Gefiederte Gäste seit 23 Jahren - Turmfalken nutzen einen alten Lüftungsschacht in der Dingelstädter Johann-Wolf-Regelschule

Herzlich willkommen bei Familie Turmfalke: Das Bild zeigt die Jungen im Nest im Lüftungsschacht.
 
Liveübertragung: Via Kamera und Fernseher kann man hautnah mit verfolgen, wie die Turmfalken-Mama ihren Nachwuchs füttert.
Dingelstädt: Regelschule "Johann Wolf" | In einer Mischung aus Faszination, leichtem Grausen und vielleicht auch ein wenig Ekel starren Maurice und Kevin, beide 13 Jahre alt, sowie der zwölfjährige Jonas auf den großen Fernseher im Biologie-Fachkabinett. Was die drei Schüler der Regelschule „Johann Wolf“ in Dingelstädt da bestaunen, bekommt man so gewiss nicht alle Tage zu sehen.

Die Mattscheibe zeigt eine Turmfalkenmutter, die gerade ihre Brut füttert. Sie hat eine erjagte Amsel in den scharfen Klauen, die sie nun in handliche Häppchen zerpflückt und ihren fünf Jungen zusteckt. „Das ist für die bestimmt ganz lecker“, meint Maurice lahm und sieht dabei nicht so aus, als würde er den Geschmack der Vögel teilen.

„Später werden die Beutetiere nur noch ins Nest reingereicht, und der Stärkste schnappt sie sich“, erklärt Manfred Dietrich den Jungen. Er ist seit 28 Jahren Hausmeister der Dingelstädter Regelschule und zugleich so etwas wie der „Patenonkel“ der Turmfalken.

Denn was er und die drei Jungen da momentan auf dem Bildschirm beobachten, ist kein Lehrfilm sondern eine Live-Übertragung von einem Geschehen, das sich nur etwa 50 Zentimeter hinter dem Fernseher in der Außenwand des Biologie-Unterrichtsraumes abspielt. Dort nämlich gibt es einen alten Lüftungsschacht, der zwar seit fast 27 Jahren keinen Lüfter mehr beherbergt, dafür aber seit 23 Jahren ein Turmfalkennest.

„Es muss so 1987/88 gewesen sein, als mir auffiel, dass da etwas ist“, erzählt Manfred Dietrich. „Es gab plötzlich Geräusche in der Wand, und schließlich roch man es auch im Unterrichtsraum.“ Bei der Suche nach der Ursache des Lärms und des Geruches entdeckte er das Turmfalkennest. Die Vögel befanden sich gerade in der Anpaarung, weshalb es sehr laustark zuging.

Das liegt nun zwar schon eine Ewigkeit zurück, doch den Turmfalken gefällt offenbar ihr Domizil im obersten Stockwerk der Schule, direkt in der Außenwand des Bio-Fachkabinettes.

„Wir haben seitdem jedes Jahr Turmfalken, die im Lüftungsschacht ihr Brutnest anlegen. Wenn man bedenkt, dass diese Tiere sechs bis sieben Jahre alt werden, dann kann man durchaus schon von ganzen Generationen reden“, freut sich Manfred Dietrich.

Es gab bisher nur eine einzige Ausnahme, als ein Schleiereulen-Pärchen einfach mal schneller war und sich in dem Lüftungsschacht häuslich einrichtete. „Die Eulen haben sehr viel Aas angeschleppt. Der Gestank war am Ende so schlimm, dass wir den Unterrichtsraum nur noch mit durchgängig offenen Fenstern nutzen konnten“, erzählt der Hausmeister.

Die Düfte müssen den Turmfalken wohl auch nicht behagt haben, denn im Jahr darauf verzichteten sie auf den Nestbau im Schacht - die einzige Ausnahme in 23 Jahren.

Im Schnitt beherbergt ein Turmfalkengelege drei bis vier Eier. „Wir hatten in einem Jahr aber auch schon acht Jungtiere, die alle flügge geworden sind“, meint Manfred Dietrich nicht ohne Stolz.

Derzeit sitzen fünf Junge im Nest und werden von den Eltern gefüttert. Das Turmfalken-Männchen ist beringt. „Kann sein, dass es ein eigenes ist“, vermutet Dietrich, der seit Jahren dafür sorgt, dass die Jungtiere beringt werden. Mit „eigenes“ meint er, dass das Tier vielleicht eben hier im Lüftungsschacht das Welt der Welt erblickt hat. Abwegig ist das schließlich nicht.

Um jederzeit das Geschehen im Nest verfolgen zu können, ohne die Vögel zu stören, hat Manfred Dietrich eine Videokamera installiert, welche durch ein Wandloch und eine Glasplatte hindurch live und hautnah Aufnahmen liefert, die wohl jeden Ornithologen vor Neid erblassen lassen.

60 bis 70 Gigabyte Filmmaterial ergab das in den zurückliegenden drei Jahren bereits. Ein 40-minütigerLehrfilm ist auf diese Weise ebenfalls schon entstanden. Zirka 25 Minuten des Films geben von der Eiablage durch die Eltern bis zum Flüggewerden der Jungen einen tiefen Einblick in die Brut- und Nachwuchspflege der Vögel. Der Film kann von Schulen in der Kreisbildstelle in Heiligenstadt ausgeliehen werden.

Im kommenden Jahr will Manfred Dietrich die Aufnahmen mit einer neuen entspiegelten Schutzscheibe in der Wand sowie Full-HD-Technik auf ein ganz neues Niveau bringen. Der Dingelstädter kümmert sich aber auch in anderer Hinsicht um die Tiere, wobei er meist einige Schüler als Helfer hat.

Jeden zweiten Tag wird das Nest ausgemistet. Um Platz zu haben, holt er zwei der laut zeternden Jungtiere aus dem Nest und setzt sie in einen Eimer. Anders als bei vielen Säugetieren, stört die Turmfalkeneltern offenbar nicht, dass ihrem Nachwuchs nach solchen Aktionen der Geruch von „Mensch“ anhaftet.

Kevin fasst sich ein Herz und nimmt einen der etwa 18 Tage alten Jungvögel vorsichtig in die Hand. Wie er ihn richtig halten muss, um ihn nicht zu verletzen, weiß er.

„In maximal 14 Tagen sind die Jungen flügge und verlassen das Nest“, weiß Manfred Dietrich. Dann beginnt das Warten auf das nächste Frühjahr und die nächste Turmfalken-Brut.

Fakten

- Der Turmfalke (Falco tinnunculus) ist nach dem Mäusebussard der häufigste Greifvogel in Mitteleuropa.
- In Deutschland war der Turmfalke „Vogel des Jahres 2007“.
- Turmfalken haben sich zunehmend Städte als Lebensraum erobert.
- Bei der in Europa häufig vertretenen Unterart Falco tinnunculus tinnunculus erreichen die Männchen eine durchschnittliche Körperlänge von 34,5 Zentimetern.
- Die Weibchen werden mit 36 Zentimetern etwas größer. - Die Flügelspannweite des Männchens liegt im Durchschnitt bei knapp 75 Zentimetern, die der Weibchen bei 76 Zentimetern.
- Zur Nahrung zählen Kleinsäuger, wie Wühlmäuse, aber auch kleine Singvögel, zumeist Haussperlinge, mitunter sogar Eidechsen oder auch Regenwürmer und Insekten.
- Ein frei fliegender Turmfalke benötigt täglich etwa 25 Prozent seines Körpergewichts als Nahrungsmenge.
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1 Kommentar
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Eberhard :Dürselen aus Weimar | 24.06.2012 | 17:06  
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