Ganz heiß auf Eis: Das Thüringer Rodelnachwuchstalent Nathalie Hahn im Interview

"Ich habe ein großes Ziel, das lautet: 2018 Pyeongchang. Ich möchte natürlich Olympia fahren. Auf dem Weg dahin trainiere ich so hart, wie ich kann." (Foto: Denis Trapp)
 
"Die Bahnen in Oberhof oder Königssee, eigentlich alle in Deutschland, kann ich im Schlaf fahren." (Foto: Denis Trapp)
 
Mal sportlich, mal sexy: "Man muss auch Kontraste setzen, finde ich. Ich bin ja nicht bloß Sportler, sondern auch Mensch." (Foto: Denis Trapp)
 
Nathalie Hahn ist Sportsoldat in der Sportfördergruppe. "Ohne die Bundeswehr wäre es mir nicht möglich, auf so einem hohen Niveau zu trainieren." (Foto: Denis Trapp)
Friedrichroda: Finsterbergen | Ich nehme an, Sie freuen sich auf den Winter.
Es kann jetzt endlich losgehen. Ich bin schon ganz heiß auf Eis.

Sind Rennrodler Adrenalinjunkies?
Ja, auf jeden Fall. Wenn ich jetzt in Oberhof wieder den ersten Lauf erlebe, bin ich glücklich, weil ich dieses Gefühl im Sommer vermisst habe.

Wie schnell sind Sie denn auf der Eisbahn?
Im Schnitt zwischen 100 und 130 Stundenkilometer. Es gibt aber auch Bahnen, da fährt man bis zu 150 km/h.

Haben Sie nie Angst?
Ne, Angst nicht. Aber Respekt. Ich habe mit neun Jahren angefangen zu rodeln. Da ist man noch offen für alles und mutig, hat ein anderes Verhältnis zur Bahn. Man startet auch weiter unten und erreicht höchstens 70 km/h. Da ist die Gefahr nicht so groß. Das hat mir dann richtig Spaß gemacht. Es macht auch jetzt noch Spaß. Der Kick ist immer noch da, immer wieder. Doch früher dachte ich: „Juhu, eine neue Bahn. Da sause ich jetzt richtig runter.“ Jetzt sage ich mir: „Guck dir alles ordentlich an, schreib dir auf, wie du welche Kurve zu nehmen hast und versuche, dir alles einzuprägen.“ Der Trainer kann dir zwar vieles vorgeben. Aber du musst deine Linie immer selber finden. Es gibt Kurven, die fahre ich anders als alle anderen. Das ist ganz normal.

Was denken Sie denn während des Rennens, wenn die Welt an Ihnen vorbeirauscht?
Dadurch, dass wir so früh angefangen haben, entwickeln wir ein Bahngefühl – egal auf welcher Bahn. Ich kann das alles gut einschätzen. Wenn man unkonzentriert ist, funktioniert das nicht. Die Bahnen in Oberhof oder Königssee, eigentlich alle in Deutschland, kann ich im Schlaf fahren. Dass dort auch mal was schief geht, ist normal. Das passiert jedem. Es kommt selten vor, dass man einen perfekten Lauf hat.

Ist Rodeln ein gefährlicher Sport?
Ja, aber ich habe mich bisher – toi, toi, toi – nicht richtig schwer verletzt. Ich hatte mal einen Muskelfaserriss, was eigentlich sehr selten ist fürs Rodeln.

Bei den Junioren haben Sie viele Erfolge verbucht. Ihre wichtigsten?
Ich bin Vize-Juniorenweltmeisterin in Königssee geworden, Dritte bei der WM in Park City in Utah und Junioren-Europameisterin in Oberhof. Mein letztes Juniorenjahr war für mich traurig, weil ich die WM leider nicht gewinnen konnte. Es hat leider nur für Platz drei gereicht. Ich war natürlich trotzdem megafroh, denn mit Platz vier hätte ich es wahrscheinlich nicht geschafft. Der Sprung von der Nationalmannschaft der Junioren in die große Mannschaft ist schwierig.

Sie werden als Nachwuchstalent im Rennrodeln gehandelt. Wie gehen Sie mit dem Druck um?
Druck hat man immer im Sport. Ich bin jetzt seit einem Jahr in der ersten Mannschaft und versuche, mich zu etablieren. Aber es ist sehr schwierig. Man merkt einfach, dass die anderen das Programm schon ein paar Jahre durchziehen. Ich habe schon mit 15 Jahren an der MDR-Dokusoap „Winterkinder“ teilgenommen. Das war mein großes Glück, denn man hat gelernt, mit dem Rummel umzugehen.

