Anna Orschel - 105 Jahre und kein bisschen leise ...

Heidi Zengerling im Gespräch mit der ältesten Eichsfelderin

Anna Orschel – seit ihrem 98. Lebensjahr im Altenpflegeheim St. Vinzenz in Küllstedt wohnhaft – ist mit ihren mittlerweile 105 Jahren die älteste Eichsfelderin. Sie ist darauf nicht etwa stolz, sondern erzählt liebenswert und bereitwillig aus ihrem Leben - gibt gern Tipps, wie man so alt werden kann.

Frau Orschel, können sie den Lesern der Zeitung erzählen, was sie tun, um in Ihrem Alter noch so rüstig zu sein und überhaupt ein so gesegnetes Alter erreicht zu haben?

„Ja, mein Rezept für das Altwerden ist ganz einfach. Man muss immer lustig sein, darf sich nicht ärgern und nie aufgeben. Es ist wichtig, dass man zufrieden ist und nicht resigniert, egal, was einem widerfährt. Ich war nie auf Rosen gebettet, meine einzige Tochter verstarb im Alter von 29 Jahren, mein Mann war acht Jahre nicht bei der Familie, erst vier Jahre im Krieg und dann noch weitere vier Jahre in Gefangenschaft, dennoch habe ich nie aufgegeben und, sehen Sie, 105 Jahre habe ich nun schon in meinem Herzen. Wenn es im Kopf noch stimmt, dann möchte ich wohl auch noch einige Jahre leben.“

Erzählen Sie uns vielleicht ein wenig aus Ihrem langen Leben?

„Ich bin am 11. April 1908 am Niederrhein als Anna Schäfer geboren und musste schon im Alter von 6 Jahren meiner Mutter im Haushalt und bei der Beaufsichtigung meiner Geschwister helfen. Es herrschte Krieg, und die Familie hatte es nicht leicht. Wir waren fünf Kinder. Weil ich so früh selbstständig sein musste, finde ich mich in allen Situationen im Leben zurecht. Ich kann sehr viel, nur Unmögliches kann auch ich nicht.“, sagt Anna Orschel und lächelt dabei verschmitzt.

„Wir hatten Gänse, Ziegen und ein Schwein, einen großen Garten und Land. Mein Bruder war erst drei Jahre und musste schon die Gänse hüten. Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Zur Zeit der Besatzung war ich dann bei einer französischen Arztfamilie in Anstellung, der ich die Wäsche machte und die Kinder versorgte. Dort hatte ich es sehr gut. Ich arbeitete zwei Jahre dort. Acht Jahre war ich in einem Apothekerhaushalt tätig. Die Familie ging vom Niederrhein nach Geismar, als mein Vater die dortige Tischlerei übernahm. Im 2. Weltkrieg dann, ich war verheiratet und mein Mann war im Krieg, konnten wir uns mit den Erträgen aus dem Garten hinhalten. Wir holten Holz und sammelten Beeren.

Im Alter von 98 Jahren, ich lebte zu diesem Zeitpunkt allein, hatte ich es mir kurzfristig überlegt, ins Pflegeheim zu ziehen. Grund war ein Sturz mit einer schwerwiegenden Kopfverletzung. Die Ärzte hatten mir damals geraten, nicht weiter allein zu leben. Ich wurde in Küllstedt im Altenpflegeheim sehr gut aufgenommen und lebte mich dementsprechend schnell ein. Bis vor ein paar Jahren las ich noch gern dicke Bücher, was mir jetzt aber auf Grund meiner schlechten Augen Schwierigkeiten bereitet. Dennoch lese und schreibe ich noch immer gern. Briefe schreibe ich mitunter in Etappen, wenn es mir meine Augen erlauben.“

Möchten Sie gern noch einmal jung sein?

„Ach, wissen Sie, manchmal wäre ich gern noch einmal jung, dann aber denke ich, dass einmal Jungsein ausreicht. Ich habe viel erlebt und bereue nichts davon. Es geht mir gut und so möchte ich sagen, dass ich gern 105 Jahre bin, mich wohl fühle und immer viel zu tun habe. Es ist schön, dass ich zu meinen Enkeln ein gutes Verhältnis habe, sie mich mehrmals im Jahr besuchen und wöchentlich telefonieren. Ich gehe, wenn es das Wetter erlaubt, noch zweimal am Tag für jeweils eine halbe Stunde raus. Erst heute war ich wieder im Edeka-Markt, weil ich Kerzen für den Friedhof brauchte. Außerdem haben wir hier im Haus jeden Vormittag ein abwechslungsreiches Beschäftigungsprogramm. Wir basteln, wir treiben Sport und trainieren unser Gedächtnis.“, sagt Anna Orschel und führt während dessen gern einige sportliche Übungen vor. „Außerdem haben wir im Haus eine Kapelle und immer donnerstags und samstags Gottesdienst. Nach dem Mittag beten wir den Rosenkranz. Ab und an kümmere ich mich auch um andere Mitbewohner. Wenn es einmal jemandem nicht so gut geht, setze ich mich zu ihm und unterhalte mich. Außerdem räume ich noch jeden Morgen mein Zimmer auf. Am Abend bin ich dann allerdings schon um 19:30 Uhr müde und lege mich schlafen.“

Frau Orschel hat sich gern die Zeit genommen aus ihrem Leben zu berichten, drückt mir zum Abschied herzlich die Hand und begleitet mich noch ein Stück des Weges aus ihrem gemütlichen Zimmer. Dort übrigens steht eine neue Blume im Fenster, die sie noch gestern, so berichtet sie lebensfroh, frisch umgetopft hat.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige