Mein Geheimtipp: Matthias Wenzel ist auf den Spuren jüdischen Lebens in Gotha – Der Friedhof überstand die NS-Dikatur

Die tragischste Geschichte hat der letzte Grabstein. Max Ledermann war über 70 Jahre alt, als er am 11. Mai 1942 lieber den Freitod wählte, um der Deportation ins Konzentrationslager zu entgehen.
 
Nur Efeu, aber keine Blumen zieren die Gräber, denn die Erde umzugraben ist nicht erlaubt - sie gehört allein den Toten, die mit den Füßen gen Osten, also "in Blickrichtung" Jerusalem liegen.
Gotha: Jüdischer Friedhof |

„Die tragischste Geschichte hat der letzte Grabstein.“ Die schlichte Tafel liegt ganz am Rand des jüdischen Friedhofs in Gotha, unscheinbar am Boden. Der Name des Toten ist fast nicht mehr zu erkennen.

Matthias Wenzel, seit 20 Jahren Vorsitzender des Vereins für Stadtgeschichte, muss die Buchstaben erst von einer Moosschicht befreien. „Max Ledermann war Lederfabrikant in Gotha. Er hatte eine Firma, die bereits von seinem Großvater gegründet worden war.“ Ledermann war schon über 70 Jahre alt, als er am 11. Mai 1942 lieber den Freitod wählte, um der Deportation ins Konzentrationslager zu entgehen.

Zwischen dieser buchstäblich letzten Ruhestätte und dem anderen Ende des Friedhofs liegen etwa 150 Gräber und rund 70 Jahre. Erstaunlicherweise überstand der Friedhof weitgehend unberührt das Dritte Reich und versank danach in eine Art Dornröschenschlaf. So blieb er bis heute erhalten. „Es ist ein wichtiges und trauriges Kapitel der Gothaer Stadtgeschichte“, sagt Wenzel. „Von 1860 bis 1930 spielte die Religion gar keine Rolle. Es gab sehr viele jüdische Persönlichkeiten in allen Berufsgruppen, die sehr viel für Gotha getan haben.“

Die ältesten Grabsteine wurden aufwändig aus Seeberger Sandstein errichtet. Einige Symbole kehren immer wieder: der Davidstern, die segnenden Hände eines Rabbis, der siebenarmige Leuchter Menora, der beim Sabbatfest verwendet wird. Eine abgebrochene Säule soll an das vorzeitige Ende des Lebens erinnern. Einige Grabsteine sind zusätzlich, andere ausschließlich mit hebräischer Schrift versehen. Einige Todesdaten fallen auf: 5666 ist das Jahr nach dem jüdischen, nicht dem gregorianischen Kalender.

Nur Efeu, aber keine Blumen zieren die Gräber, denn die Erde umzugraben ist nicht erlaubt – sie gehört allein den Toten, die mit den Füßen gen Osten, also „in Blickrichtung“ Jerusalem liegen. Jüdische Gräber werden auch niemals geräumt und neu verwendet – die Totenruhe ist unantastbar. Nachfahren jüdischer Gothaer besuchen hier also auch heute noch die Gräber ihrer Ahnen und legen einfache Steine ab. Sie symbolisieren, dass das Andenken ewig wehrt.

Besucher erhalten einen authentischen Blick auf die jüdische Bestattungskultur, erfahren aber auch viel über die Gothaer Familien. Wenzel weiß zu fast jedem Toten einen kleinen Lebenslauf zu berichten, über seine Arbeit, sein Wohnhaus, sein Wirken. Dass die Gräber chronologisch angelegt wurden, erleichtert ihm die Arbeit, wenn ein Grab nicht direkt identifiziert werden kann.

Ein Grabstein fällt auf: Emma Meyer wurde im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet und nachträglich in Gotha beigesetzt. Es ist jedoch anzunehmen, dass ihre wirkliche Asche aus dem KZ-Krematorium nie in Gotha angekommen ist.


Hintergrund


- Der jüdische Friedhof an der Eisenacher Straße in Gotha existiert seit 1870. Die letzte Beerdigung fand 1942 statt.
- Da es seit ihrer Zerstörung durch die Nazis in Gotha keine jüdische Gemeinde mehr gibt, finden hier keine Bestattungen mehr statt. Der Friedhof ist somit ein „stehendes Denkmal“. Die Pflege hat das Garten-, Park- und Friedhofsamt der Stadt Gotha übernommen.
- Leider muss der Friedhof abgeschlossen werden, damit er nicht mehr wie 2008 durch Neonazis geschändet werden kann. Bei Interesse schließt das Friedhofsamt das Tor mit dem Davidstern aber gerne auf.

Buchtipp


Gerade in einer Auflage von 500 Exemplaren erschienen ist das Buch „Spuren jüdischen Lebens in Gotha“. Der geschichtliche Stadtrundgang durch Gotha ist das Ergebnis aus 15 Jahren Arbeit. Am Projekt haben mehrere Schülergenerationen der Kooperativen Gesamtschule „Herzog Ernst“ mitgewirkt. Dem jüdischen Friedhof ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Das Buch ist für 17,95 Euro im Gothaer Buchhandel erhältlich.
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Renate Jung aus Erfurt | 18.02.2015 | 11:21  
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Jens Vogel aus Apolda | 10.10.2015 | 09:27  
Michael Steinfeld aus Erfurt | 11.10.2015 | 18:05  
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