Fühlen Sie sich noch nicht als Teil dieser Welt?
Ich gehöre dazu, aber ich bin noch ein kleines Feuer. Ich hoffe, es lodert irgendwann einmal auf. Es ist schwierig, sich in der großen Mannschaft zu etablieren, aber nicht unmöglich.

Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?
Ich habe ein großes Ziel, das lautet: 2018 Pyeongchang. Ich möchte natürlich Olympia fahren. Auf dem Weg dahin trainiere ich so hart, wie ich kann. Die Trainer sind alle super zufrieden mit mir. Ich habe Topwerte, bin auf jeden Fall athletisch. Ich hoffe, das zahlt sich im Winter aus. Ich möchte in diesem Winter wenigstens zwei Weltcups fahren.

Wer sind denn Ihre härtesten Konkurrentinnen? Gibt es immer noch diese deutsche Dominanz?
Auf jeden Fall. Jeder orientiert sich an einer Natalie Geisenberger oder einer Tatjana Hüfner. Es scheint im Moment unmöglich, sie zu schlagen. Realistisch gesehen liegt mein Fokus auf Aileen Frisch und Dajana Eitberger.

Können Sie sich etwas von den anderen Rodlerinnen abgucken?
Ja, ganz egal, wo und wann. Selbst im Krafttraining gucke ich, wie andere manche Übungen ausführen und wie ich mich verbessern kann. Man kann immer mit den Augen lernen, beim Rodeln sowieso. An der Bahn schaue ich zu, wie andere manche Kurven fahren – gerade dann, wenn ich in diesen Kurven ein Problem habe. Gucken kostet ja nichts.

Wie sieht Ihr Training aus?
In unserem Sport ist Krafttraining in einem sehr hohen Bereich wichtig. Wichtig sind auch Koordination, Reaktion und Konzentration.

Wo braucht man die Kraft?
Hauptsächlich im Oberkörper zum Anschieben des Schlittens. Rodler sind Allrounder. Das macht einen Rodler aus..

Gibt es sonst irgendwelche körperlichen Voraussetzungen fürs Rodeln?
Die Größe spielt eine gewisse Rolle, man sollte mindestens 1,70 Meter groß sein. Mit langen Armen ist man schneller am Start. Alles andere ist nicht so wichtig. Ansonsten wird der Schlitten so angepasst, dass er aerodynamisch ist.

Wo liegen Ihre Schwächen?
Meine große Schwäche ist die Koordination. Ich habe aber in den vergangenen Jahren viel dafür getan und bin jetzt auf einem guten Niveau, auf dem man aufbauen kann. Zum Aufwärmen und für die Koordination spielen wir heute im Training auch Basketball und Fußball.

Bekommen Sie bei so viel Sport noch Muskelkater?
Ja, ich komme aus dem Kraftraum und denke: Ja, es tut weh, aber ich habe wieder etwas geschafft.


Aber jetzt freuen Sie sich darauf, aus der Muckibude raus und wieder auf die Bahn zu kommen?
Ja, wir versuchen, zwei Wochen im Sommer zu rodeln, meistens in Oberhof. Sommerrodeln ist nur für das Gefühl. Natürlich ist es kein Vergleich zum Winter. Wir fahren von ganz oben vom Männerstart und fahren dennoch höchstens 90 km/h. Mein Mann steht im Winter immer neben der Bahn und sagt: „Ich habe dich eigentlich wieder nicht gesehen.“ Deshalb ist Rodeln leider nicht so attraktiv für Zuschauer.

Tatsächlich? Ich habe das Gefühl, Rodeln wird als Sportart wieder beliebter.
Das stimmt. In den vergangenen Jahren ist das Interesse wieder gewachsen. Das ist für uns auch schön, wenn Fans an der Bahn stehen. Derzeit versuchen sie aber auch beim Rodeln, mehr Zuschauer anzulocken, beispielsweise mit Sängern wie Jürgen Drews.

