Du bist nicht allein

Trotz Schläge vom Mann denken viele Frauen: "Das ist das Elend, das ich kenne. Was danach kommt, weiß ich nicht." (Foto: Harry Hautumm/Pixelio.de)
 
Angela Schwarz leitet die Selbsthilfegruppe „Seerose“.
 
Oft geben sich Frauen selbst die Schuld, wenn es zu Gewalttätigkeiten kommt. (Foto: sokaeiko/Pixelio)
Gotha: Frauenzentrum | Jede vierte Frau erfährt Gewalt durch ihren Lebenspartner. Auch Angela Schwarz hat schlechte Erfahrungen gemacht. Heute leitet sie die Selbsthilfegruppe „Seerose“ – bereits seit zweieinhalb Jahren. Im Interview spricht sie über prügelnde Männer und das Leben nach der Gewalt.

Mit welchen Erfahrungen kommen die Frauen zu Ihnen?
Die Geschichten sind so unterschiedlich wie die Frauen und die Beziehungen, in denen sie leben. Wir haben eine Dame, weit über 70 Jahre alt, die regelmäßig zu uns kommt. Wir haben auch junge Frauen mit dabei. Sie suchen jemanden, mit dem sie einfach mal reden können, der zuhört. Der nicht aus dem Umfeld stammt und die Sicht von draußen hat. Wir können niemandem die Entscheidung abnehmen. Das muss jeder selber machen. Es geht überhaupt erst einmal darum, dieses Thema, das unserer Auffassung nach doch ein Tabuthema ist, in den Fokus zu rücken. Weil ein Frauenbild hinter diesen Schicksalen steht, das nicht mit einer gleichberechtigten Partnerschaft vereinbar ist.

Warum ist Gewalt an Frauen ein Tabuthema?
Das kommt zum einen von den Frauen selbst: Wir wissen beispielsweise, dass das Frauenhaus unser Angebot an die betroffenen Frauen weitergibt. Dennoch kommt von dort keine Frau zu uns.

Haben die Frauen Angst oder schämen sie sich?
Beides. Vielleicht ist es auch der Gedanke: “Ich bekomme mein Leben nicht selber auf die Reihe. Ich habe versagt.” Dabei ist es ja kein Versagen der Frauen.

Geben sich Frauen selbst die Schuld?
Ja, sehr viele. Frauen geben sich ganz, ganz häufig selbst die Schuld, wenn es zu Gewalttätigkeiten kommt. Wir reden nicht nur vom Partner, der das blaue Auge schlägt. Wir fassen Gewalt weiter: Ständige Bevormundung, ständige Demütigung – auch das ist Gewalt. Das macht Frauen kaputt, zerstört ihr Selbstwertgefühl. Das macht klein, nimmt ihnen die Würde und – was ich gemerkt habe – ein Stück weit auch die Fähigkeit zu agieren. Es passiert noch viel zu häufig, dass Frauen der Meinung sind, sie müssten das erdulden.

Warum fügen sich viele Frauen dieser Opferrolle? Sind sie denn nicht wütend?
Schon, aber eher so eine ohnmächtige Wut. Sie fragen sich: "Was will ich denn? Wo gehe ich denn jetzt hin?" Oftmals sind es die Kinder, weshalb man sich nicht trennen möchte. Das Allerschlimmste ist dann für solche Frauen, wenn sie vor Gericht kommen und dafür, dass sie dieses Martyrium durchlitten haben, noch einmal bestraft werden.

