Ein Jahr in einem fremden Land

Nicolas Ferron im Interview mit Michael Sieß (14.06.2011)
Französischer Schüler und sein Bild von unserem Saale-Holzland-Kreis

Am siebten August letzten Jahres ist Nicolas Ferron – ein Austauschschüler aus Frankreich - in Hermsdorf eingetroffen. Ein ganzes Jahr im Ausland hatte er nun vor sich. Ein ganzes Jahr als Schüler im Holzland-Gymnasium Hermsdorf. Selbstständig musste der nun 19-Jährige zurechtkommen, neue Freunde finden und ein für ihn noch fremdes Land erkunden.
Dieses Jahr ist nun fast vorüber und Nicolas hat es geschafft. Ungefähr 1200km von der eigenen Familie und den besten Freunden entfernt. Er durchlebte viele Höhen und Tiefen, im sprachlichen Bereich auch peinliche Momente, lernte die Deutschen und ihre Kultur näher kennen und konnte sich schlussendlich ein Bild von unserem Saale-Holzland-Kreis machen.
Doch mit welchen Problemen hatte er am meisten zu kämpfen? An welche Momente, die Nicolas hier erlebt hat, wird er sich auch noch in Frankreich lange erinnern? Und was ist nach einem Jahr Aufenthalt in Thüringen sein Fazit über die Deutschen und deren Land?



Von Ruffec aus - einer Kleinstadt im Westen Frankreichs – kam Nicolas nach Hermsdorf in den Saale-Holzland-Kreis. Da Ruffec und Hermsdorf schon seit 14 Jahren den Schüleraustausch durchführen, bot sich dieses Auslandsjahr für ihn an. Zukünftig möchte er Wirtschaft und Recht in der französischen Großstadt Angoulême studieren. Dazu, so sagt er, müsse er im sprachlichen Bereich eine gute Leistung erbringen. Neben Deutsch und Französisch spricht Nicolas ein wenig Italienisch und wird demnächst beginnen Spanisch zu lernen. Somit ist offensichtlich, dass ihn dieses Jahr in Deutschland im sprachlichen Bereich nur Vorteile bringen konnte.
Ein Jahr lebte Nicolas so, als sei er selbst ein Schüler des Gymnasiums in Hermsdorf. Zeitgleich besuchte er auch ab und zu die Universität in Jena um sein Deutsch weiter zu verbessern.
„Es dauerte seine Zeit bis ich mich an den täglichen Schulablauf in Deutschland gewöhnt hatte. Bei uns in Frankreich ist diese manchmal erst um sechs Uhr abends zu Ende. Dass man hier meist zehn nach eins Schulschluss hat, ist für mich eine große Umstellung gewesen. Allerdings ist es so, dass die deutschen Schüler für den Nachmittag auch mehr Aufgaben bekommen.“, so Nicolas selbst. Verständlicherweise fiel es ihm zunächst sehr schwer die Sprache gut zu verstehen. Nicht nur die Schnelligkeit sondern vor allem der Dialekt sei es, der ihm das Verstehen erschwere. Mittlerweile habe es sich aber so entwickelt, dass er auch solche sprachlichen Variationen begreifen könne.
Auf die Frage ob Vorurteile beziehungsweise Klischees gegenüber den Thüringern bedient wurden, stimmte Nicolas teilweise zu. Schmunzelnd antwortet er: „Als ich zum Beispiel in Bad Klosterlausnitz beim Maibaumsetzen war, stand gleich neben dem Bratwurststand die Biertheke. Genauso habe ich die Deutschen kennen gelernt. Ohne Bier und Bratwurst wäre Thüringen einfach nicht Thüringen. Ein typisches Klischee, welches eindeutig wahr ist.“
Am Anfang war Nicolas förmlich der Blickfang der meisten Schüler. Dass ein Franzose jetzt ein Jahr die eigene Schule besucht, habe sich schnell herumerzählt. Die Hermsdorfer seien aber sehr aufgeschlossen und hilfsbereit, sodass ihm der Einstieg leichter gelingen konnte. „Das Lustige an der Sache ist, dass ich eigentlich nur wenige Schüler kenne. Sie mich aber alle. Das war eine sehr interessante Beobachtung.“
Fragt man Nicolas nach negativen Dingen des Landes fällt ihm lediglich das Wetter ein. Ihm sei es zu abwechslungsreich und zu kalt. Doch damit musste er im Grunde genommen rechnen.
In vier bis fünf Jahren schwebt ihm vor, sogar in die Nähe Jenas – möglicherweise sogar nach Hermsdorf – zu ziehen. Selbstverständlich möchte er vorher sein Studium abgeschlossen haben und Deutsch gut und fließend sprechen können.
„Vorträge in einer deutschen Schule auf Deutsch halten – das war für mich ein sehr komisches Gefühl. Da ist man natürlich nervös. Vielleicht verspricht man sich oder drückt sich falsch aus. Man weiß nie wie die Schüler dann reagieren. Aber zum Glück lief alles so wie es sollte.“, verrät der Franzose.
Auf die Frage wie wir eigentlich in Frankreich angesehen werden antwortete er, dass dieses Verhältnis vor allem in seiner Region schwer zu beschreiben ist. In einem Ort namens Oradour-sur-Glane wüteten die Nationalsozialisten zu Zeiten des zweiten Weltkriegs. Deshalb sind noch viele ältere Menschen der Überzeugung, dass wir Deutschen noch diese Ideologie vertreten. Nicolas meint dazu nur, dass dies eine Fehleinschätzung sei und man die Nationalsozialisten nicht mit den heutigen Deutschen vergleichen dürfe. Die deutsch-französische Beziehung bessere sich seiner Meinung nach immer weiter.
Sein Wunsch wäre es, dass mehr französische Schüler Deutsch lernen. Da Spanisch in seinem Land meist parallel angeboten wird, entscheidet sich die Masse eher gegen die deutsche Sprache. Seiner Auffassung nach zu urteilen müsse sich das ändern. Allerdings sei es sehr wichtig die Verbindung zwischen Ruffec und Hermsdorf aufrecht zu erhalten und den Schüleraustausch fortzuführen.
Zusammenfassend kann man sagen, dass Nicolas Ferron von Thüringen und dessen Einwohner sehr positiv überrascht ist. Das Jahr im Holzland hat ihm sehr gefallen, doch verständlicherweise freut sich unser Gast sehr darauf seine Familie und Freunde wieder zu sehen. Gut möglich, dass Nicolas zukünftig nach Hermsdorf oder in den Saale-Holzland-Kreis zurückkehrt.
„An dieses Jahr“, so sagt er „werde ich mich noch lange zurückerinnern.“
Es war trotz einiger Probleme eine schöne Zeit. Bedanken möchte der Austauschschüler sich vor allem bei denjenigen, welche ihn in Deutschland so gut es geht unterstützt haben - vor allem bei der Familie Steingrüber aus Reichenbach.
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1 Kommentar
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Hannelore Grünler aus Artern | 05.07.2011 | 22:10  
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