Die Ein-Meter-Mannen: Die IG Hirzbergbahn will ein einzigartiges Museum mit allen Thüringer Schmalspurbahnen eröffnen

Wann? 14.09.2014 10:00 Uhr bis 14.09.2014 18:00 Uhr

Wo? Bahnwerkstatt, Friedensstraße 16, 99887 Georgenthal/Thüringer Wald DE
Thomas Becher ist Ressorleiter für Schmalspurbahnen in der Interessengemeinschaft Hirzbergbahn. Er steht auf dem Trittbrett eines Wagens, der auf der Bahnstrecke Gera-Pforten-Wuitz-Mumsdorf fuhr. „Er war als Geräteschuppen in den Garten gewandert. Wir haben den Wagenkasten geborgen und komplett aufgebaut. Die Achsen sind von einem befreundeten Verein in der Nähe von Bremen. Das Holz ist neu, eigentlich sind nur noch die Metallteile original.“
 
Das Schmuckstück der Sammlung ist ein 127 Jahre alter Waggon der ehemaligen Schmalspurbahn Weimar-Rastenberg. Ihn entdeckten die Vereinsmitglieder vor acht Jahren als Bienenwagen eines Hobby­imkers.
Georgenthal/Thüringer Wald: Bahnwerkstatt |

1000 Millimeter reichen Thomas Becher zum Glück. Der hoch gewachsene Mann hat ein großes Herz für kleine Eisenbahnen. Gleise mit gerade einem Meter Spurweite wecken seine Begeisterung. In Georgenthal will er mit den anderen Mitgliedern der IG Hirzbergbahn ein einzigar­tiges Museum für Thüringen errichten. Alle Schmalspurbahnen, die je im Freistaat gefahren sind, sollen hier an eine vergangene Eisenbahn-Epoche erinnern. Doch bis dahin ist es noch ein sehr langer Weg.

„Das war mal ein altes Sägewerk“, erklärt Becher und öffnet das Tor zur Halle, die der Verein für einen symbolischen Betrag von der Gemeinde gepachtet hat. „Als wir das Gelände vor elf Jahren bekamen, war hier alles völlig heruntergekommen.“ Fenster waren zerbrochen, das Dach undicht, die Werkstatt­grube mit Müll zugeschüttet. Rund fünf Jahre benötigten die Vereinsmitglieder, um aus dem Schandfleck das heutige Vereinsheim mitsamt Werkstatt zu schaffen. Doch die Arbeit hat gerade erst begonnen.

Ein Wettlauf mit der Zeit


Fast alle noch erhaltenen Schmalspurfahrzeuge, die es in Thüringen gibt, sind hier auf 600 Quadratmetern gelagert. „Wenn man einmal von der Harzer Bahn absieht, wurde die letzte Schmalspurbahn in Thüringen 1971 stillgelegt“, erklärt Becher. „Wir haben die Bestandslisten der Reichsbahn durchforstet und gesehen, an wen die Fahrzeuge verkauft wurden, als sie stillgelegt worden sind. Die neuen Besitzer haben wir dann alle abgeklappert.“ Es war ein Wettlauf mit der Zeit. „Meistens waren die Wagen schon zerlegt, ein paar gab es aber noch.“

Einige Bahnwagen wurden aus anderen Teilen Deutschlands oder aus dem Ausland wieder in die Heimat geholt. Einige gehörten einem anderen Verein, andere hatten eine neue Funktion als Gartenhäuschen gefunden. Mit viel Charme, denn Geld ist in der Vereinskasse selten vorhanden, wurden die Besitzer überzeugt, die Relikte dem Verein abzutreten. „Teilweise kamen wir leider zu spät. Da haben wir uns geärgert.“

