Rechtsanwalt und Autor – Frank Baranowski Jahrelange Recherchearbeit fand ein gutes Ende …

  Frank Baranowski wurde 1971 in Northeim geboren und ist in Duderstadt im Untereichsfeld aufgewachsen. Er lebt und arbeitet momentan mit seiner Familie in Siegen, wo er als Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei tätig ist. In diesem Herbst kam sein Sachbuch heraus, welches sich mit der Rüstungsproduktion in der Mitte Deutschlands in den Jahren zwischen 1929 und 1945 beschäftigt. Diesem umfangreichen Werk gingen jahrelange komplexe Recherchen voraus.

Heidi Zengerling, Mitarbeiterin des Allgemeinen Anzeigers, war mit Herrn Baranowski im Gespräch:

Herr Baranowski, verraten Sie den Lesern, wann und warum Sie mit Ihrer umfangreichen Forschungstätigkeit im Hinblick auf die Zwangsarbeit und Rüstungsproduktion begannen und wie sich diese noch bis heute gestaltet?

Der Grundstein wurde 1988 anlässlich einer Projektarbeit über Zwangsarbeit für den Schülerwettbewerb „Frankreichpreis der Robert-Bosch-Stiftung“ gelegt. Von meinem damaligen Französisch-Lehrer angeleitet, begab ich mich daran, die Geschichte der Duderstädter Polte-Werke – einer Munitionsfabrik mit gegen Kriegsende angeschlossenem KZ – zu erforschen. Nicht nur, weil es sich dabei um einen Rüstungsbetrieb unmittelbar „vor der eigenen Haustür“ handelte, sondern auch wegen des persönlichen Bezuges. Zunächst begab ich mich daran, nach dem Motto „Grabe, wo du stehst“, Zeitzeugen über ihre Erlebnisse in den Polte-Werken zu befragen. So war es seinerzeit noch möglich, eine Vielzahl von Zwangsarbeitern, deren Arbeitskraft bei Polte ausgebeutet wurde, ausfindig zu machen und sie zu ihrem Schicksal zu befragen. Schnell kam der Wunsch auf, immer mehr Details zu erfahren. Bis heute hat sich daran nichts geändert.

Neben der Befragung von Zeitzeugen stand zunächst noch die Recherche in regionalen Archiven im Vordergrund. Aber auch damit ließ sich der ständige Wissensdurst nicht stillen, so dass in der Folge immer mehr Archivbestände, die von mir ausgewertet wurden, hinzukamen. So habe ich in den letzten 20 Jahren nicht nur in den Landes- und Bundesarchiven recherchiert, sondern neben englischen und amerikanischen Beständen sehr frühzeitig auch auf russische Quellen zurückgreifen können. Weitere wichtige Unterlagen ließen sich in Brüssel ausfindig machen. In mühseliger Arbeit ließ sich so aus wenigen Mosaiksteinchen und Einzelinformationen ein Bild zusammensetzen. Die ersten Ergebnisse erschienen 1991 in einer Monographie über den Duderstädter Rüstungsbetrieb.

Es taten sich schnell Verknüpfungen zu anderen Rüstungsbetrieben der Region auf, so dass sich mehr und mehr ein Netz an Zulieferern abzeichnete. Dies gab den Anlass für neue Nachforschungen und Projekte, die zumeist in Veröffentlichungen zum Thema mündeten. Die aktuelle Arbeit stellt quasi eine Zusammenfassung der bisherigen Erkenntnisse dar. Sie beleuchtet erstmals die geheimen Aufrüstungsbestrebungen der Reichswehr in den 1920er Jahren, die quasi die Basis für den späteren Angriffskrieg bildeten.

Welche besonderen Erlebnisse und Eindrücke sind Ihnen im Lauf Ihrer jahrelangen Recherchearbeit besonders in Erinnerung geblieben?

Besonders prägend waren die Gespräche mit ehemaligen Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen, die zumeist nur unter Tränen über die Bedingungen im Lager und der Fabrik berichten konnten. Viele von ihnen waren froh, sich nach so langer Zeit offenbaren und über ihre erlittenen Qualen sprechen zu können.

Berichten Sie den Lesern bitte von Ihrer Großmutter, die im KZ nahe der Duderstädter Polte-Werke arbeitete.

Meine Großmutter war als Arbeiterin bei den Polte-Werken in Duderstadt beschäftigt. Sie stand an der Werkbank und stellte Munitionshülsen für die Luftwaffe her, die in einem anderen Bereich der Fabrik mit Sprengstoff gefüllt wurden. Im Sommer 1944 trat die Firmenleitung an meine Großmutter heran und offenbarte ihr, dass man sie als KZ-Aufseherin vorgesehen habe, doch sie verweigerte die Teilnahme am „Ausbildungs-Lehrgang“ im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Anders als ihre Arbeitskolleginnen, die sich bereitwillig zum „Sondereinsatz“ gemeldet hatten und später 750 ungarische KZ-Häftlinge des eigenen Buchenwalder-Außenkommandos während der Arbeit und im Lager beaufsichtigten. Diese Weigerung war für meine Großmutter mit Repressalien verbunden.

Würden Sie sagen, dass dieses Buch Ihr Lebenswerk ist, oder gibt es andere Projekte, die Ihnen ebenso wichtig waren, sind oder sein werden?


Das Buch ist durchaus ein Meilenstein, aber nicht das Ende meiner Recherchen. Es stehen weitere Projekte und Monografien zu einzelnen Rüstungsstandorten und -betrieben an. In den letzten Jahrzehnten hat sich viel Material angesammelt, das noch auszuwerten ist. Zudem kommen immer wieder neue Erkenntnisse hinzu, die das Bild abrunden oder neue Recherchen ermöglichen. Für 2014 sind zwei weitere Buchprojekte, wenn auch in weitaus geringerem Umfang, geplant.


Infokasten:

Rüstungsproduktion in der Mitte Deutschlands 1929 – 1945
ISBN: 978-3-86777-530-4
www.literaturversand.de
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