Neue Dinge entdecken und erleben - Mit Rollstuhl und Rollator durch Berlin - Heiligenstädter Selbsthilfegruppe Multiple Sklerose

Doris Krischker mit Ehemann Klaus in der Kuppel des Reichstages. Beide sind gehbehindert und auf die Hilfe eines Rollators angewiesen. (Foto: privat)
 
Ganz oben in der Kuppel: Ein unvergessliches Erlebnis für Klaus Krischker (links) und Manfred König (rechts). (Foto: privat)
„Ich möchte den Menschen Mut machen, trotz einer Behinderung einfach einmal ihr gewohntes Umfeld zu verlassen und das Wagnis einzugehen, eine neue Welt zu entdecken. Wer sich darauf einlässt, wird viele neue und schöne Dinge des Lebens für sich selbst entdecken und zumindest für einige Stunden die täglichen Sorgen der Behinderung vergessen“, sagt Doris Krischker.

Die Heiligenstädterin leidet seit zehn Jahren an Multipler Sklerose (MS) und hat mit einer schweren Gehbehinderung zu kämpfen. Sie ist Mitglied in der Heiligenstädter MS-Selbsthilfegruppe, die 2012 auf ihr zehnjähriges Bestehen zurückblickt. Die Mitglieder waren sich einig, zum Jubiläum der Gruppe etwas Besonderes zu machen.

Als jedoch Doris Krischker vorschlug, eine mehrtägige Reise mit Übernachtung nach Berlin zu unternehmen, stieß sie zunächst auf jede Menge Skepsis. „Das ist eine Nummer zu groß für uns, das kriegen wir nicht hin“, hieß es von allen Seiten.

Viele Gruppenmitglieder sind aufgrund ihrer Erkrankung auf Rollatoren oder gar Rollstühle angewiesen und vermochten sich einfach nicht vorzustellen, eine solch große Reise bewältigen zu können. Kleinere Fahrten - okay, die hat die Gruppe schon unternommen, wie etwa zum Baumkronenpfad in den Nationalpark Hainich, wo es in diesem Jahr vielleicht noch einmal hingehen soll. Aber eine mehrtägige Fahrt in die Deutsche Landeshauptstadt - undenkbar!

Doch Doris Krischker gab nicht auf und sagte: „Lasst es uns doch verprobieren!“ Es gelang ihr schließlich doch noch, einige Mitglieder der Selbsthilfegruppe (SHG) für das Vorhaben zu begeistern.

Tatsächlich traten am Ende 37 Heiligenstädter trotz ihrer körperlichen Beeinträchtigungen die viertägige Fahrt nach Berlin an. Und absolvierten - unter anderem mit Besuchen des Mauermuseums „Checkpoint Charlie“, des Deutschen Bundestages, des ehemaligen Stasi-Gefängnisses Berlin-Hohenschönhausen, einer Stadtrundfahrt sowie einem Ausflug auf der Spree - ein dicht gepacktes Programm.

„Diese Stunden des gemeinsamen Erlebens ließen uns alle Sorgen, die sonst bei Menschen mit chronischen Krankheiten ständig im Vordergrund stehen, vergessen“, gibt Doris Krischker ihre Erfahrungen zu dieser Reise wieder.

Und mit diesem Empfinden steht sie wohl nicht allein da. Die Fahrt dürfte für alle, die teilgenommen haben, ein bleibendes Erlebnis darstellen. In positiver Hinsicht! Die Heiligenstädter haben gezeigt: Es funktioniert!

„Durch Mund-zu-Mund-Propaganda sind einige andere SHGs schon neugierig geworden und haben nachgefragt, wie es denn war“, weiß Doris Krischker, die ihre Erfahrungen gerne weiter gibt. „Unter anderem ist die Auswahl des Busunternehmens sehr wichtig. Es muss eines sein, das sich auf die Leute und ihre Behinderungen einstellen kann“, meint die Heiligenstädterin.

Außerdem müssten bei der Programmplanung unbedingt die Möglichkeiten der Reiseteilnehmer Berücksichtigung finden. Und schließlich wäre auch noch die Zusammenarbeit mit Leuten vor Ort am Reiseziel wichtig. Für den Besuch im Deutschen Bundestag beispielsweise hatte die Heiligenstädter MS-Gruppe mit dem Bundestagsabgeordneten Manfred Grund den kompetentesten Ansprechpartner zur Seite, den man für solch einen Programmpunkt nur bekommen kann.

Hintergrund

- Die Heiligenstädter Selbsthilfegruppe „Multiple Sklerose“ zählt derzeit rund 30 Mitglieder.
- Die SHG ist Mitglied in der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG)
- Die Gruppe trifft sich regelmäßig jeden dritten Donnerstag im Monat um 14.00 Uhr im Vitalpark zu Gesprächsrunden, bei denen auch Interessierte Nicht-Mitglieder immer herzlich willkommen sind.
- Außerdem unternimmt die SHG gemeinsame Fahrten und organisiert Vorträge.
- Gruppenmitglied Doris Krischker hat sieben Jahre lang das Projekt „Gemeinsam leben - behinderte Menschen gehören zu uns“ geleitet, mit dem sie Schülern an 17 Schulen im Landkreis Eichsfeld mit der so genannten „Fühlstraße“ näher brachte, was es heißt, mit einer Behinderung leben zu müssen.
- Seit 2006 engagiert sie sich zudem bei der Aktion „Gesunde Füße laufen für kranke Füße“, in deren Rahmen Eichsfelder Schulen mit Benefizläufen schon knapp 32.000 Euro für MS-Erkrankte zusammen getragen haben.
- Doris Krischker steht Interessierten als Ansprechpartnerin für die Projekte zur Verfügung, gibt aber auch gerne die Erfahrungen der Berlin-Reise weiter, um andere Selbsthilfegruppen zu ähnlichen Vorhaben zu ermutigen.
- Kontakt mit ihr bekommt man unter Telefon (03606) 60 52 32.
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Hannelore Grünler aus Artern | 05.10.2012 | 01:17  
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