Inwiefern?
Zum Beispiel mit dem Versorgungsausgleich, der hier konterkariert wird. Geschaffen wurde er, um Frauen zu schützen und ihnen die Möglichkeit zu geben, die Partnerschaft zu verlassen, wenn sie keine ist. Das wird aber umgedreht, wenn die Frauen für ihre prügelden Ehemänner Versorgungsausgleich zahlen müssen. Und da bricht für betroffene Frauen eine Welt zusammen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Gewalt in der Partnerschaft und der Sozial- oder Bildungsschicht?
Nein, überhaupt nicht. Da gibt es die gut ausgebildete Akademikerin, die einen festen Job hat, die keinerlei Ängste haben müsste zu gehen, wenn die Partnerschaft keine ist, weil ihr die Grundvoraussetzung fehlt: das gleichberechtigte Miteinander. Sie erduldet das Ganze jahrelang. Mit dem Ergebnis, dass sie ihrem Mann, der sich selbstständig gemacht hat, dem sie immer schön die Steigbügel gehalten hat, auf der Karriereleiter hochzukommen, im Endeffekt den Versorgungsausgleich zahlen muss. Denn ein Selbstständiger ist von der Rentenvorsorgungspflicht befreit. Oder es gibt die Frau, deren Ehemann erwerbsunfähig geworden ist und sich dann total verändert. Sie wird von ihm verprügelt und geht, weil sie um ihr Leben fürchten musste, nur mit einer Tasche aus dem Haus und sucht das Frauenhaus auf. Auch sie steht vor dem Problem: Wenn sie sich scheiden lässt, zahlt sie ihrem Mann den Versorgungsausgleich. Das ist, als ob man noch einmal bestraft wird. Das sollte mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rücken: Auch wenn ich keinen Ehevertrag geschlossen habe, bin ich bei Eheschließung einen Vertrag eingegangen. Viele Leute wissen das nicht. Ich habe das auch nicht gewusst, bevor das vor Gericht eine Rolle spielte.

Warum schlagen Männer?
Das sind Männer, die ein zu geringes Selbstwertgefühl haben, das sie sich aber nicht eingestehen. Sie brauchen jemanden, der unter ihnen steht. Sie fühlen sich angegriffen und in ihrer Rolle als Mann geschwächt, wenn sie in einer gleichberechtigten Partnerschaft leben, in der jeder die gleichen Rechte und Pflichten hat. Es gibt aber eine große Zahl von Männern, denen wichtig ist, dass ihre Partnerschaft wirklich gleichberechtigt ist. Wir sind kein Kreis alter männerhassender Feministinnen.

Es gibt auch Männer, die geschlagen werden.
Ja, auch das. Und ich denke: Dort besteht das gleiche Grundmuster. Warum wende ich Gewalt gegen jemanden an, auch wenn sie vielleicht nur verbal ist? Das mache ich doch, um ihn herabzuqualifizieren, um ihm meine Macht zu demonstrieren. Ob das jetzt eine Frau macht oder ein Mann, das ist beides gleich schlimm. Vom Prozentsatz her ist die Gewalt an Frauen aber höher.

Warum lassen sich Frauen schlagen?
Wenn Beziehungen eskalieren, hat das nie nur eine Ursache. Es gibt ein Frauenbild, das immer noch in den Köpfen steckt, vielleicht auch unbewusst: das brave, artige Mädchen. Der wilde, raufende Junge. Das wilde, raufende Mädchen ist schon wieder ein Problem. Frauen verkörpern noch zu sehr das Bild: Du kannst dich nicht wehren oder das schickt sich nicht. Ich habe in den Gesprächen mit den betroffenen Frauen bemerkt, dass sie ihre Positionen, bis dahin und nicht weiter, immer wieder aufweichen.

Weil der prügelnde Mann verspricht: Das kommt nie wieder vor?
Zum Beispiel. Aber ich kann mich an ein Gespräch erinnern, da erklärte eine junge Frau: „Naja, ich habe immer gesagt, wenn er mich schlägt... Und dann fing er an, mich zu schubsen. Aber das war ja nicht schlagen. Das ist ja nicht ganz so schlimm.“ Dazu kommt die Angst, was danach kommt. "Das ist das Elend, das ich kenne. Was danach kommt, weiß ich nicht." Die Mitarbeiterinnen im Frauenhaus haben häufig das Problem, dass die geprügelten Frauen mit den Kindern weglaufen und dann wieder zum Mann zurückgehen.

Eine Gemeinsamkeit der Frauen ist, dass sie sich nicht wehren. Lernt man das in Ihrer Gruppe?
Wir sind ja kein therapeutisches Angebot. Ich habe keine entsprechende Ausbildung. Wir sind ein Gesprächskreis aus dem Ansatz heraus, dass man sich über eine Situation bewusst wird, wenn man darüber redet.

