Immer auf der Suche - Der Dingelstädter Ortschronist Ewald Holbein hat sich ganz der Heimatgeschichte seiner Stadt verschrieben

Derzeit widmet sich Ewald Holbein vor allem der Geschichte der Evangelischen Pfarrgemeinde "St. Johannes Apostel", die im kommenden Jahr ihr 150. Jubiläum begeht.
 
Als Ortschronist hat Ewald Holbein auch Privatarchiv erstellt. Letzteres enthält derzeit 1.352 Akten über Dingelstädt, weitere 510 über das Eichsfeld und zirka 1.200 Fotos.
„Ich war gerade einmal fünf Jahre alt, als mir mein Vater bei den obligatorischen Sonntagsspaziergängen der Familie in Dingelstädt und der Umgebung die Flurnamen beibrachte. Pfingstrasen, Dünkopf, Rieth - er wusste auch immer eine Erklärung, wie diese Namen historisch entstanden waren. So hüteten beispielsweise auf dem Dingelstädter Schweinsrasen in früheren Zeiten die Hirten immer ihre Schweine“, erinnert sich Ewald Holbein, der sich als Ortchronist ganz der Historie Dingelstädts verschrieben hat.

Das Interesse an der Heimatgeschichte wurde dem gebürtigen Dingelstädter schon in frühester Kindheit in die Wiege gelegt.

„In der Schule ging das weiter mit dem Heimatkunde-Unterricht in der Unterstufe. Der hat sich im Gegensatz zu heute auch noch wirklich mit Heimatkunde beschäftigt. Unterrichtet wurden wir in diesem Fach durch Rektor Franz Huhnstock, der damals zwar kein Rektor mehr war, aber von allen noch so genannt wurde. Bei Klassenausflügen ließ er sich immer ans Ziel unserer Unternehmungen fahren und bereitete dort etwas für uns Schüler vor. Er hat uns sozusagen dabei sein lassen. Wenn wir also einen Ausflug ins ehemalige Kloster Reifenstein unternahmen, dann waren wir Mönche.“

Selbst heute noch hat Ewald Holbein ein gerahmtes Foto des ehemaligen Rektors und Heimatkunde-Lehrers in seinem Arbeitszimmer an der Wand hängen, wohl als eine Erinnerung an jenen Menschen, der neben dem Vater am meisten das heimatgeschichtliche Interesse des heutigen Ortschronisten prägte.

Auch, wenn nach Abschluss der Schule die berufliche Ausbildung und später die tägliche Arbeit im Betrieb weniger Zeit ließen, Ewald Holbein beschäftigte sich weiter mit seinem Hobby, der Dingelstädter Heimatgeschichte.

Als sich 1995 in Dingelstädt der Heimatpflegeverein gründete, übernahm der gelernte Stricker, Meister und Textil-Ingenieur den Vorsitz. Für ihn war dies die Initialzündung, mit seinem bis dahin eher privaten Interesse an die Öffentlichkeit zu gehen. Er veröffentlichte Artikel und hielt mindestens einmal jährlich Geschichtsvorträge.

„Was aber vielleicht das Wichtigste ist“, sagt er selbst, „Ich habe die gesamten Dingelstädter Archivbestände im Kreisarchiv in Heiligenstadt gesichtet und katalogisiert.“ Eine Mammut-Aufgabe bei insgesamt 4.164 Akten - angefangen von einzelnen Dokumenten bis hin zu mehreren Ordnern, oftmals in altdeutscher Schrift oder gar handschriftlich verfasst.

Mehr als sechs Jahre lang - von 1994 bis 2001 - fuhr der Dingelstädter Ortschronist jede Woche für einen ganzen Tag nach Heiligenstadt ins Kreisarchiv. Im Ergebnis entstand ein Katalog, den seitdem praktisch jeder nutzt, der über die Stadt Dingelstädt sowie die Dörfer der Verwaltungsgemeinschaft Dingelstädt recherchiert.

Seit vergangenem Jahr ist Ewald Holbein - Jahrgang 1948 - Rentner. „Mein Arbeitsalltag ist aber seitdem eher noch länger als vorher“, verrät er schmunzelnd. „Bis 19.00 Uhr widme ich mich der Heimatgeschichte, danach ist die Familie dran.“ Während der jahrelangen Bestandsaufnahme und Katalogisierung der Dingelstädter Geschichte im Kreisarchiv hat sich Ewald Holbein viele Notizen zu Dingen gemacht, die lückenhaft waren oder auch neue Fragen aufwarfen. Er möchte diese Lücken schließen, ist stetig auf der Suche nach Antworten auf noch offene Fragen. Das vor allem bestimmt heute seine Arbeit als Ortschronist.

Derzeit beschäftigt ihn allerdings mehr eine andere Aufgabe. Die evangelische Pfarrgemeinde „St. Johannes Apostel“ Dingelstädt feiert im kommenden Jahr ihr 150. Gründungsjubiläum und 2015 den 150. Kirchweih-Geburtstag.

„Die Gemeindereferentin hat bei mir angefragt, ob ich bereit wäre, die Geschichte der Pfarrgemeinde aufzuarbeiten und einen Vortrag zu halten. Ich habe zugesagt und vor etwa zwei Monaten den Aktenbestand der Pfarrgemeinde gesichtet“, verrät Holbein, auf dessen Arbeitstisch ein vergilbter Aktenhefter liegt, der unter anderem das Originalprotokoll der Gemeindegründung im Jahre 1863 enthält.

„In den zurückliegenden vier Wochen habe ich mich ganz gut in die alten Schriften und die handschriftlich verfassten Texte eingearbeitet“, meint er nüchtern. „Dies Jahr geht aber auf alle Fälle noch für diese Arbeit drauf.“ Besonders traurig scheint er darüber nicht zu sein.

Fakten


- Nach der Schulzeit ging Ewald Holbein, dessen Vorfahren wohl als Weber arbeiteten, in die Textilindustrie. Er lernte Stricker, machte später den Meister und wurde schließlich Textilingenieur.
- Bis zur Wende arbeitete er im VEB Obertrikotagen-Werk in Dingelstädt, wo er zuletzt bis zur Abwicklung und Neugründung auch Betriebsratvorsitzender war.
- 1991/1992 nahm er an einer Umschulung in Göttingen teil, in deren Rahmen er sich die Grundlagen der EDV aneignete.
- Es folgte ein dreiviertel Jahr Arbeit in einer Strickerei in Mühlhausen.
- Von 1994 bis 1998 zeigte sich Ewald Holbein im Rahmen von ABM-Maßnahmen bei der Stadt verwantwortlich für die Tourismusförderung in Dingelstädt.
- Einer seiner Hauptaufgaben bildete dabei die Vorbereitung der Eichsfeldtage 1997 anlässlich des Jubiläums 1.100 Jahre Eichsfeld.
- Als sich 1995 der Verein für Heimatpflege gründete, wählte man Ewald Holbein zum Vorsitzenden. Das Amt bekleidet er bis heute.
- In seinem Arbeitszimmer hat der Dingelstädter Ortschronist, der alle geschichtlich relevanten Bücher über das Eichsfeld sein Eigen nennt, ein Privatarchiv angelegt. Es umfasst 1.352 Akten allein für Dingelstädt, weiterhin 510 Akten über das Eichsfeld sowie zirka 1.200 historisch relevante Fotos zu Dingelstädt.
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