Der oberste Adler-Anhänger

Hier wird verwaltet, nicht therapiert. Horst Gröner ist Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Individualpsychologie. Die Anhänger des Psychologen-Urvaters Andreas Adler (Bild rechts) haben ihren Sitz ausgerechnet in Gotha.
 
Keine Couch, nur Akten.
Gotha: Deutsche Gesellschaft für Indiviualpsychologie (DGIP) | Nanu? Horst Gröner hat ja gar keine Therapie-Couch. Nur Akten. Jede Menge davon. Sie stapeln sich bis unter die Decke. Kurzum: Sein Büro sieht gar nicht so aus, wie man sich Deutschlands Zentrum der Individualpsychologie eigentlich vorstellt.

„Das ist der Irrtum, den manche begehen, dass sie meinen, hier wäre eine psychologische Beratung“, sagt Gröner. Der 69-Jährige ist seit 31 Jahren Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Individualpsychologie (DGIP). Doch abgesehen vom Postboten stolpern höchstens vier, fünf Personen pro Jahr in seine Räume. Und die haben sich meist verirrt. Er klärt den Irrtum auf: Das mit der Couch sind eher die Anhänger von Siegmund Freud. Individualpsychologen sind aber Fans von Alfred Adler (siehe Hintergrund). Und: Therapiert wird in der DGIP-Bundesgeschäftsstelle auch nicht, nur verwaltet und organisiert.

„Wir sind aber überhaupt kein elitärer Verein“, wehrt Gröner gleich ab. „Die Mitglieder sind ganz einfache Leute – Meier, Müller, Schulze.“ Der Wahl-Gothaer meint damit Diplom-Psychologen ebenso wie Studenten, aber auch Ärzte, Sozialarbeiter, Pfarrer und Lehrer. Gewonnen wird der Vereinsnachwuchs hauptsächlich über deutschlandweit sechs Institute, in denen Berater und Therapeuten ausgebildet werden.

Gröner leitete die Geschäfte des psychologischen Fachverbandes zunächst in seinem Münchener Wohnzimmer. Durch seine Arbeit als freier Trainer und Berater für Firmen und Organisationen lernte der gebürtige Bayer dann die Residenzstadt kennen. „Wir sind eines abends von einem Seminar auf dem Boxberg mit der Waldbahn nach Gotha gefahren. Dann habe ich diese Innenstadt gesehen. Das klingt blöd, aber sie hat mich so gefangen genommen. Dieses heimelige Bild an einem nebligen Märzabend sehe ich heute noch vor mir.“ Wenige Monate später zog der Wirtschaftspädagoge um – und mit ihm die DGIP-Bundesgeschäftstselle. Das war 1992. Seitdem liegt der Vereinssitz mit deutschlandweit 1200 Mitgliedern ausgerechnet in Gotha – und zwar direkt im Stadtkern an der Marktstraße. In der internationalen Vereinigung für Individualpsychologie mit weltweit 28 Organisationen war Gröner zwölf Jahre lang Generalsekretär. „Da wusste natürlich auch niemand, dass Gotha so wichtig ist.“

Mit zwei Kolleginnen betreut Gröner die Mitglieder, organisiert Tagungen, Ausbildungen und Fortbildungen, leitet den Fachbuchversandhandel und das bestsortierte Adler-Archiv Deutschlands. Mehrfach hat Gröner Ausstellungen über den Begründer zusammengestellt. „Man kann den Adler ins Bild setzen und zeigen, was es mit der Individualpsychologie auf sich hat.“

Zum Beispiel, dass bei der Individualpsycholgie vor allem wichtig ist, „dass es Menschen nicht nötig haben, krank zu werden. Die Flucht in die Krankheit ist immer ein Ausweichen vor Aufgaben oder Schwierigkeiten des Lebens“, klärt Gröner auf. „Traditionell gibt es deshalb bei Adler einen starken pädagogischen Zweig. Denn ihm ist wichtig, dass man nicht erst heilt, wenn es zu spät ist, sondern dass man vorbeugt und beispielsweise die Kinder und Lehrer in der Schule so weit bringt, dass dort ein vernünftiges Klima herrscht und kein Erwachsener mit einem Kindheitstrauma herumlaufen muss.“

So kam auch Gröner selbst zur Sozialpsychologie. „Im pädagogischen Bereich war Adler der Knaller. Ich konnte es sehr gut anwenden bei meinen Seminaren.“ Bis heute ist er den Lehren treu geblieben. „Der Adler ist aktuell – auch in vielen psychologischen Richtungen. Nur wird dort ganz häufig nicht gesagt, dass er die eigentliche Quelle ist.” Mit dem Zeitgeist kommen immer wieder neue Erkenntnisse hinzu, derzeit vor allem aus der Gehirnforschung. „Aber alles lässt sich sehr gut mit Adler vereinbaren.“

Wie aktuell die Individualpsychologie ist, zeigt die Jahrestagung des Vereins, die morgen in München startet. Es geht um den Handykonsum, um Cybermobbing, soziale Netzwerke und virtuelle Co-Existenzen im Internet und in Computerspielen. Aber es geht auch um neue Therapieformen via Skype und Webcam.

Die moderne Technik macht es auch möglich, dass der Sitz der DGIP-Bundesgeschäftsstelle in Gotha bleibt, auch wenn Gröner im nächsten Jahr sein Amt an seine Berliner Nachfolgerin übergibt. Und mit Blick auf die Aktenberge erklärt Gröner: „Wenn Sie überlegen, was sie hierfür an Räumen brauchen. Das können Sie in Berlin ja gar nicht bezahlen.“


HINTERGRUND
• Alfred Adler (1870 bis 1937) ist Begründer der Individualpsychologie.
• Die Individualpsychologie ging 1911 aus der Psychoanalyse von Siegmund Freud hervor. Der größte Unterschied: Adler sah den Menschen nicht von Trieben bestimmt, sondern als freies Wesen. In der Indiviualpsychologie wird der Mensch
von Schulproblemen bis zum Burnout bei Erwachsenen als unteilbar mit all seinen Beziehungen, seinen Wünschen und Vorstellungen behandelt.
• Mehr Infos: www.digp.de
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1 Kommentar
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Uwe Zerbst aus Gotha | 31.10.2013 | 09:50  
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