„Ich kann nicht mehr!“ - Therapeutin Catja Eggert über Ursachen, Folgen und den Umgang mit Burnout

Burnout ist ein Erschöpfungszustand körperlicher und geistiger Natur. Es betrifft alle Berufs- und Personengruppen. (Foto: Colourbox)
 
Catja Eggert ist Heilpraktikerin für Psychotherapie aus Friedrichroda.
 
Die Betroffenen fühlen sich innerlich leer, ausgebrannt, daher auch der Name. (Foto: birgitH / pixelio.de)
 
Eggert warnt: "Wenn Burnout nicht behandelt wird, kann es wie bei einer Depression zu Suizid-Versuchen führen."
 
"Ich würde nie sagen, der Chef ist schuld. Es liegt auch in meiner Verantwortung, wie ich mit gewissen Dingen umgehe", sagt Catja Eggert. (Foto: bschpic /pixelio.de)
Friedrichroda: Catja Eggert, Heilpraktikerin und Therapeutin |

"Ich kann nicht mehr!“ Wer sich permanent überfordert fühlt, klagt heutzutage über Burnout. Für Catja Eggert, Heilpraktikerin für Psychotherapie aus Friedrichroda, ist dies jedoch keine Mode-Erkrankung. Warum dennoch jeder für seine Gesundheit selbst verantwortlich ist und nicht etwa der Chef, erklärt sie im Interview.

Wie entsteht Burnout?
Es ist in aller Munde. Jeder spricht davon. Aber so richtig griffig ist es nicht. Burnout wird beschrieben als eine Erkrankung, die schleichend beginnen, aber auch abrupt einsetzen kann. Es ist ein Erschöpfungszustand körperlicher und geistiger Natur. Es betrifft alle Berufs- und Personengruppen. Ob nun die Hausfrau oder der Geschäftsführer - Burnout macht vor niemanden Halt. Es erfasst nicht nur die berufliche Seite. Es sind auch Familie, Partnerschaft, Freizeit, Freunde - all diese Facetten des Lebens können betroffen sein.


Kann Burnout tatsächlich von zu viel Freizeitstress kommen?
Es ist so ein bisschen die Mischung. Natürlich können einen auch viele Freizeitaktivitäten überfordern. Selbst wenn sich Burnout auf einer Ebene entwickelt und dort auch zum Ausbruch kommt, leiden auch die anderen Faktoren. Wenn ich Burnout habe, das im Beruf entstanden ist, kann auch die Partnerschaft oder die Familie darunter leiden.


Wir jammern ja alle gerne über zu viel Arbeit im Job oder im Haushalt. Leiden wir plötzlich alle unter Burnout?
Es muss immer ernst genommen werden, wenn jemand das Gefühl hat, unter Burnout zu leiden. Wichtig ist, bei psychischen Erkrankungen ärztliche Hilfe zu suchen und abzuklären, wie stark die Ausprägung ist. Wenn Burnout nicht behandelt wird, kann es wie bei einer Depression zu Suizid-Versuchen führen.


Woran erkenne ich denn die tatsächliche Erkrankung?
Man verspürt eine absolute Lustlosigkeit, dieses typische „Ich kann nicht mehr“. Es ist ein Widerwillen, wie ich meinen Job ausübe. Vielleicht sogar eine Arbeit, die ich jahrelang gerne gemacht habe. Burnout spielt sich sehr viel auf der Gefühlsebene ab - hier erlebt man sehr häufig Versagensängste, ein negatives Selbstbild: „Ich bin nichts mehr wert.“ Hinzu kommt das Gefühl, dass man nicht mehr weiß, wie man alles schaffen soll. Meine Autonomie geht verloren, mein Selbstwert geht den Bach runter und ich habe das Gefühl, ich verliere meine Identität. Es gibt Menschen, die sich über die Arbeit identifizieren. Sie müssen sich neu und anders kennen lernen.

