Schräg, schrill und sehr, sehr laut: Während andere Vereine um Nachwuchs bangen, gründen sich immer mehr Guggengruppen in ganz Thüringen

Gerade erst ein Jahr lang gibt es die Gruppe "OHR gugge ma…“. Mit einem Aufruf bei Facebook fing alles an. (Foto: Verein)
 
In nur einem Jahr absolvierte die Truppe 50 Auftritte. An beinahe jedem Wochenende sind die ohrenbetäubenden Ohrdrufer irgendwo gebucht.
Ohrdruf: „OHR gugge ma…“ |

Rums-Bums hämmert die ­Pauke. Die Bläser pumpen sich die Lunge aus dem Leib. Die Trommler scheinen mit ihren Stöcken jemanden erschlagen zu wollen. Dazwischen hüpft wie ein Flummi Dominik Rieck umher. Er rudert mit den Armen und pustet in die Trillerpfeife. Doch dieser akustische Orkan, der ihn umkreist, lässt sich eigentlich nicht dirigieren. Aber diese große Narrenfreiheit am Instrument ist gewollt. Es ist schließlich Guggenmusik.

Gerade erst ein Jahr lang gibt es die Gruppe „OHR gugge ma…“.Mit einem Aufruf bei Facebook fing alles an. Mittlerweile ist der Verein von sieben auf 50 Mitglieder gewachsen. „Dass der Proberaum jetzt schon aus allen Nähten bricht, damit hat ja keiner gerechnet“, rätselt Rieck in einer Spielpause am Phänomen herum. 30 bis 40 Musiker quetschen sich zweimal pro Woche in die ehemalige Malerwerkstatt im Hinterhof von Riecks Privathaus. Doch die 90 Quadratmeter bieten längst zu wenig Platz, Toiletten fehlen. „Und die Nachbarn grüßen auch schon nicht mehr“, scherzt Rieck auf irgendeine Art von Lärmschutz angesprochen.

Während andere Vereine um Nachwuchs bangen, gründen sich immer mehr Guggengruppen in ganz Thüringen. Um hier mitzuspielen, benötigt man keine Vorkenntnisse: „Rund die Hälfte unserer Musiker hat vorher noch nie ein Instrument in der Hand gehalten“, gesteht Rieck, der als einer der wenigen schon Erfahrungen aus einem Spielmannszug mitbringt. „Ich denke, das liegt an der Art der Musik“, erklärt sich Dominik Rieck den Erfolg. „Wir haben zwar die typischen Blasinstrumente, aber wir spielen ganz andere Musik als es das Publikum erwartet.“ Keine Polka, keine Volksmusik, sondern Partyhits, Oldies, Schlager und moderne Stücke. Alles ein bisschen schneller – und vor allem lauter.

Im Gleichschritt war gestern


Der zweite Vorsitzende freut sich, „dass Guggenmusik eben nicht so akkurat ist. Nicht im Gleichschritt marschieren, keine echten Noten lesen, sondern dieses Durcheinander und dass jeder mitspielen kann, das macht die Truppe aus.“ Die Vereinsvorsitzende Franziska Begenau ergänzt: „Man merkt einfach, dass sich alle verstehen, sodass sich schnell Freundschaften untereinander gebildet haben. Wir treffen uns und machen Musik, weil wir Spaß daran haben. Und das reißt das Publikum ungemein mit. Wenn dann mal ein schiefer Ton kommt und die ganze Gruppe lacht, dann lacht das Publikum gleich mit.“

Publikum gab es im ersten Jahr des Vereins schon reichlich. In nur einem Jahr absolvierte die Truppe 50 Auftritte. An beinahe jedem Wochenende sind die ohrenbetäubenden Ohrdrufer irgendwo gebucht: bei Geburtstagen, bei Stadt- und Feuerwehrfesten oder beim Karneval. Das Repertoire umfasst etwa ein Dutzend Stücke. Mehr ist auch nicht nötig. „Es will ja niemand vier, fünf Stunden die Musik hören“, weiß Rieck. „Allein die Pauken schlagen so laut im Takt, dass ältere Leute im Publikum getrost ihre Herzschrittmacher ausschalten können“, ulkt Begenau. „Selbst eine Lampe hat es bei unserem Auftritt schon von der Decke gerissen.“

Keine Angst vor Blamage


Die Guggengruppe überzeugt aber nicht nur mit ihrer Brachialmusik, sondern auch mit ausgefeilten Choreografien und schrill-bunten Kostümen. Immer hüpft oder dreht sich irgendjemand. Rieck nickt. „Da macht sich keiner einen Kopf, dass er sich blamieren könnte. Die legen einfach los.“

Teure Markeninstrumente kann sich kaum jemand leisten. Über Sponsoren, die zum Beispiel bereits ein Tuba-ähnliches Sousaphon gestiftet haben, freut sich der Verein natürlich sehr. „Man kann auch gerne selbst gebaute Instrumente nehmen. Es gibt Guggenmusiker, die auf Gartenschläuchen spielen“, erklärt Begenau. „Wichtig ist, dass gezielt immer ein, zwei Töne an der Melodie vorbei gespielt wird. Wenn man das Gefühl hat, es klingt irgendwie komisch, dann ist es genau richtig.“


Hintergrund

• Ein starker Rhythmus, dazu Blasmusik, die absichtlich schräg gespielt wird: Das ist Guggenmusik. Ihren Ursprung hat sie in der Schweiz, wo es Brauch war, die Wintergeister mit dem Blasen von Kuhhörnern auszutreiben. In der Fassnacht kamen dann andere Instrumente und wilde Kostüme hinzu.

• Heute gibt es viele unterschiedliche Arten von Guggenmusik. Oft werden Volks- und Kinderlieder sowie bekannte Popsongs gespielt. Seit den 1980er-Jahren beeinflussen Samba-Rhythmen des brasilianischen Karnevals die Guggenmusik.

• Im Vereinsnamen „OHR gugge ma…“ stecken die Anfangsbuchstaben der Ohrdrufer Heimat und die gespielte Musikrichtung der Gruppe. Es bedeutet aber auch: „Schau mal da!“

• Die Musiker proben Montag- und Donnerstagabend, die Kinder zusätzlich mittwochs, Lindenaustraße 17 in Ohrdruf. Hinzu kommen Trainingslager und die vielen Auftritte. Der jüngste „Guggezwerg“ Lemalian haut mit erst vier Jahren auf die Minipauke. „Gugge­mutti“ Inge ist 61 Jahre jung. Die erste CD ist in Planung.

• Die Guggenmusiker suchen dringend einen neuen Proberaum beziehungsweise ein Vereinsheim, in dem auch die Instrumente gelagert werden können. Neue Musiker, vor allem Bläser, sind willkommen. Kontakt zum Verein: Telefon 01 52 / 33 90 12 33. ­Termine unter: www.ohr-gugge-ma.de

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4 Kommentare
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Dominik Rieck aus Gotha | 10.09.2014 | 12:25  
9.688
Hannelore Grünler aus Artern | 10.09.2014 | 20:26  
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 11.09.2014 | 10:02  
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Renate Jung aus Erfurt | 16.09.2014 | 22:28  
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