In der Saison reisen Sie ständig herum. Nervt das?
Zu Beginn der Saison ist es schwierig, sich daran wieder zu gewöhnen, denn noch bin ich jeden Tag zu Hause. Das ist auch ganz angenehm. Im Winter ist man Woche für Woche unterwegs, oft mehrere Wochen hintereinander, ohne dass man nach Hause kommt. Ich habe Glück, dass ich einen Partner habe, der da voll mitgeht. Jedoch freue ich mich immer wieder, nach Hause zu kommen.

Bekommen Sie denn etwas von Land und Leuten mit oder sind Sie zu sehr aufs Rodeln fokussiert?
Ich versuche, so viel wie möglich vom Land zu sehen. Natürlich stehen das Training und der Wettkampf im Fokus. Je nachdem, wie die Trainingszeiten fallen, ist auch mal Zeit, etwas anderes zu sehen.

Finsterbergen ist und bleibt aber Ihre Heimat?
Ja, ich bin in Friedrichroda geboren und lebe schon immer in Finsterbergen. Eigentlich bin ich die ganze Woche hier, es sei denn, wir haben gerade Trainingslager. Erst wenn wir in Oberhof anfangen zu rodeln, bleibe ich dort. Ich habe in der Kaserne noch eine Stube. Manchmal stecke ich bis 22 Uhr noch im Schlittenraum und fahre dann nicht mehr heim.

Wie sind Sie zum Rodeln gekommen?
Ich war in der Grundschule in Schönau vor dem Walde. Ich war in der vierten Klasse und es gab verschiedene Angebote. Zu der Zeit habe ich noch Karate gemacht und nebenher im Faschingsballett getanzt. Dann bin ich gerodelt und das hat mir so viel Spaß gemacht. Mit zwölf Jahren bin ich dann aufs Sportgymnasium gekommen.

Sie haben in Oberhof im Internat gelebt und das Sportgymnasium besucht. Wie ist das Internatsleben?
Ich habe das Internatsleben als sehr schön in Erinnerung. Ich hatte einen geregelten Ablauf. Jeden Tag Frühstück, um sieben Uhr in die Schule, dann bis 13.10 Uhr Unterricht, dann Mittagessen, dann ab 14 Uhr Training. Die schöne Zeit will ich nicht missen wollen. Man geht vom Internat mehr oder weniger in Jogginghosen und Hausschuhen in die Schule, was ich besonders angenehm fand.

Jogginghosen und Hausschuhe. Außerdem können Sie mit Ihrem Krafttraining wahrscheinlich manchen Mann im Armdrücken besiegen. Andererseits lassen Sie sich sexy mit Kleid und Helm fotografieren. Wie passt das zusammen?
Man muss auch Kontraste setzen, finde ich. Ich bin ja nicht bloß Sportler, sondern auch Mensch.

Wie Tatjana Hüfner sind Sie beim BRC 05 Friedrichroda. Gilt der Verein als Talentschmiede?
Ich habe dort angefangen und möchte auch gar nicht wechseln. Ich fahre gerne für die Heimat. Ich habe das große Glück, dass der Vereinspräsident auch mal mein Trainer war. Karsten Albert trainiert in Oberhof die Junioren am Sportgymnasium. Er hat mich auf meinem Weg unterstützt. Ihm verdanke ich, dass ich so weit gekommen bin.

Bestimmt mussten Sie immer sehr diszipliniert sein. Haben Sie etwas verpasst?
Nein. Mein Vorteil ist: Ich bin heute selbstständig und stehe im Leben. Es ist ja auch nicht jeder mit 21 Jahren verheiratet.

Ihr Arbeitgeber ist die Bundeswehr.
Ich bin Sportsoldat in der Sportfördergruppe. Ohne die Bundeswehr wäre es mir nicht möglich, auf so einem hohen Niveau zu trainieren.

Wie schalten Sie in Ihrer Freizeit ab?
Ich lasse in der Freizeit den Sport komplett hinter mir. Mein großes Hobby ist das Fotografieren. Der Großteil meiner Freunde, mit denen ich schon zur Schule gegangen bin, lebt noch im Umkreis. Im Sommer gehe ich gerne auf Musikfestivals. Ich mag Deutsch-Rap, aber auch Rock’n’Roll, stehe auf die Fifties. Tätowierungen mag ich. Ich sehe alles nicht so eng. Ich bin offen für vieles und sehr abenteuerlustig.
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2 Kommentare
7.095
Gabriele Wetzel aus Zeulenroda-Triebes | 20.10.2014 | 21:54  
12.761
Renate Jung aus Erfurt | 20.10.2014 | 23:21  
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