6 Kilometer, 24 Stationen und ganz viele Eindrücke - Unterwegs auf dem Grenzlandweg zwischen Teistungen und Duderstadt

Sechs Kilometer, 24 Stationen und unglaublich viele Eindrücke vermittelt der Grenzlandweg zwischen Teistungen und Duderstadt.
 
Das neue Besucher- und Informationszentrum des Grenzlandmuseums: Vor dem Fußmarsch kann man sich hier nicht nur informieren, sondern auch einen so genannten elektronischen I-Guide ausleihen, um den Grenzlandweg zu erkunden.
 
Im Hauptgebäude des Grenzlandmuseums darf die große Ausstellung besichtig werden.
Teistungen: Grenzlandweg | Ursprünglich war er 4,5 Kilometer lang und informierte den Besucher an 18 Stationen. Im Herbst vergangenen Jahres kamen noch anderthalb Kilometer Strecke sowie sechs Stationen dazu.

Laut der elektronischen Zählanlage sind es jährlich zirka 20.000 Besucher, die den Grenzlandweg mit seinen 24 Informationspunkten erwandern. Gut zwei Stunden habe ich für das Vorhaben eingeplant, denn neben viel Sehenswertem sind aufgrund der zu überwindenden Höhenunterschiede auch ein paar Pausen nicht unvernünftig.

Vom Grenzlandmuseum laufe ich zunächst den geteerten Fuß- und Fahrradweg rund 200 Meter bis zur Kraftfahrzeug-Schnellsperre. Ab dieser geht es nach links ab auf den Kolonnenweg. Hier ist „gehfreundliches“ Schuhwerk angebracht, denn Stöckelabsätze erleiden auf dem Betonplatten-Spurweg relativ rasch Schiffbruch.

Schon nach wenigen Metern stehe ich vor Station 3, einem Mahnmal zum Gedenken an elf Mauer-Opfer, die im ehemaligen Grenzabschnitt des BGS Duderstadt zwischen Zwinge und Heiligenstadt verletzt oder getötet wurden. Das Mahnmal, gestaltet von der Wollbrandshäuser Künstlerin Gudrun Friedrich-Kopp, besteht aus drei verwinkelten Grenzzaunstücken, von denen durch das mittlere ein Riss geht. Letzterer ist nicht etwa auf schlechte Material-Qualität oder Rowdytum zurück zu führen, sondern symbolisiert den Mauerfall, sozusagen das Aufreißen des Grenzzaunes.

Vom Mahnmal sind es nur etwa 150 Meter bis zur Hahlebrücke. An dieser herrscht gerade Betrieb, denn Georg Baumert, Leiter Umweltbildung des Grenzlandmuseums, erzählt einer Schulklasse gerade etwas über das einzigartige Biotop, das sich am Hahle-Bach gebildet hat.

Wie lange dieser Bereich noch - abgesehen von den Grenzlandweg-Besuchern - relativ ungestört bleibt, hängt sehr vom Fortschreiten der Planungen für die Verlegung der Bundesstraße B247 ab, die hier ganz in der Nähe den vorbei führen soll.

Nach dem Überqueren der Brücke laufe ich - immer entlang des ehemaligen Grenzzaunes und der heutigen thüringisch-niedersächsischen Landesgrenze - rund 800 Meter aufwärts. Hier wird von mir ein wenig Kondition abverlangt, wobei mir zwei Beobachtungsbunker, Metallgitterzäune, Kfz-Sperrgraben, Spurensicherungssstreifen, Lichtsperre, Kolonnenweg und Signalzaun immer wieder genügend Gründe zum Stehenbleiben, Verschnaufen und vor allem Schauen geben.

Die Grenzsperranlagen sind hier auf etwa dreihundert Meter noch fast original erhalten. Lediglich die Minen wurden geräumt, und die Selbstschussanlagen funktionieren aus nachvollziehbaren Gründen auch nicht mehr.

Oben auf dem Berg angekommen werde ich an Station 8 mit einem besonders interessanten „Exponat“ belohnt, dem vor kurzem nach umfassender Rekonstruktion erst wieder eröffneten Beobachtungs-Wachturm Btv 4x4. Vom Akkumulatoren-Raum im Keller bis zum Suchscheinwerfer auf dem Dach, alles wurde weitgehend original hergerichtet und funktioniert größtenteils sogar.

Letzteres trifft für den Suchscheinwerfer auf dem Dach ebenso zu, wie für das Grenzmeldenetz (also die Funkanlage) sowie einen Teil der Lichttrasse am Grenzzaun. So richtig in Betrieb genommen werden diese Dinge allerdings nur bei besonderen Veranstaltungen. Auch das Turm-Innere darf nur geführt erkundet werden. Allerdings hält eine Videotafel an der Außenwand des Wachturmes einige interessante Informationen bereit.