Ein Verlust schmerzt ­Becher besonders. Einen  Triebwagen der Geraer Bahn konnte die IG nicht mehr retten. Der gelernte Werkzeugbauer zeigt auf ein altes Schwarz-Weiß-Foto von diesem besonderen Fahrzeug, einem Bus auf Schienen. „Als wir in den Garten kamen, erzählte uns der Besitzer zu allem Überfluss, was es für eine Arbeit war, das Ding zu zerlegen. Das war der herbste Verlust, den wir hinnehmen mussten“, martert sich Becher und fügt zugleich aufmunternd an. „Aber wir haben ja genügend Fahrzeuge.“

Arbeit für die nächsten 100 Jahre


Recht hat er. Dicht an dicht reihen sich in der Halle die Wagen und warten darauf, restauriert zu werden. Zwei aufgebockte Loks könnten diese Wagen einmal ziehen, vorausgesetzt sie werden repariert. Die Diesellok soll im kommenden Jahr wieder im Einsatz sein. Alles in allem sieht es nach Arbeit für die nächsten 100 Jahre aus.

Das Schmuckstück der Sammlung ist ein 127 Jahre alter Waggon der ehemaligen Schmalspurbahn Weimar-Rastenberg. Ihn entdeckten die Vereinsmitglieder vor acht Jahren als Bienenwagen eines Hobby­imkers. „Nicht in den Wagen spucken“, zeigt ein Originalschild an. „Und hier hing die Petroleumlampe, um den Innenraum zu beleuchten“, weist Becher auf eine Nische.

Jeden Samstag treffen sich die Schrauber aus dem Verein ab 10 Uhr morgens. Manche reisen aus Berlin, Dresden oder Magdeburg an. Andere Mitglieder haben sich der Historie verschrieben und Bücher dazu veröffentlicht.

Tag des offenen Denkmals


Wenn der Verein am 14. September zum Tag des offenen Denkmals einlädt, kann er skurrilerweise nichts präsentieren, was unter Denkmalschutz steht. Die Wagen sind größtenteils zerfallen, ihr Holz verfault. Viel Zeit und Geld ist notwendig, die künftigen Museumsstücke aufzuarbeiten. Becher zeigt auf ein Exemplar, das wieder wie neu erscheint. Sechs Jahre Arbeit stecken allein in diesem Waggon. Doch ein Drittel der Zeit geht schon fürs Rasenmähen auf dem 14.000 Quadratmeter großen Grundstück drauf. Bis das Museum eingeweiht wird, vergeht also noch viel Zeit. „Doch die Sammlung ist komplett“, so Becher. „Es wird also nicht noch mehr Arbeit.“


Hintergrund
• Schmalspurbahnen waren im Einsatz, um Kosten zu sparen. Die schmaleren Spuren konnten leichter und preiswerter verlegt werden. Gerade bei engen Gebirgstälern wurden sie verwendet. Nahezu alle Schmalspurbahnen, die heutzutage noch im Einsatz sind, werden touristisch genutzt.
• Größter Nachteil der Schmalspurbahnen war der Güterverkehr, da die Fracht an den Übergangsstationen zum Normalspurnetz umgeladen werden musste. Wie das mit Rollwagen oder -böcken geschah, würde die IG Hirzbergbahn gerne einmal im neuen Museum präsentieren.
• Die mehr als 50 ­Mitglieder der Interessengemeinschaft spalten sich in zwei Lager: In Georgenthal sitzen die Schmalspurfans, im Gothaer Lokschuppen die Normalspuranhänger.
• Der Verein verlegte Schmalspurgleise auf dem Gelände in Georgenthal. Beim Tag des offenen Denkmals werden einige der aufgearbeiteten Wagen aus der Halle ins Freie geschoben. Termin: 14. September, von 10 bis 18 Uhr, Bahnwerkstatt Georgenthal, Friedensstraße 16
• Infos: www.tag-des-offenen-denkmals.de
• Kontakt: Thomas Becher, Telefon 01 75 / 6 65 19 18, ­thomas.becher@
hirzbergbahn.info, www.hirzbergbahn.info
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2 Kommentare
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Uwe Zerbst aus Gotha | 10.09.2014 | 08:41  
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Hannelore Grünler aus Artern | 14.10.2014 | 20:59  
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