Ärger ist ein weiterer großer Impuls, aber auch Entmutigung, Schuld. Man ist anfällig für Kritik. Man hat das Gefühl, sich ständig rechtfertigen zu müssen. Erkrankte sind sehr schnell reizbar. Sie können bei Kleinigkeiten in die Luft gehen. Das kann unter Kollegen zur Ausgrenzung führen.

Die Betroffenen fühlen sich innerlich leer, ausgebrannt, daher auch der Name. Sie empfinden das Leben als dumpf, schwer. Sie reagieren apathisch. Es ist eine Freudlosigkeit verbunden mit Interessenlosigkeit. Das sind auch typische Symptome einer Depression.


Wo ist der Unterschied zwischen einer Depression und Burnout?
Es ist schwierig, da den Unterschied herauszuarbeiten. Diesen Unterschied kann ein Psychiater feststellen. Ich halte es für wichtig, den passenden Arzt zu suchen. Denn Burnout kann auch in einer kompletten Depression münden. Das ist ein schleichender Übergang. Hinzu kommen psychosomatische Beschwerden wie Schlaflosigkeit, Probleme mit Magen und Darm, Kopfschmerzen. Das ist häufig der Punkt, an dem die Leute zum Arzt gehen.


Stellt denn der Hausarzt Burnout fest?
Der schreibt mich wahrscheinlich eine Woche krank und sagt: "Erholen Sie sich mal." Wenn ich Burnout diagnostizieren möchte, muss ich eine sehr umfassende Diagnostik machen. Es sollte also nicht nur die Krankheitsanamnese betreffen, sondern eben auch, was drumherum gerade los ist, beruflich, privat. Alle Faktoren, die zum Burnout führen können. Häufig ist es eben so, dass die Leute mit psychosomatischen Beschwerden zum Hausarzt gehen, der sie eine Woche krankschreibt. Dann wird es etwas besser, geht aber wieder los. Man wird weiterverwiesen, ehe erst irgendwann der Therapeut empfohlen wird. Und dieser Schritt ist für viele eine Hemmschwelle, wenn es organisch nichts ist, man aber Schmerzen und Probleme hat.


Ist Burnout nicht so richtig akzeptiert in der Gesellschaft?
Psychische Erkrankungen können beim Heilungsverlauf einen anderen Weg gehen. Habe ich ein Bein gebrochen, wird operiert. Man hat sein Bein für sechs Wochen in Gips, bekommt vielleicht eine Physiotherapie. Psychische Erkrankungen sind nicht so ersichtlich.


Können Burnout-Patienten denn auf Dauer geheilt werden?
Ein Bein kann ich mir ja auch immer wieder brechen. Burnout ist heilbar. Der Punkt ist, was ich daraus mache. Wenn ich natürlich, nachdem ich geheilt bin, wieder genauso lebe wie vorher und mich nicht erinnern möchte, was zum Burnout geführt hat, ist es recht wahrscheinlich, dass es wieder ausbrechen kann.


Also muss man im Vergleich zum Beinbruch sein Leben umstellen?
Wer möchte schon sein Leben umstellen? Man sollte versuchen, eine Handlungsänderung zu erreichen. Zum Beispiel zu lernen, auch einmal Nein sagen zu können oder anders mit Konflikten umzugehen, Schwierigkeiten zu begegnen und Prioritäten zu setzen und einzuhalten. Es ist wichtig, immer wieder zu sagen: Stopp! Das ist eine Grenze, die ich mir gesetzt habe. Wenn ich diese Grenze auf Dauer überschreite oder überschreiten lasse, dann ist die Gefahr groß, dass ich da ende, wo ich war.


