Es ist spannend zu wissen, wo was geschah

Ausschnitt: Stefan Sander am Kriegerdenkmal in Küllstedt. Das Denkmal wurde 2010 neu errichtet . Herr Sander zeigt auf den Namen seines Großvaters, der am 13. August 1941 gefallen ist An dieser Stelle ist sein Name auf dem Stein zu lesen.
 
Stefan Sander am Kriegerdenkmal in Küllstedt. Das Denkmal wurde 2010 neu errichtet . Herr Sander zeigt auf den Namen seines Großvaters, der am 13. August 1941 gefallen ist An dieser Stelle ist sein Name auf dem Stein zu lesen.
 
Aufnahme zeigt links Hans Müller und rechts Stefan Sander bei der Übergabe des Propellerteils. (Foto: Foto aus Privatsammlung von Stefan Sander (freigegeben für AA))
Hobbyhistoriker Stefan Sander aus Küllstedt recherchiert zur Geschichte des 2. Weltkrieges im Eichsfeld


Herr Sander, was hat Sie veranlasst, sich mit der Geschichte des 2. Weltkrieges zu beschäftigen?

Schon als Kind habe ich gespannt zugehört, wenn ältere Menschen von ihren Kriegserlebnissen berichteten. Meine Ehefrau stammt aus Struth. Während einer Familienfeier wurde vom Absturz eines deutschen Jagdflugzeuges zwischen Struth und Effelder berichtet. Ich wurde hellhörig. 1990 beschäftigte ich mich dann tiefgründiger mit der Thematik. Mit zwei Freunden suchte ich an der vermeintlichen ­Absturzstelle nach Wrackteilen – natürlich mit Erlaubnis des Grundstückeigentümers. Wir wurden fündig und konnten den Motor dieser Focke Wulf FW 190 ausgraben. Es war ein BMW-A 801 Motor mit 18 Zylindern und etwa 1800 PS. Dieser Fund erregte sogar bei Lufthistorikern Interesse. Einer brachte mich auf die Idee, die Luftkriegsereignisse im Landkreis Eichsfeld zu recherchieren.

Wie steht Ihre Familie zu dem zeitraubenden Hobby?

Meine Frau unterstützt mich, wo sie kann. Ihrem Verständnis liegt eine sehr persönliche Geschichte zugrunde: Es war so, dass ihr Großvater im Krieg an einem bis dahin unbekannten Ort gefallen war. Es gab nur die Aussage eines Kameraden, dass er im Raum Unna gefallen und beerdigt sei. Recherchen hingegen legten offen, dass der Großvater nahe Klewe in Kervenheim gefallen ist. Die Familie begab sich gemeinsam auf die Suche, um sein Grab zu finden. Ich habe mich beim DRK, bei der Deutschen Dienststelle in Berlin (ehemals Wehrmachtsauskunftsstelle) und im Militärarchiv Freiburg kundig gemacht und konnte herausfinden, dass der Großvater meiner Frau nahe des Wallfahrtsortes Kevelaer auf einem deutschen Soldaten­friedhof in Weeze bestattet sein soll. Irgendwann standen wir alle gemeinsam am Grab des Vaters beziehungsweise Opas, der dort mit noch 1999 anderen Soldaten seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Seit dieser Zeit kann mich meine Frau noch besser verstehen.



Erzählen Sie bitte eine Geschichte, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist.

Ich denke an Hans Müller, einen am 27. November 1944 über Effelder mit seiner Maschine abgeschossenen deutschen Jagdflieger. Der Pilot konnte sich mit dem Fallschirm nahe der Kirche von Effelder retten. An diesem Tag wurden im Raum Eichsfeld weitere sechs Jagdflugzeuge abgeschossen. Vor rund 15 Jahren habe ich im Wilhelmswald zwischen Büttstedt und Bickenriede die Überreste seines Flugzeuges ausfindig gemacht und dabei das Propellerblatt seiner Maschine gefunden. Ich recherchierte in Archiven und machte Hans Müller in Süddeutschland ausfindig. Es war ein berührendes Zusammentreffen, als ich ihm im Sommer 2000 das Propellerblatt übergab. Wir blieben einige Jahre in Kontakt.

