Einfach nur ganz normal leben - Schicksal eines Asylbewerbers - Hamed Rasuli aus der Gemeinschaftsunterkunft Breitenworbis

Asylbewerber und Fußballfan: Hamed Rasulis Lieblingsmannschaft ist der FC Liverpool. FCL-Mannschaftskapitän Steven Gerrard hat neben anderen (auch deutschen) Fußballgrößen einen Ehrenplatz an der Zimmerwand.
 
Die Gemeinschaftsunterkunft bei Breitenworbis, in der Hamed Rasuli gemeinsam mit der Mutter und Bruder Achmed seit Oktober 2011 auf den endgültigen Bescheid zu seinem Asylantrag wartet
Breitenworbis: Gemeindschaftsunterkunft | Still wirkt er, dazu auch bedrückt. Schon im Gespräch mit dem 19-jährigen Hamed Rasuli aus Afghanistan erahnt man, dass er schreckliche Dinge erlebt hat. Der junge Mann mit den scharf geschnittenen Gesichtszügen ist Asylbewerber und derzeit in der Sammelunterkunft in Breitenworbis untergebracht. Sein Deutsch ist zwar noch etwas holprig, doch die Verständigung klappt.

Früher lebte Hamed mit seiner Familie in einem kleinen Dorf namens Sorcharbad in der südafghanischen Provinz Lugar unweit der pakistanischen Grenze. Sie hatten ein kleines Haus, züchteten Kühe und Schafe. Hamed besuchte die Dorfschule, die jedoch durch die Taliban zerstört wurde. Also ging Hamed in die stark religiös geprägte Koran-Schule. Er kann nun immerhin ein wenig lesen und schreiben.

Vor etwa zwei Jahren wurde der Vater getötet. Waren es die Taliban oder die Amerikaner? „Der Krieg war es“, sagt der junge Mann mit der schlanken, ja beinahe mageren Statur. Der Krieg hat alles zerstört, und die Familie wollte ihm entfliehen. Anderswo winkte ein besseres Leben, vor allem ein Leben ohne Krieg.

Doch der Weg in dieses Leben würde nicht nur sehr lang sein, sondern auch viel Geld kosten. Die Familie verkaufte ihr Haus sowie die Tiere. Für die Flucht und die lange Reise reichte dies aber immer noch nicht. Also liehen sie sich noch Geld von der Familie der Mutter.

Dann brach Hamed mit seiner Mutter (55) und seinem jüngeren Bruder Achmed (15) auf. Die Flucht führte sie zunächst nach Pakistan, dann in den Iran und von dort aus weiter in die Türkei. Mal waren sie zu Fuß unterwegs, mal auf der Ladefläche eines Lkw, die Reise war immer abenteuerlich und gefährlich.

Von der Türkei aus gelangten die Rasulis nach Griechenland, wo sie versteckt in einem Container auf einem Schiff schließlich Italien erreichten. Frankreich bildete die nächste Station, dann folgte Belgien. Von Belgien aus gelangte die afghanische Familie schließlich mit dem Zug nach Deutschland.

In Köln meldeten sie sich als illegale Einwanderer bei der Polizei. Sie wurden nach den Gründen ihrer Flucht aus Afghanistan befragt, und man wollte auch wissen, weshalb sie gerade in Deutschland um Asyl suchten. Dann händigte man ihnen ein Dokument aus und sagte: „Ihr müsst nach Dortmund. Dort ist ein Asylbewerbercamp.“

Der Aufenthalt in Dortmund dauerte nur ganze drei Nächte. Dann ging es für Hamed, seine Mutter und seinen Bruder nach Eisenberg in die Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Thüringen. Auch dort blieben Hamed, Achmed und die Mutter nur etwa drei Wochen. Dann erfolgte die „Umverteilung“ der Familie in die Gemeinschaftsunterkunft in Breitenworbis, die vorläufig letzte Station einer langen Reise, die vier Monate dauerte.

