Frei.Wild und der Weg nach oben

Die vier Jungs aus Südtirol gehen ihren Weg. (v.l.: Jonas Notdurfter, Philipp Burger, Christian Fohrer und Jochen Gargitter) (Foto: Frei.Wild)
 
Eine große Show ist zur neuen Tour geplant... (Foto: Frei.Wild)
   
Philipp Burger bei einem Live-Konzert. (Foto: Frei.Wild)
 
Das neue Album kommt am 5. Oktober in den Laden. (Foto: Frei.Wild)

Sänger Philipp Burger im Interview über das neue Album „Feinde deiner Feinde“, die kommende Tour und die letzten anderthalb Jahre Frei.Wild.


Vor fast zwei Jahren gehörten sie zu den besten Newcomer-Bands des Landes. Mittlerweile sind die vier Jungs aus Südtirol fest in der Deutschrock-Szene etabliert und gefragter denn je. Ihr letztes Album „Gegengift“ schoss auf Platz 2 der deutschen Album-Charts und erhielt Goldstatus. 2011 wurden sie sogar für den Echo in der Kategorie „Album des Jahres – Gruppe Rock/Alternative national“ nominiert. Ihre DVD „Händemeer“ mit Livesongs und einer Dokumentation wurde ebenfalls mit Gold ausgezeichnet. Vergangenen Dezember empfingen sie zu ihrer „Die Welt brennt“-Tour bei nur vier Konzerten über 40.000 Menschen.
Dieses Jahr landeten ihre Singles „Feinde deiner Feinde“ und „Mach dich auf“ beide auf Platz 19 der deutschen Single-Charts. Frei.Wild ist zurück – mit neuem Album und mit der bisher größten Tour der Bandgeschichte.
Die Deutschrocker werden zur „Feinde deiner Feinde“-Tour im November zehn Konzerte geben und schon jetzt melden die ersten Hallen, darunter die Dortmunder Westfalenhalle mit einem Fassungsvermögen von circa 15.000, ausverkauft. Insgesamt werden rund 100.000 Musikfans die Band live erleben.
Mit dem am 5. Oktober erscheinenden Album „Feinde deiner Feinde“, so sind sich Experten und große Musikfachzeitschriften einig, wird der Band der Sprung nach ganz oben in der deutschen Musikszene gelingen. Doch am Ende sind Philipp Burger, Jonas Notdurfter, Christian Fohrer und Jochen Gargitter aus Brixen noch lange nicht.
Was in den letzten anderthalb Jahren mit der Musikgruppe passierte, was die Fans vom neuen Album erwarten können und wie die vier Jungs mit all dem umgehen – Sänger Philipp Burger spricht mit mir darüber.





2010 habt ihr zu eurer „Gegengift“-Tour noch Konzerte in Hallen mit einem Fassungsvermögen von rund 7.000 Menschen veranstaltet. Auf der nächsten, eurer bisher größten Tour ist keine Konzerthalle mit einer Kapazität unter 10.000 Plätzen. Erklär mal was in den letzten anderthalb Jahren mit der Band und deren Fangemeinde eigentlich geschah.

Nun, wenn man das so pauschal sagen könnte: viel. Das passt bestimmt. Zum einen haben wir mehr in Auslandkonzerte investiert: England, Schweiz, Holland, Österreich. Und auch zu Hause in Südtirol hat man sich, ob man es glaubt oder nicht, tatsächlich nicht wenige Fans erspielen können, die jetzt sage und schreibe auch den entferntesten Weg in diese ganz großen Arenen auf sich nehmen. Das allein macht aber den großen Sprung im Livesektor nicht aus, also graben wir da etwas tiefer. Das Album “Gegengift” knallte einfach direkt in die Herzen der Menschen, genau wie in unsere selbst. Auch ein Grund für den Verlauf der letzten beiden Jahre. Die Professionalität von Band und Crew stieg natürlich und war auch hilfreich, ohne Frage. Aber die Einstellung, hart und überzeugter denn je zuvor weiterzumachen und sich nicht zu verbiegen, ist bestimmt das Hauptmotiv. Zum Glück, denn es waren echt harte Monate und Jahre.
Beobachtet ihr denn eine Art „Fanverschiebung“ in der deutschen Musikszene?
Nein, nicht wirklich, wir haben uns eigentlich nie richtig mit diesen Werdegängen befasst. Man kann fast schon sagen, dass uns so ziemlich alles egal ist, was nicht uns betrifft und selbst da behandeln wir Meinungen von außen eher nebensächlich. Ohne Frage, deutsch zu singen hat einen neuen Reiz, auch einen neuen Klang, der mehr und mehr Anhänger findet. Das ist gut so und nur logisch zugleich. Es war stellenweise wirklich unfassbar, wie verbissen mancher Künstler versucht hatte, deutsch zu vermeiden um Vorurteile aus dem Weg zu gehen und zum guten Schluss wie ein geistig minderbemittelter Legastheniker geklungen hat.

