, die hoch rabattiert ist. Da kann man für 19 Euro mit der Familie einen ganzen Tag ins Bad gehen. Es gibt auch Fördermöglichkeiten über die Agentur für Arbeit.
SM: Die Möglichkeiten sind da, werden aber im Vergleich wenig genutzt.

Haben wir uns mit den Spaßbädern ein Problem geschaffen?
EA: Es gab in den 90ern den Trend, die Spaßbäder zu bauen mit Wellen, Wasserbällen und Rutschen. Bei uns ist schon die Abkehr von diesem Trend hin zum Sportbad, wo man die Bewegung im Blick hat.

Sie bieten auch Kurse für Geflüchtete an. Viele sind über das Wasser nach Europa gekommen und haben traumatische Erinnerungen. Da muss man sicherlich besonders sensibel sein, oder?
SM: Es sind manchmal tragische Schicksale dabei, Probleme habe ich aber noch nicht erlebt. Flüchtlinge sind zum Teil lernbegieriger als mancher Deutscher.
EA: Ja, Hut ab. Unsere Teilnehmer haben nicht nur das Seepferdchen gemacht, sondern gleich noch Bronze. Das war echt überraschend, denn wir hatten Probleme mit der Sprachbarriere befürchtet. Doch alle waren total motiviert. Der Burkini hat Einzug in unser Schwimmbad gehalten.
SM: Wir Betreuer haben gleich kommuniziert, dass wir anfassen müssen, um die Bewegung zu führen egal, ob Mann oder Frau. Das war kein Problem.
EA: Das war ein totaler Erfolg. Durch und durch.

Termine

- Schwimmschule für Erwachsene im Stadtbad Gotha, nächste Kurse vom 18. Oktober bis 1. November und vom 6. bis zum 20. Dezember, Infos: www.stadt-bad-gotha.de
- Ähnliche Angebote gibt es beispielsweise auch im Saalemaxx in Rudolstadt (www.saalemaxx.de), in der Roland-Matthes-Schwimmhalle in Erfurt (baederkurse.stadtwerke-erfurt.de), von der DLRG Jena (jena.dlrg.de), im Pößnecker Stadtbad (poessnecker-baeder.de) oder im Badehaus Nordhausen (badehaus-nordhausen.de)

Statistik:

- 537 Menschen ertranken im vergangenen Jahr – die höchste Opferzahl seit zehn Jahren.
- Ertrinken ist keine Frage des Alters. Die meisten ertrinken im Alter zwischen 16 und 20 Jahren sowie zwischen 76 und 80 Jahren.
- Das Saarland zählt die wenigsten Ertrunkenen (2), die Bayern die meisten (91). Thüringen teilt sich mit 23 Ertrunkenen im Jahr 2016 den zehnten Platz mit Sachsen-Anhalt. Bei uns im Freistaat hat sich die Zahl allerdings im Vergleich zum Vorjahr (7) mehr als verdreifacht.
- Ertrinken ist männlich: 411 Männer (das sind 76,54 Prozent) ertranken 2016, nur 114 Frauen.
- Unfallschwerpunkt sind die meist unbewachten Badegewässer wie Flüsse (210) und Seen oder Teiche (167). Das Schwimmbad (19 Todesopfer) ist vergleichsweise sicher. In einem Swimmingpool starb im vergangenen Jahr niemand in Deutschland.
- In den Sommermonaten von Mai bis September sind die meisten Ertrunkenen zu beklagen, vor allem im Juli und im August.
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3 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 25.07.2017 | 14:45  
5.976
Petra Seidel aus Weimar | 25.07.2017 | 16:29  
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Renate Jung aus Erfurt | 25.07.2017 | 19:26  
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