Kein Erbarmen am Ostersonntag

Sie hat zumindest die Hälfte ihres Ziels erreicht. Ich fühle mich so, als hätte ich gerade eine unterlassene Hilfeleistung begangen – doch dann bin ich vor allem ärgerlich, furchtbar ärgerlich. Es ist Ostersonntag, ich bin auf dem Lande, will ausschlafen und es klingelt an der Haustür. Ich öffne das Fenster, um nachzusehen, wer sich hinter der verspiegelten Glastür im Eingangsbereich postiert hat. Den Trick habe ich von meiner Oma gelernt, die früher hier wohnte und die nie die Haustür öffnete, wenn sie sich nicht sicher war, dass sie denjenigen, der davor stand, sehen wollte.

Ich rufe zaghaft hinaus, wer denn da sei und eine noch relativ junge Frau mit weißem Anorak und weißem – ich glaube Adidas-Stirnband – kommt um die Ecke und stellt sich unter das Fenster. Sie hält mir einen Zettel entgegen, der umhüllt von einer Folie offenbar vor Abnutzung geschützt werden sollte. Ich sehe vage ein Engelsgesicht, vielleicht Maria – zumindest irgendwelche religiösen Symbole und darunter steht ein Text, den ich mich schon weigere zu lesen. Das ist ein Spenden-Werbe-Gespräch erkenne ich und mir wird unwohl. Die Frau wirft mir einige Stichworte entgegen, Rumänien, Kinder, sie schlafen im Bahnhof. Ich frage, was machen sie denn hier, wie sind sie denn hier hergekommen? Der nächste Bahnhof ist mehrere Kilometer weit weg. Sie spreche kein Deutsch, antwortet sie mir und in mir steigt der Verdacht hoch, dass sie auch ihr Rumänisch vergessen würde, wäre ich in der Lage in dieser Sprache zu kommunizieren. Das sind jetzt die entscheidenden Sekunden. Nähere Hintergründe zur Betteltour werde ich nicht erfahren – ich kann nur bezahlen oder das Gespräch beenden, das Fenster schließen und mich mies fühlen. Ich entscheide mich für das Letztere – mit der inneren Begründung, man kann ja viel von mir wollen, wenn man Argumente vorbringt, mich überzeugt und mich nicht am Ostersonntag zu Hause halb schläfrig überfällt. Ich bin noch nicht geschäftsfähig.

Ich mache mir einen Kaffee und überlege, wie diese Frau in den Ort gekommen ist. Sie muss von jemandem mit dem Auto hier her gebracht worden sein – am Ostersonntag, das kann kein Zufall sein. Auch nicht, dass sie hier bei mir geklingelt hat, denn das ehemalige Haus meiner Oma sieht immer noch so aus als würde hier eine alte Frau leben. Das perfekte Opfer am Ostersonntag?
Mein Verdacht verdichtet sich, dass es hier um Abzocke geht – wobei die Spendeneintreiber vermutlich wirklich jede Lebensunterstützung gebrauchen können – nur ob sie am Ende auch bei ihnen ankommt, ist fraglich. Vielleicht kassieren alles Hinterleute, die die Eintreiber im Dorf abgesetzt haben und erst wieder auflesen, wenn die Quote erfüllt ist. Solche Geschichten habe ich schon gehört und sie könnten erklären, wie und warum die Frau bei mir geklingelt hat. Bastele ich mir nun eine Geschichte zusammen, die meine Entscheidung das Fenster zu schließen, legitimiert, oder habe ich mich tatsächlich vor einer Masche geschützt?
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15 Kommentare
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Dieter Eckold aus Zeulenroda-Triebes | 08.04.2012 | 13:41  
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Svetlana Vozlinskaya aus Erfurt | 08.04.2012 | 14:23  
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Petra Seidel aus Weimar | 08.04.2012 | 14:42  
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Antje Hellmann aus Jena | 08.04.2012 | 17:20  
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Svetlana Vozlinskaya aus Erfurt | 08.04.2012 | 17:41  
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Antje Hellmann aus Jena | 08.04.2012 | 18:17  
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Annett Deistung (HarzWusel) aus Nordhausen | 08.04.2012 | 18:44  
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Petra Seidel aus Weimar | 08.04.2012 | 19:06  
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Annett Deistung (HarzWusel) aus Nordhausen | 08.04.2012 | 19:17  
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Petra Seidel aus Weimar | 09.04.2012 | 17:24  
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Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 09.04.2012 | 22:28  
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Hannelore Grünler aus Artern | 10.04.2012 | 20:45  
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Uwe Zerbst aus Gotha | 12.04.2012 | 10:41  
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Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 12.04.2012 | 12:59  
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Mariett Demirelli aus Erfurt | 14.04.2012 | 00:53  
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