Ich weiß, das fragt euch jeder, aber wieso der Name „Feinde deiner Feinde“ für das neue Album?

Stimmt, fragt wirklich jeder, aber ich denke, das gehört zu einem Album-Interview dazu. “Feinde deiner Feinde” ist quasi ein Überbegriff für die Themen, um die es auf dem Album geht. Es geht um Feinde, die Freunde sein können, um Freunde, die zu Feinden werden können, um Feinde, die Feinde bleiben können und Feinde, die zwar solche sind, aber dennoch nützlich sein können. Man sollte dies aber nicht personifizieren, sondern im übertragenen Sinne auf eigene Laster/ Gefahren/ Hilfen/ Charaktereigenschaften abwälzen. Kompliziert? Ist es auch.

Was erwartet ihr euch davon? Wird es besser als „Gegengift“ 2010? Betrachtet man die Vorverkaufszahlen der „Feinde deiner Feinde“-Tour, so gibt es eigentlich keine zwei Meinungen.

Stimmt, auch da liegst du richtig. Das Album wird knallen und das mehr als jedes zuvor. Besser produziert, breiter vom Inhalt her und textlich tiefgängiger. Aber findet es selbst raus, es kommt ja bald und wird die deutsche Medienlandschaft schocken, soviel ist klar. Sicher ist aber auch, dass wir voller Zuversicht nach vorn schauen und wissen, dass wir hier echt ein 1A- Frei.Wild-Album am Start haben.
Was unterscheidet es denn von allen bisherigen?
Nun, wie geschrieben, es ist breiter gefächert und sehr nah am Leben. Die größte Veränderung besteht darin, dass wir dieses Mal auch Themen angeschnitten haben, die wir bis heute gemieden hätten. Aber im Ernst, wir sind bis jetzt ganz gut damit gefahren, auf dieses Blatt vor dem Mund zu verzichten, dass es uns eigentlich schon total egal ist, ob es jemandem schmeckt oder nicht. Wir stehen hinter jedem Wort und das ist wichtig. Es reicht doch, dass sich die meisten anderen Bands mit belanglosen Themen beschäftigen, da müssen wir dem nicht auch noch Folge leisten. Fakt bleibt, „Feinde deiner Feinde“ ist und bleibt ein repräsentatives Bild unseres Lebens, unserer Freunde und Gedanken, in Musik verpackt und fett produziert.

Eure Special Edition des neuen Albums wird 21 Songs umfassen. Erkläre mal mit drei Adjektiven aus deiner Sicht das Werk.

geil – ehrlich - einzigartig

Ein paar Gitarren-Sets von Ex-Onkelz-Mitglied Matthias „Gonzo“ Röhr wurden auf dem kommenden Album verewigt. Wie ist es für euch, mit einem eurer Musik-Idole zusammen zu arbeiten?

Ja, mega einfach. Gonzo ist ein toller Mensch und zudem ein großartiger Gitarrist. Es macht immer wieder Spaß mit solchen Menschen zu arbeiten. Dass wir darauf auch echt stolz sind und gern verweisen, kann man vielleicht verstehen. Wir waren bis zuletzt Fans dieser Band und haben nun zwei Gitarren-Solos auf dem Album. Das ehrt uns einfach und hat auch Spuren für die Zukunft hinterlassen. Gerade nimmt Gonzo seine neue EP (Mischung zwischen Single und Album) in unseren Studios auf und eines können wir schon jetzt verraten: Sie wird großartig.