Hilft es, die traumatischen Erfahrungen in der Gruppe anzusprechen und auszutauschen oder wühlt das die Gefühle nicht immer wieder neu auf?
Jede Frau entscheidet selbst, was sie erzählen möchte und welches Thema wir uns vornehmen.

Kann man auch nur zuhören?
Das geht genauso. Es wird keiner gefragt und muss erzählen, was ihn betrifft. Wir hatten auch schon Teilnehmerinnen, die sind gekommen und wollten ihren Namen nicht sagen. Es ist o.k. Es ist eine Sache, die immer klar ist: Alles, was gesprochen wird, bleibt im Raum. Es wird nichts weitergegeben.

Tragen die Frauen auch eine Mitschuld?
Die Frage ist immer: Was definiert man als Mitschuld? In einem Fall war ich total schockiert. Eine chronisch kranke Frau wurde von ihrem Mann geprügelt. Das war bisher der härteste Fall. Ich finde es ebenso furchtbar, wenn eine der Teilnehmerinnen mit dieser Ungerechtigkeit nicht klar kommt. Sie hat die Gewalt ausgehalten, weil diese Ehe halten sollte, bis dass der Tod sie scheidet. Dann hatte sie doch den Mut und ist gegangen und jetzt wird sie auch noch zur Kasse gebeten für den, der sie geschlagen hat.

Warum bleiben Frauen so lange bei ihren prügelnden Männern? Ist das Liebe, falsche Loyalität?
Falsche Loyalität, ja. Dazu kommt die abendländische, christliche Erziehung ins Spiel, die unser Grundwert ist. So gut ich das finde, ich bin selber Christ, aber in der Sache ist es hinderlich zu sagen „Wir haben vorgehabt, Freud und Leid miteinander zu teilen“ und dann nicht mehr die Grenzen zu sehen. In der Partnerschaft, in der Ehe die Grenzen zu setzen, das ist vielleicht eine Sache, die schwer fällt. Zu sagen: „Pass auf, genau bis dahin!“ Und Rechte einzufordern: „Wenn du das Recht hast, habe ich das genau so. Denn wir sind in der Partnerschaft.“

In der Selbsthilfegruppe hilft man sich gegenseitig. Wie funktioniert das?
Wir machen es so: Wer zum harten Kern zählt, berichtet wie es ihm in den vergangenen vier, fünf Wochen ergangen ist. Dann kommt man ins Gespräch. Manchmal füllt das auch die ganze Zeit aus, weil jemand etwas loswerden will. Im zweiten Teil arbeiten wir immer an irgendetwas. Wir haben uns schon Gesprächspartner eingeladen, zum Beispiel eine Anwältin, die das ganze aus Sicht des Rechtsbeistandes erklärt hat. Wir sind auch schon zu Veranstaltungen gegangen, beim internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen im November waren wir im Theater. Im Moment erarbeiten wir einen Flyer. Die eine Frau hat eine Sendung zum Thema im Fernsehen gesehen, eine andere ein passendes Buch gelesen. Eine andere Teilnehmerin hat das Gerichtsverfahren schon hinter sich. So wird eben versucht, dass jeder ein Stück seiner Erfahrungen weitergibt.

Sie wollen auch das Gefühl vermitteln: Du bist nicht allein mit diesen Problemen.
Das ist ganz wichtig. Das wurde schon öfter gesagt: „Ich war der Meinung: Es geht nur mir allein so.“

Weil man seinen Freunden, seiner Familie und seinen Bekannten immer die heile Welt vorgespielt?
Ich gehe ja nicht mit meinem Problem hausieren. Wer zu uns kommt, muss keine Angst haben, dass etwas nach außen getragen wird.

Kann man eine Beziehung, in der Gewalt herrscht, überhaupt retten?
Es gibt Frauen, die sich getrennt haben und selbstbestimmt ihr Leben angehen. Wir hatten auch Frauen, die sich aus unterschiedlichen Gründen nicht trennen wollten. Grundvoraussetzung ist, dass von beiden ehrliches Interesse ausgeht. Der Mann kann nicht nur sagen: „Meine Frau droht mit Scheidung. Die will ich nicht. Also laufe ich dreimal mit zur Gesprächstherapie.“ Aber eigentlich existiert kein richtiger Wille, etwas zu ändern. Ist der Wille da, kann man sicherlich auch bestimmte Beziehungen wieder herstellen.

