„Das Publikum will euch sehen!“ - Derzeit mit Erich Kästners „Die Schule der Diktatoren“ auf der Bühne - Die Jugendtheatergruppe der ko-ra-le

Vertrauen, Toleranz und Akzeptanz: Die Jugendtheatergruppe bildet ein tolles Team mit viel Gemeinschaftsgefühl. (Foto: Karola Klingebiel)
 
Annekathrin Kaes (links), Antonia Nagler (rechts) und Jessica Weinrich (Mitte) von der Jugendtheatergruppe erhoffen sich im November schauspielerische Verstärkung. (Foto: Karola Klingebiel)
 
Feinschliff in den Proben vor der großen Premiere: Die Jugendtheatergruppe der ko-ra-le. (Foto: Karola Klingebiel, ko-ra-le)
Heiligenstadt Heilbad: ehemaliges Bekleidungswerk | „Denkt daran, das Publikum will euch sehen, eure Mimik und eure Gestik erleben! Blickt nach vorn und setzt Akzente, werdet laut! Bringt euch als Spieleraktion ein, so, wie ihr es in eurer Rolle gelernt habt!“, sagt Karola Klingebiel eindringlich zu den sieben Mädchen, die - komplett geschminkt, in Kostümen und mit Perücke bekleidet - vor ihr stehen.

Die Gesichter der 14- bis 17-jährigen Akteurinnen verraten Aufregung. Karola Klingebiel weiß, was in den Köpfen der Mädels vorgeht. Kann ich meinen Text? Klappt das Zusammenspiel Mensch und Stück? Wird der Umbau der Kulisse zum richtigen Zeitpunkt funktionieren?

„Und jetzt geht jeder an seinen Platz“, bittet die Leiterin der Jugendtheatergruppe. Sie prüft kurz, ob die Beleuchtung stimmt und begibt sich dann an den Technikplatz hinter der Bühne, von dem aus sie während des Stückes Töne, Geräusche und Effekte kontrollieren wird.

Bei der Generalprobe des Dramas „Die Schule der Diktatoren“ von Erich Kästner klappt alles sehr gut. Auch die Premiere zwei Tage später im Bekleidungswerk vor Publikum verläuft erfolgreich.

Wieder einmal! Denn seit zehn Jahren schon betreut Karola Klingebiel, ausgebildete Spiel- und Theaterpädagogin die Kinder- und Jugendtheatergruppe der Heiligenstädter ko-ra-le. Jedes Jahr werden neue Stücke gezeigt, und ihre öffentlichen Aufführungen bilden - wohl nicht zuletzt aufgrund ihres hohen Niveaus - längst einen festen Baustein im Kulturleben der Kreisstadt.

Im Januar entschied die Jugendtheatergruppe, sich in diesem Jahr an Erich Kästners „Die Schule der Diktatoren“ zu wagen. Anspruchsvoller Stoff, der sich mit dem Dritten Reich und der Zerstörung von Individualität und Menschlichkeit in einem totalitären Staat auseinander setzt! In der ersten Phase standen zunächst der Prozess der Rollenerarbeitung, Ideen zur Bühnenkulisse sowie die szenische Umsetzung auf der Tagesordnung. „In dieser Phase fragen wir uns auch, wer welche Rolle übernehmen könnte und erarbeiten Rollenvorschläge“, erläutert Karola Klingebiel.

Es folgen theater-pädagogische Übungen, in denen beispielsweise die eigene Präsenz geprobt wird. Die Schauspielerinnen müssen erst einmal selbst akzeptieren, die ihnen zugewiesene Rolle spielen zu können. Und natürlich ist auch das Feedback der Gruppe wichtig!

Nach spätestens drei Proben herrscht in diesen Dingen Klarheit, sodass das Stück nun Szene für Szene erarbeitet werden kann. Dabei geht es auch um die Umsetzung der Kulissen, Kostüme und Requisiten. Die Vorschläge kommen aus der Gruppe und werden auch gemeinsam umgesetzt.