Wie lang dauerte es, bis das Album fertig war?

Frag nicht, es hat noch nie so lange gedauert. Zwei Jahre circa, wobei wir auch ziemlich viele und auch lange Pausen eingelegt haben. Aber wir hatten ja auch keinen Zeitdruck, deswegen war das dieses Mal schon sehr angenehm.

Ich habe mich letztens gefragt, warum ihr mehrere Singles veröffentlicht vor Albumerscheinung. Warum zwei Singles mit zwei bzw. drei Songs und nicht eine große Single mit allen fünf?

Nun, weil das nun einmal so ist und wir das auch so wollten. (grinst) Wegen der Kohle ganz bestimmt nicht, da könnte man auf Singles generell liebend gern verzichten. Die Einnahmen stehen in einem sehr ungleichen Verhältnis zu den Ausgaben und dem Aufwand an sich. Aber wir wollten zwei Vorboten zum Album und dazu auch drei Videos erstellen. So etwas haut man nicht auf eine 3 Euro-Scheibe. Einer solchen Geschichte gebührt mehr.

Ihr werdet teils sogar als Kommerzband bezeichnet. Was meint ihr dazu?

Wir lachen darüber. Keine Band dieser Welt, es sei denn es handelt sich um eine Schülerband (nichts gegen Schülerbands an sich) haut dermaßen viele Songs und Dinge für umsonst raus wie wir es tun. Es gibt eben einige Menschen, die das Thema Leben in einem kapitalistischen Land nicht verstehen und alles für umsonst haben wollen. Doch a) sind wir keine Psychiater, b) sind das meistens die Menschen, die Dauergast bei ihren Gewerkschaften sind und sich schon bei 10 Minuten Überstunden ohne Mehrbezahlung beklagen und c) heißt Kommerzband immer erfolgreiche Band. Diese Vorwürfe kommen nur allzu oft von neidischen Mitstreitern, die ihren Misserfolg damit begründen, dass die erfolgreicheren Bands alle kommerziell wären und sie es nur deshalb nicht sind, weil sie nicht kommerziell sein möchten. Aber wenn dir jemand 1000€ Gage bietet, nimmst du nicht die 5 € oder? Nein, du fragst eher ob 2000€ nicht auch noch drinnen wären. So ist die Welt…

November ist im Anmarsch und damit steht die Tour bald an. Wie laufen die Vorbereitungen?

Sie laufen super und auch höchst professionell. Wir staunen gar nicht mal so schlecht, was das ganze Team so alles leistet. Das alles ist schon da, wo es hingehört und sehr weit über dem, was vorher war.

Erzähl mal von einem typischen Tourtag der vergangenen Jahre.

Nun, wir treffen uns am Nightliner und verschwinden nach drei bis vier Bier alle erst einmal wieder in unseren Kojen wo wir uns Stunde um Stunde die neuesten und besten Folgen von „Breaking Bad“, „Der Bulle von Tölz“ oder „Two and a Half Men“ zu Gemüte führen. Dann folgt alles nach Plan: Soundcheck, ab in die Koje, Backstage-Raum zum Umtrunk, dann ist Showtime und zu guter Letzt Aftershow Party.

Was läuft derzeit bei euch vier Frei.Wild‘ler selber für Musik im Player?

Ach, von allem etwas und von keinem was Fixes, meistens halt nicht Frei.Wild. (grinst)

„Mono Inc.“, eine Gothic-Band eures Labels, erreichte sage und schreibe Platz 6 der Charts. Reflektier einmal die Entwicklung eures „Rookies & Kings“ Labels seit der Gründung 2009?

