Mein Geheimtipp: Ein schiefes Bild, ein halber Baum und ein Ha-Ha im Graben

Die Gedenktafel am Denkmal im Gothaer Schlosspark hängt schief.
Gotha: Schlosspark |

Stadtführer Stephan Freitag verrät seinen Geheimtipp aus dem Gothaer Schlosspark.

Wie war das noch bei Loriot? „Das Bild hängt schief.“ Diese Worte liegen einem auch als Betrachter dieses Gedenksteins im Gothaer Schlosspark auf den Lippen. Die Tafel, die an den verstorbenen Hofgärtner Christian Heinrich Weh­meyer erinnert, liegt ein­deutig nicht im Lot.

Haben die Restauratoren etwa schlechte Arbeit ­geleistet? „Nein, die schiefe Tafel ist für ein Denkmal zwar ein wenig befremdlich“, ­gesteht der Gothaer Stadtführer Stephan Freitag (35). „Doch wenn man sie genau anschaut, erkennt man, dass sie mit Absicht schief angebracht wurde. Denn in der Natur ist auch nicht alles ­gerade. Und ein englischer Garten ist schließlich ein ­idealisierter Landschafts­garten.“

Dennoch: Das ganze Denkmal ist seltsam. Die Tafel hängt an einem abgesägten Baumstamm – er wurde wie das Tuch, das ihn umhüllt, aus Seeberger Sandstein gefertigt. Freitag stellte eine rhetorische Frage: „Was passt besser als ein abgesägter Baum als Denkmal für einen verstorbenen Hofgärtner?“ Ihm liegt der Gedenkstein am Herzen: „Viele Leute sagen: Ich bin schon 1000 Mal diesen Weg langgelaufen, aber dieses Denkmal mit der krummen Tafel ist mir noch nie aufgefallen.“

Freitag kennt einige Hintergrund-Infos zum Verstorbenen: „Weh­meyer war nicht nur Freimaurer, sondern auch Illuminat.“ Selbst der Gründer des Geheimbundes, Adam Weishaupt, kam oft zu den Treffen, die im Haus des Hofgärtners stattfanden.

„Früher gab es hier am Parkrand einen großartigen Panoramablick über den Thüringer Wald.“ Freitag schaut verträumt, als genieße er wie einst die Landschaft, als noch keine Gebäude die Sicht versperrten und keine stark befahrene Landstraße die Idylle trübte. „Früher“, sagt er, „endete hier der Englische Garten auf eine besondere Weise, wie nur Englische Gärten enden – nämlich mit einer Mauer in einer Senke.“ Das sogenannte „Ha-Ha“ erkannte der Spaziergänger erst, wenn er direkt davor stand. „Der Englische Garten sollte ohne jede Grenze in die angrenzende Landschaft übergehen. Daher wurde die Mauer im Graben versteckt.

Hintergrund
• Der Gothaer Schlosspark gehört mit 37 Hektar zu den größten Anlagen in Deutschland. Im Süden der Anlage befindet sich der älteste Landschaftsgarten auf dem Kontinent.
• Der Englische Garten, auch Hofgarten genannt, entstand ab 1765 unter Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg. Die Anlage wurde angelegt von John Haverfield und weiterentwickelt von Christian Heinrich Wehmeyer. Nach dem Tod von Obergärtner Wehmeyer im Jahr 1813 verkam der Englische Garten zusehends.
• Am Südrand des Parkes ließ Herzog Friedrich IV. von Sachsen-Gotha-Altenburg für seinen verstorbenen Oberhofgärtner Christian Heinrich Wehmeyer den Gedenkstein errichten.
• Wer mehr über den Park und das Wirken der Illuminaten ­erfahren will – Stephan Freitag bietet ­passende Führungen an: Telefon 0 36 21 / 50 78 57 12.
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Renate Jung aus Erfurt | 06.11.2014 | 00:11  
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