Vom Wachturm aus durchquere ich den Grenzzaun und gelange nun sozusagen auf „westdeutsches Staatsgebiet“. Nach etwa einhundert Metern erwartet mich ein Schilderwald. Der Grenzlandweg macht hier einen scharfen Knick nach Norden. Nun fängt es auch noch an mit regnen!

Na wenigstens kann es auf dem gut ausgebauten Bitumenweg nicht matschig werden, und die Bäume des linkerhand liegenden Waldes bieten sogar etwas Schutz gegen das Nass von oben. Kalt wird mir nicht, denn es geht nun auch wieder bergauf, denn der Pferdeberg - mit 279 Metern eine der höchsten Erhebungen im Untereichsfeld - möchte vollständig erklommen werden.

Belohnt werde ich für meine Mühe schon während des Marsches mit einem interessanten Blick ins Hahletal. Die gute Aussicht wird schließlich aber noch getoppt, denn ganz oben angekommen wartet bereits der hölzerne Pferdebergturm auf mich. Aus 17 Metern Höhe genießt man von einer Aussichtsplattform einen guten Rundblick. Und so, wie ich jetzt in alle Himmelsrichtungen gaffe, haben es schon Tausende vor mir getan.

Vor der Wende nutzten der Bundesgrenzschutz sowie westdeutsche Besuchergruppen den Aussichtsturm, um mal einen Blick auf die DDR-Grenzanlagen und „die andere Seite“ zu werfen.

Ab dem Pferdebergturm führt der Grenzlandweg endlich bergab. Nahe der Hahlebrücke stehe ich plötzlich wieder auf dem ursprünglichen Kolonnenweg. Vor der Erweiterung wäre die Wanderung an dieser Stelle beendet gewesen. Jetzt jedoch erwarten mich noch sechs Stationen. Ich laufe bis zur Kfz-Schnellsperre zurück und folge dann dem Fuß- und Radweg, der parallel zur Bundestraße B247 in Richtung Duderstadt verläuft.

Station 20 ist das ehemalige Grenzabfertigungsgebäude. Heute haben hier die Lebensretter der DLRG Eichsfeld ihren Sitz. Ein großes Schwarz-Weiß-Bild an der Außenwand verrät aber, wie das Ganze ursprünglich einmal aussah.

Station 22 - der ehemalige Grenzparkplatz, ist zwar nicht besonders spektakulär, besitzt aber eine interessante Hintergrundgeschichte. Nach der Eröffnung des Grenzüberganges am 21. Juni 1973 brach zu Ostern 1974 der erste große Reiseboom gen Osten aus. Vom Grenzparkplatz aus bildete sich eine fast 25 Kilometer lange Autowarteschlange bis hinter Duderstadt.

Im Januar 1990 machte der Parkplatz dann noch einmal durch die so genannte „Koffer-Demo“ von sich reden, bei der rund 20.000 Menschen signalisierten: „Wir sitzen auf gepackten Koffern! Wenn ihr die Deutsche Einheit nicht hinbekommt, sind wir weg!“ Vom Parkplatz aus laufe ich auf der anderen Seite der Bundestraße nun wieder in Richtung Grenzlandmuseum.

Station 23 interessiert mich besonders, beschäftigt sie sich doch mit dem „Fall André Rößler“. Letzterer wurde erst 2010/2011 bei Recherchen im Rahmen der musealen Neukonzeption in der Landesstelle für Stasi-Unterlagen in Erfurt entdeckt. Bis dahin war niemandem im Grenzlandmuseum bekannt, dass, nur rund einhundert Meter vom Grenzübergang entfernt, am 4. September 1976 ein junger Mann beim versuchten Grenzübertritt durch Minen getötet wurde.

Heute erinnert eine Informationstafel an den Vorfall. Ansonsten lassen der dichte Baum- und Buschbewuchs - früher war hier alles „schussfrei“ - kaum noch etwas den Grenzanlagen und dem Drama, das sich hier abgespeilt hat, erahnen.

An der Teistungenburg findet meine Grenzlandweg-Runde schließlich ihren Abschluss. Ich bin müde, aber um viele Informationen reicher. Wie auch immer, es hat sich gelohnt!

Fakten

- Wer den Grenzlandweg nicht geführt sondern auch eigene Faust erkunden will, kann sich im Grenzlandmuseum einen zweisprachigen (Deutsche, Englisch) elektronischen Audio-Guide ausleihen.
- Hilfe beim erkunden des Grenzlandweges bietet aber auch einen Flyer mit Übersichtskarte und Bezeichnung der 24 Stationen.
- Für den am 15. Juni nach umfangreicher Restaurierung für die Besucher frei gegebenen Beobachtungsturm BTv 4x4 gibt es einen extra Flyer mit Hintergrund-Informationen.
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