Wie behandele ich Burnout?
Es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Neben der klassischen Psychotherapie gibt es die Möglichkeit, über einen vorübergehenden Zeitraum Medikamente einzunehmen. Es gibt alternative Methoden. Ich selber bin Heilpraktikerin für Psychoptherapie. Ich arbeite mit einer Methode, die nennt sich Integrierte Lösungsorientierte Psychologie (ILP). Wir arbeiten in der ILP ganzheitlich, das heißt, wir schauen immer nach dem Denken, Fühlen und Handeln. Jeder ist individuell, aber wir haben alle diese drei Bereiche. Wenn wir mit gewissen Konflikten nicht klarkommen, sich also in irgendeiner Weise ein Stress für uns aufbaut, dann überspringen wir in der Regel einen Teil. In der ILP müssen wir alle drei Bereiche abgehen, um mit Herausforderungen, die uns das Leben immer stellen wird, gut umgehen zu können und Lösungen zu finden. Ich arbeite weiterhin, was sich auch sehr gut bewährt hat bei Burnout, mit EFT - das ist die Klopftherapie. Und ich arbeite auch mit Bachblüten- und mit Aromatherapie. Es gibt aber noch ganz viele andere Dinge, die gemacht werden können. Es gibt beispielsweise Selbsthilfegruppen, die man bei der KISS (Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen) erfragen kann.


Muss ich Burnout-Erkrankte wie ein rohes Ei behandeln?
Wichtig ist immer eine gewisse Empathie. Bagatellisieren Sie die Erkrankung nicht. Auch Floskeln wie „Das wird schon wieder“ sind nicht ernst gemeint. Behandeln Sie den Erkrankten aber nicht, dass er jetzt gar nichts mehr machen kann. Menschen mit Burnout haben ein schlechteres Selbstwertgefühl. Wenn ich dann alles für ihn mache, verstärke ich dieses Gefühl. Man muss niemanden mit Burnout ins Bett stecken und den ganzen Tag betüddeln. Nur wenn er sagt, er braucht seine Ruhe, soll er sie haben. Es gibt viele Therapeuten, die raten: Wenn ich Burnout habe, sollte ich einfach mal gar nichts machen.


Leiden immer mehr Menschen unter Burnout?
Schwierig. Ich denke, das Krankheitsbild bestand schon immer, es wurde nur nicht diagnostiziert. Es war früher eine Depression oder ein Erschöpfungszustand. Der Begriff ist erst jetzt en Vogue geworden. Unsere Eltern und Großeltern hatten auch Burnout, doch es wurde nicht darüber gesprochen. Aus diesem Intimkreis herauszutreten und zu gestehen „Ich bin fertig. Ich bin erschöpft. Ich kann nicht mehr. Mir ist alles zu viel“ - das hätten sie sich nicht getraut.


Also ist Burnout kein Phänomen unserer Zeit?
Hinzu kommt heutzutage unsere permanente Erreichbarkeit, die wir als gesetzt nehmen. Und es ist der Druck auf dem Arbeitsmarkt. Viele haben Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Ich sage öfter Ja zu Dingen, die ich nicht möchte oder auch nicht kann. Ich überfordere mich. Das meine ich mit Grenzsetzung. Wo liegen die Grenzen? Und wie sehr lasse ich zu, dass sie durchlässig werden, aus Angst, dass ich etwas verlieren könnte, dass ich nicht die Anerkennung bekomme, die ich mir wünsche. Es ist durchaus so, dass mancher Arbeitgeber mit dieser Angst spielt.


Ist denn immer der fiese Chef an der Erkrankung schuld?
Ich würde nie sagen, der Chef ist schuld. Es liegt auch in meiner Verantwortung, wie ich mit gewissen Dingen umgehe. An dieser Stelle setzt auch die Psychotherapie an, die Gesprächstherapie, an. Ich soll nicht immer Nein sagen, aber die Mehrbelastung muss im zeitlich überschaubaren Rahmen bleiben - zum Beispiel bei Engpässen. Wenn sie aber permanent ist und man Angst hat, wenn ich die Arbeit nicht mache, meinen Job zu verlieren, liegt das in meiner Verantwortung. Da setzt die Psychotherapie an, zu lernen, mit solchen Ängsten umzugehen, mit solchen Katastrophengebilden. Irgendwo ist eine Spitze. Doch es wird irgendwie immer anders weitergehen, ich muss andere Wege finden. Angst ist ein Begleiter, der mich immer blockiert. Und wenn ich blockiert bin, kann ich mit Stresssituationen nicht umgehen und bin schnell überfordert. Für meine Gesundheit bin ich verantwortlich und nicht der Chef.