Seit 14. Oktober 2011 nun leben die Rasulis gemeinsam mir rund einhundert anderen Asylbewerbern in dem mehrstöckigen Unterkunftsgebäude in unmittelbarer Nachbarschaft der Autobahn A38 und einer Mastanlage mit Großern Güllebehältern, rund zwei Kilometer von Breitenworbis entfernt.

Der gestellte Asylantrag wurde bereits abgelehnt, sodass nun die Abschiebung droht. Nachdem sich Hamed Rasuli darauf hin an einen Anwalt wandte, gibt es eine Gnadenfrist, ist das Asylverfahren wieder in der Schwebe. Der junge Mann, seine Mutter und der jüngere Bruder warten nun voller Bangen auf die nächste Entscheidung.

Wenn sie nach Afghanistan abgeschoben werden, stehen sie dort nicht nur vor dem absoluten Nichts, sondern finden sich auch in einem Land wieder, in dem immer noch Krieg herrscht.

Seit Januar absolviert Hamed einen Deutschkurs in Leinefelde. Und der bekennende Fußballfan - seine absolute Lieblingsmannschaft ist der FC Liverpool - spielt inzwischen in der 1. Mannschaft des TSV 1891 Breitenworbis e.V. auch selbst Fußball. Hamed Rasulis Wünsche für die Zukunft sind ziemlich bescheiden: „Ich möchte einfach nur ganz normal leben“, sagt er.

Asylrecht und Menschenrechte


- Das Wort „Asyl“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Zufluchtsstätte“.
- Die Genfer Flüchtlingskonvention definiert einen Flüchtling als jede Person, die „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht nehmen will“.
- In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) Art. 14 (Asylrecht) heißt es: „Jeder Mensch hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen.“

Asylbewerber in Thüringen


- Die Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Thüringen liegt in Eisenberg.
- Hier verbringen Flüchtlinge nach der Asylantragstellung die ersten Wochen ihres Aufenthalts als Asylbewerber und werden in der „Erstanhörung“ von einem Einzelentscheider zu ihrem Asylantrag befragt. Sie erhalten die „Aufenthaltsgestattung“.
- Im Jahr 2010 wurden in Thüringen 144 Asylanträge gestellt.
- Nach spätestens drei Monaten erfolgt die „Umverteilung“ in Gemeinschaftsunterkünfte.
- In Thüringen gibt es zirka 24 Gemeinschaftsunterkünfte
- Derzeit leben rund 40 Prozent aller Asylbewerber und geduldeten Flüchtlinge darin.
- Das sind in Deutschland 38.000 Personen.
- Während des Asylverfahrens sind Asylbewerber einem Landkreis zugewiesen und durch die Residenzpflicht in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Sie können sich in ihrem zugeordneten Bezirk frei bewegen, ebenso vorübergehend im Bezirk angrenzender Ausländerbehörden und in einer weiteren kreisfreien Stadt. Für alle Gebiete, die darüber hinausgehen, brauchen die AsylbewerberInnen einen „Urlaubsschein“.
- Im ersten Jahr ihres Aufenthaltes besteht ein absolutes Arbeitsverbot. Danach ist die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit theoretisch nicht ausgeschlossen. Erschwert wird dies jedoch durch das so genannte „Vorrangprinzip“, wonach zunächst ausgeschlossen werden muss, dass für den jeweiligen Arbeitsplatz ein Deutscher oder aufenthaltsrechtlich besser gestellter Ausländer zur Verfügung stehen könnte.
- Asylverfahren können sich bis zu einer endgültigen Entscheidung über mehrere Jahre hinziehen. Die meisten Asylanträge werden abgelehnt. Es folgt für die nicht als asylberechtigt anerkannten Flüchtlinge ein Leben mit einer „Duldung“. Das bedeutet, dass sie nicht wissen, ob sie abgeschoben werden oder ob sie in Deutschland bleiben können.
- In Thüringen lebten zum Stichtag 31. Dezember 2010 insgesamt 1.237 Menschen „geduldet“.
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