Ist das in der Gruppe schon passiert?
Nein, aber ich weiß, dass das durchaus geht. Wenn die ehrliche Absicht besteht "Wir möchten an uns arbeiten, weil wir in einer Sackgasse gelandet sind", dann funktioniert das. Frauen müssen lernen, ihre Wünsche zu formulieren. Viele Frauen sagen nicht, was sie wirklich wollen. Zum Beispiel: Mann und Frau sind auf der Autobahn. Sie sagt: „Da vorne ist eine Raststätte. Meinst du, wir sollten da mal anhalten?“ Er sagt: „Nein!“ Und sie ist tödlich beleidigt. Und er versteht gar nicht, warum. Sie wollte anhalten, hat es aber nicht formuliert. Das ist ein Problem, das sehr häufig, wenn man nicht aufpasst und die Weichen entsprechend stellt, in die Sackgasse führen kann. Frauen sagen meiner Erfahrung nach oftmals nicht konkret, was sie wollen. Das wäre aber hilfreich. Das kann man zusammen lernen.

Sollte man sich einmischen, wenn man glaubt, jemand ist Opfer einer gewaltvollen Beziehung?
Das ist schwierig. Was gut wäre, ist ein Gesprächsangebot zu machen. Aber: Man kann die Probleme der Betroffenen nicht von außen lösen. Es ist ähnlich wie beim Drogenabhängigen Das Elend muss so groß sein, dass ich selber sage: „Nein, ich muss jetzt etwas ändern.“ Anders funktioniert es nicht. Ich muss erkennen: „Nein, das lasse ich nicht mit mir machen.“ Dann haben wir verschiedene Angebote und wir sagen: Wir halten Türen offen. Aber durch die Tür gehen muss man selbst. Man kann nur eins machen: Das Thema nicht unter den Teppich kehren. Jede Frau, die geschlagen wird, sollte wissen: Es gibt auch ein Leben danach. Und man kann sehr gut selbstbestimmt allein leben. Dadurch, dass es zu wenig Thema ist, werden betroffene Frauen stigmatisiert. Oder man diskutiert erst dann darüber, wenn das Ganze eskaliert ist und wenn in einem Streit eine Frau mal wieder geschlagen worden ist. Da hätte man vielleicht auch vorher etwas machen können.

Woher kommt der Gruppenname Seerose?
Das war ein Vorschlag einer unserer Mitgliedsdamen. Die Seerose hat ihre Wurzeln irgendwo im Schlamm und kämpft sich über so weite Strecken durchs tiefe Wasser nach oben und entfaltet dort ihre Schönheit. Das fanden wir ein sehr schönes Bild. Dass trotz der Situation, die man erlebt und durchlitten hat, der Optimismus wiederkommt. Das ist ganz wichtig. Ein anderes Beispiel ist der Spruch: “Auch aus Steinen, die man dir in den Weg legt, kann man Schönes bauen.” Ist übrigens von Goethe, habe ich gehört.

Sie sprechen aus Erfahrung?
Ich war von ähnlichen Problemen betroffen, allerdings nicht von körperlicher Gewalt. Ich habe die psychische Gewalt erfahren und habe mitbekommen, dass sie einen Menschen auch kaputtmachen kann. Aber es gibt auch Männer, die wissen, was Gleichberechtigung und Partnerschaft bedeuten. Ich hätte damals nie geglaubt, dass ich in wieder in die Lage komme, so viel Vertrauen in jemanden zu investieren, wenn man 13 Jahre lang nach Strich und Faden betrogen wurde.

Kontakt
• Treffpunkt der Selbsthilfegruppe „Seerose“ für Frauen nach Gewalterfahrung
ist jeden ersten Montag im Monat von 16 bis 18 Uhr im kleinen Café des Frauenzentrums im Brühl 4 in Gotha
• Mehr Infos: www.opferhilfe-thueringen.de
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Renate Jung aus Erfurt | 15.02.2014 | 18:05  
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