Nebenbei wird ein wenig Recherche zur Historie und den Hintergründen des Werkes sowie des Autors betrieben. „Damit die Mädchen wirklich ein Gefühl dafür bekommen und wissen, was sie da spielen“, begründet Karola Klingebiel, bei der man bei buchstäblich jedem Wort und jeder Aussage spürt, dass sie mit Herz und Seele dabei ist. Ihre Begeisterung fürs Theaterspielen überträgt sich auf die ganze Gruppe.

Überhaupt herrscht in der Theatergruppe eine sehr offene und vertrauensvolle Atmosphäre mit Toleranz und Akzeptanz. Dies ist auch sehr wichtig, denn für ihre Rollen müssen die 14- bis 17-jährigen Mädchen aus sich heraus gehen.

Kurz vor den Sommerferien kann das Stück das erste Mal komplett durchgespielt werden. In der letzten Vorbereitungsphase folgt ein intensives Probenwochenende, bei dem alles noch einmal auf dem Prüfstand kommt und seinen Feinschliff erhält. Und es tut dem Gemeinschaftsgefühl der Mädchen dabei sehr gut, dass sie an diesem Wochenende nicht nur zusammen im Bekleidungswerk übernachten sondern auch viel Spaß bei einer Filmnacht haben.

Wenn sämtliche Aufführungen von Erich Kästners „Die Schule der Diktatoren“ in diesem Jahr gelaufen sind, wird es zum Abschluss des Projektes auch wieder eine Theaterfahrt geben. „Wir fahren dann nach Göttingen ins Deutsche Theater zu ‚West Side Story‘, um uns anzusehen, wie die Profis das machen“, schmunzelt Karola Klingebiel.

Hintergrund

- Die Jugendtheatergruppe der ko-ra-le wird als ein Projekt des Lokalen Aktionsplanes Eichsfeld (LAP) mit Bundesmitteln gefördert.
- Nach der erfolgreichen Premiere am 21. September ist Erich Kästners „Die Schule der Diktatoren“ in einer weiteren Aufführung noch am 15. Oktober um 20.00 Uhr sowie im Rahmen der Interkulturellen Woche 2012 am 10. Oktober um 08.30 sowie 10.30 Uhr und am 11. Oktober um 08.30 sowie 10.30 Uhr zu sehen.
- Am Mittwoch, dem 7. November, um 15.00 Uhr, lädt die Jugendtheatergruppe alle interessierten Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren zu einem Casting mit theater-pädagogischen Übungen, Einstiegsspielen - auch der Spaß wird nicht zu kurz kommen - ins Bekleidungswerk ein.


Erich Kästners "Die Schule der Diktatoren" (Empfohlen ab 14 Jahre)

Das Drama "Die Schule der Diktatoren" wurde 1957 uraufgeführt und mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Kästner, der während des Dritten Reichs einige Male verhaftet wurde und seine Werke nicht veröffentlichen durfte, setzt sich in diesem Stück mit dem Scheitern des Widerstandes in einem totalitären Staat auseinander.

Den Menschen „weiterentwickeln, zu ferngesteuerten Maschinen, die exakt funktionieren". Das ist Erziehungsziel in der „Schule der Diktatoren". Anonyme Drahtzieher etablieren eine Zwangsherrschaft mit austauschbaren Diktatoren, die sie wie Marionetten steuern.

Eine Schule der Diktatoren, konzipiert und geleitet durch einen gewissenlosen Professor, hält eine Reihe an dressierten Präsidenten bereit, die den amtierenden Staatschef nach einem Attentat ersetzen können. Die Präsidentenfabrik bildet eine Reihe von Doppelgängern aus; in Gestik, Sprache und Aussehen immer gleichartige Staatsoberhäupter. Das Volk merkt nichts.

Die Präsidenten-Mimen werden geschickt trainiert und dressiert - werden durch leichte Mädchen bei Laune gehalten und müssen totalen Gehorsam gegen die eigentlichen Drahtzieher der Macht zeigen. Leisten sie sich Zeichen von Eigenwilligkeit, werden sie beseitigt und durch einen Nachfolger aus der Präsidentenfabrik ersetzt.

Doch nicht alle dressierten Marionetten spielen das Spiel mit. Der Siebente aus der Reihe der Ersatz-Staatsoberhäupter plant einen Putsch...
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