Auch in Ihrer Arbeit für die Kriegsgräberfürsorge begegnen Ihnen menschliche Schicksale.

Ja, sehr ans Herz ging mir zum Beispiel die Bergung von 66 russischen Kriegsgefangenen 2011/2012 im Leinawald. Sie konnten auf Grund von Erkennungsmarken zum Teil identifiziert werden. Im September vergangenen Jahres wurden sie in allen Ehren auf dem Gemeindefriedhof von Nobitz in der Nähe von Altenburg beigesetzt.

Zur Vorgeschichte: Im Dritten Reich befand sich in der Nähe der Ausgrabungsstelle ein Flugplatz, der nach 1990 von der Zivilluftfahrt genutzt wurde. Von einem ehemaligen Förster erhielt der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge den Hinweis, dass nahe der im Volksmund benannten „Russenbuche“ im Leinawald besagte 66 Kriegsgefangene zu finden seien. Die genannte Buche bekam ihren Namen, da rundherum kyrillische Buchstaben eingeritzt sind. Von 1945 bis 1990 wurde der Leinawald von russischen Streitkräften als Flugplatz und Kasernengelände genutzt.


Herr Sander, wie gestaltet sich Ihre Arbeit als Ortschronist?

Ich beschäftige mich mit der Geschichte unserer Gemeinde, sammle Pressemitteilungen und bin aktiv daran beteiligt, dass unsere Heimatgeschichte nicht verloren geht, sondern in der Jugend weiterlebt.
So habe ich beispielsweise schon mehrere Vorträge in der Gemeinde gehalten z.B. zum Thema „Windhose 19.07.1966“ (Zerstörung Küllstedter Kirchturm), einen heimatgeschichtlichen Vortrag zur Chronik der Gemeinde Küllstedt, anlässlich der 200-Jahr Feier des Küllstedter Schützenvereins.
2010 recherchierte ich im Auftrag der Gemeinde über die Gefallenen und Vermissten Soldaten des 2. Weltkrieges der Gemeinde Küllstedt. Zu den 99 Namen der Gefallenen aus Küllstedt, die in der St. Josef Kapelle in der Küllstedter Kirche namentlich benannt sind, kamen weitere 72 Namen hinzu. Zum Antoniusfest 2010 wurde durch die Gemeinde das bestehende Kriegerdenkmal des 1. Weltkrieges, um die Namen der Gefallenen des 2. Weltkrieges, durch 2 Steinsäulen erweitert.

In den letzten 3 Jahren habe ich jeweils eine Wanderung der 18,2 km umfassenden Gemarkungsgrenze (in 3 Etappen) organisiert, zu der sowohl ältere Menschen, als auch Jüngere eingeladen wurden. Den Älteren ringe ich ihre Geschichten ab und führe sie sozusagen den jungen Menschen zu. Die alten Flurnamen gehen somit nicht verloren und Heimatwissen wird vermittelt.

Als Ranger des Naturparks Eichsfeld-Hainich-Werratal leite ich eine Arbeitsgemeinschaft „Junior Ranger“ (31 Kinder 1. – 7. Klasse) der Schule in Küllstedt und des Gymnasiums in Dingelstädt, die zur Zeit bei einen Wettbewerb zum Naturparkplan teilnehmen, bei dem es gilt, Infotafeln und Schilder mit den jeweiligen Flurnamen in der Flur von Küllstedt aufzustellen.

Es ist schön, dass ich meine Arbeit mit Teilen meiner ehrenamtlichen Tätigkeiten verbinden und parallel laufen lassen kann. Meine Heimat, “Eichsfeld“ ist mir sehr wichtig, ich bin von Herzen Küllstedter und Eichsfelder und lebe dies auch.








Zur Person:

- Stefan Sander lebt in Küllstedt und ist zerti­fizierter Landschafts- und Naturführer.

- In seiner Freizeit arbeitet er seit 2005 als bestellter Ortschronist der Gemeinde.

- Der Hobbyhistoriker engagiert sich zudem seit vier Jahren im Landesvorstand der Kriegsgräberfürsorge und beschäftigt sich mit der Geschichte des 2. Weltkrieges.

- Für seine ehrenamtliche Tätigkeit für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge erhielt er 2012 den Ehrenbrief des Freistaates Thüringen.
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