Hexennacht - In Holungen, der Hochburg alten Brauchtums, wurde und wird zum Maisprung „gehext“

Selbst heute noch trifft Paul Hamelmann Vorbereitungen für die "Hexennacht" vom 30. April auf den 1. Mai. Mit Ketten und großen Vorhängeschlössen werden Gartentore, Sitzbänke und so weiter gesichert.
 
Nehmt euch in Acht vor den dunklen Gestalten der Nacht: Auch, wenn nicht mehr so oft, wie in früheren Zeiten praktiziert, so kann es wohl selbst heute immer mal noch geschehen, dass in der "Hexennacht" in Holungen so manche Dinge auf wundersame Weise ihren Standort wechseln. (Foto: Steffen Weiß)
In der Nacht zwischen dem 30. April und 1. Mai geschehen in der Eichsfeldgemeinde Holungen schon mal wunderliche Dinge. Gartentore sind plötzlich verschwunden, Sitzbänke haben ihren Standort gewechselt, an so manchem Haus fehlen gar die Fensterläden, und so mancher Zaun zeigt sich mit Girlanden aus Toiletten-Papier geschmückt.

„Hexennacht“ nennen dies die Holunger. Wer sich da so umtreibt, kann aber nicht wirklich hexen und reitet auch nicht auf einem Besen durch die Nacht.

„Da hatte vor allem die Dorfjugend ihre Finger im Spiel. Zuerst traf sie sich zum Tanz in den Mai im Kulturhaus. Später dann, zu nächtlicher Stunde, wurde in Gruppen ausgeschwärmt. Es war ganz einfach die Freude am Frühling, die zu Streichen verleitete“, erzählt Paul Hamelmann, Vorsitzender des örtlichen Heimatvereins „Dr. Hermann Iseke“.

Wie und wann der Brauch der Hexennacht in Holungen entstand, weiß aber auch er nicht zu sagen. „Aber schon meine Eltern wussten eine besondere Anekdote über die Hexennacht in den 20er Jahren zu erzählen, bei der sich ein großer schwerer Kastenwagen plötzlich auf dem Schleppdach einer Scheune wiederfand. Das muss sehr lustig ausgesehen haben. Die Jugendlichen hatten ihn in der Nacht komplett auseinander genommen, aufs Dach geschafft und dort wieder zusammengesetzt. Ein anderes Mal stand der Wagen sogar im Bodebach.“

Gern erzählt wird im Ort auch die Geschichte von den Gurkenfässern und Kisten, die sich einem 1.Mai-Morgen fein säuberlich aufgestapelt auf dem Dach der ehemaligen Konsumverkaufsstelle wieder fanden.

Als Jugendlicher zeigte sich wohl auch Paul Hamelmann in so mancher Hexennacht aktiv. „Ich erinnere mich an unseren Lehrer. Der hatte die Sitzbank vor seinem Haus mit einer Kette am Abkratzer neben dem Eingang befestigt. Aber auch das haben wir geschafft und die Bank samt Kette verschwinden zu lassen!“

Viele Holunger trafen vor der Hexennacht diverse Vorkehrungen. So räumten sie alles, was nicht niet- und nagelfest war, in ihre Häuser. Was draußen blieb, wurde zusammengebunden oder -gekettet. Allerdings stachelten solcherlei Sicherungsmaßnahmen den Ehrgeiz der nächtlichen „Hexer“ erst richtig an. „Aber ich muss sagen, es wurde nichts demoliert, verwüstet oder gar kaputt geschlagen, sondern immer nur versetzt“, betont Paul Hamelmann.

„Es ist eigentlich schade, dass die alten Bräuche zunehmend verschwinden und auch die ‚Hexennacht‘ immer mehr einschläft“, fügt er bedauernd hinzu. Zumindest seine Gartentür wird er aber trotzdem mit einer Kette und einem dicken Vorhängeschloss sichern!

Hintergrund


- Ihren Ursprung hat die Holunger „Hexennacht“ vermutlich in der Walpurgisnacht, die in der benachbarten Harzregion immer noch eine große Rolle spielt.
- Die Hexennacht-Tradition reicht mindestens bis in die 20er Jahre zurück und wurde auch in DDR-Zeit gern zelebriert, vor allem von der Dorfjugend.
- Auch, wenn in Holungen in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai hin und wieder noch mal „gehext“ wird, der Brauch schläft zunehmend ein. Zumal so mancher Streich heute aus einer anderen Sicht betrachtet wird und sogar eine Klage nach sich ziehen kann.
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