Sind Harmoniebedürftige und Fleißige eher betroffen?
Burnout ist nicht vererbbar, aber es gibt eine gewisse Disposition. Vielleicht wurde ich in meiner Kindheit entsprechend sozialisiert durch meine Familie, die Institutionen, die ich durchlaufe. Wenn „Ich muss, ich muss, ich muss“ als Tugend vermittelt wird, kann dies auch zum Burnout führen. Wer sich nicht traut, Nein zu sagen oder etwas auf morgen zu verschieben, ist anfälliger. Wenn ich das nicht gelernt habe, vielleicht auch, weil es mir nicht erlaubt wurde, bin ich dafür anfälliger. Die Persönlichkeit spielt auch eine Rolle. Bin ich stark, kann ich widerstehen oder definiere ich mich darüber, wie andere mich sehen? Das spielt immer eine Rolle. Einen einzigen Grund für Burnout gibt es nicht. Man muss alle Facetten einbeziehen. Eine Grundhaltung „Ich muss“ kann jahrelang gut funktionieren - auch ohne Burnout.

Urlaub? "Das Problem ist nicht weg. Nur ich bin weg."



Wie kann ich Burnout im Vorhinein verhindern?
Ich kann jedem immer nur raten, durch eigene Achtsamkeit und der eigenen Verantwortung für sich bewusst zu sein, gewisse Dinge zu kommunizieren. Bei der ILP sprechen wir von Integrität, Verantwortung und Kommunikation. Alle Teile gehören zusammen. Wir müssen sie nutzen, um uns zu schützen. Die Integrität ist die Grenzsetzung: Wie sehr lasse ich mich verletzen? Wie sehr schütze ich mich? Die Kommunikation: Wie sehr bin ich in der Lage, meine Bedürfnisse nach außen zu kommunizieren, aber auch mit mir? Bei Verantwortung gilt es zu gucken: Wo liegt meine Verantwortung und wo die des anderen? Burnout ist häufig in der Helferszene zu finden, weil hier auch ein Verschieben der Verantwortlichkeiten passiert.


Sie meinen ein Helfer- und Rettersyndrom?
Wenn ich ständig die Verantwortung von anderen übernehme, die mir eigentlich gar nicht gehört, kann dies ganz schnell ins Burnout rutschen. Dann wird die Hilfe zur Normalität.


Kann ein Urlaub helfen?
Wenn es mir zu viel wird, ist ein Ausstieg durch Urlaub natürlich möglich. Aber wenn man wieder zurückgeht und nichts ändert, ist es nur eine kurzfristige Veränderung. Ich muss den Urlaub nutzen, um zu sehen, wie ich mit der Situation auch zukünftig umgehe. Denn das Problem ist nicht weg. Ich bin nur weg.


Gibt es ein Zurück in der Job?
Das liegt an jedem selbst, ob ich in der Lage, die krankmachenden Faktoren gegenüber meinem Arbeitgeber zu kommunizieren und der Chef sie positiv korrigiert. Manchmal bekommt ein Chef auch gar nicht mit, wie es mir geht. Er drückt mir zwar immer mehr Aufgaben auf und freut sich nur, dass alles so gut funktioniert.


Haben Sie Tipps für den Alltag?
Ich arbeite beispielsweise mit Achtsamkeitsübungen oder Meditationen. Aber das ist abhängig vom Typ. Manche therapeutischen Hilfen können die Lage verschlimmern. Für manche ist auch tägliches Meditieren Stress, andere gehen nach einem anstrengenden Arbeitstag noch gerne Joggen. Wichtig ist, was dem einzelnen gut tut.

Kontakt

Catja Eggert, ILP Coaching und Beratung, Telefon: 0 36 23 / 31 17 07, www.coaching-eggert.de
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1 Kommentar
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Hannelore Grünler aus Artern | 04.10.2015 | 18:17  
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