Ich bin vollkommen zufrieden, auch wenn ich die Prognosen von Stefan (Manager und Mitinhaber) am Anfang nicht teilen wollte. Ich dachte ehrlich, dass er maßlos übertreibt mit der anfallenden Arbeit und dem enormen Aufwand, den so ein Label abwirft. Leider hat er Recht behalten. Das ist ohne zu übertreiben eine ewige Baustelle, die aber vor allem in den letzten beiden Jahren mehr und mehr Gestalt annimmt. Nichtsdestotrotz bauen wir hier nicht auf Sand sondern mittlerweile auf starken Säulen, die sich in diesem Fall „Rookies & Kings“-Bands nennen. Mal im Ernst, Teil des größten und erfolgreichsten Deutschrocklabels zu sein ist ganz klar eine geile Geschichte.

Mit eurem Album „Hart am Wind“ 2009 habt ihr viele Remakes älterer Songs gemacht und eine Art „Best Of“ entstand. Habt ihr demnächst vor, Songs der ersten Alben ebenfalls zu modernisieren?

Nein, ganz bestimmt nicht, darüber haben wir auch wirklich nicht ein einziges Mal nachgedacht.

„Feinde deiner Feinde“, so spekulieren nicht nur Fans, wird auf Platz 1 der Album-Charts einsteigen. Legt ihr persönlich viel Wert auf eure Chart-Platzierung?

Schön, dass man so spekuliert. Wir spekulieren da gar nichts. Wir lassen uns überraschen und würden aus dem Häuschen sein, wenn dem so wäre. Ohne um den heißen Brei herumzureden: Die 1 ist die 1, da kann man sagen was man will. Schön wenn man sie hätte, aber auch kein Weltuntergang wenn man sie nicht hat. Das Album ist gut und hätte die 1 verdient, das sagen die, die ganz sicher am objektivsten sind: Wir. (grinst)

Eure Texte sind durchweg lebensbejahend. Tiefgründig, fast philosophisch sind Songs wie „Tot und doch am Leben“ und „Der Gast in deinem Geist“. Ihr seid aber auch gesellschaftskritisch, wie beispielsweise im neuen Stück “Mach Dich Auf”. Was kritisiert ihr an der Gesellschaft mit eurem am 5. Oktober erscheinenden Album?

Nun, Weltverbesserer und Tränenreiter wollen wir nicht sein, das machen andere. Aber es ist in der Tat so, dass die Gesellschaft schon sehr unter und mit Krankheit geplagten Eigenschaften agiert. Kein Wunder, dass es massig Input für neue Songs gibt. Vor allem, wenn die Band Frei.Wild heißt und bekanntlich auch Dinge besingt, die nicht gerade typisch für eine Band sind. Hier auf bestimmte Beispiele einzugehen, würde den Bogen bei Weitem überspannen. Aber im Ernst, das weiß jeder selber am besten wie die Menschheit tickt und wie das enden wird. Das Schlimmste daran ist und bleibt aber die Blindheit und Ignoranz vieler Drahtzieher, nichts aus Vergangenem gelernt zu haben, Fehler immer und immer wieder aufs Neue zu begehen und ganz einfach nicht den Mut zu Veränderung zu finden, gleichzeitige aber von Menschlichkeit und eigener Fehlerfreiheit zu sprechen. Gutmenschen eben.

Frei.Wild ist eine umstrittene Band und wird von anderen Musikern und Gruppen zwar selten, aber manchmal doch als politisch rechts bezeichnet. Ihr habt eine Kampagne gestartet, die sich „Frei.Wild gegen Extremismus“ nennt. Wann wurde sie ins Leben gerufen und was sind deren Ziele?

Keine Ahnung wann das war. Jedenfalls ist das schon einige Jahre her und es scheint zu funktionieren. Die Menschen wissen, sollen wissen und auch endlich kapieren, dass wir einfach keinen Millimeter für Extremisten übrig haben, die es leider Gottes überall gibt. Eigentlich traurig genug, dass man solche Aktionen überhaupt starten muss, wo doch jeder weiß, wie beschissen diese Einstellungen sind.

2011 erschien kein Album von euch. Stattdessen gab es zwei DVDs. Eine Dokumentation mit Live-Songs und ein komplettes Live-Konzert von einem Auftritt in Stuttgart. Dieses Jahr seid ihr kaum bei Festivals aufgetreten. Kann man euch 2013 wieder bei Wacken & Co. antreffen?

Wir denken dieser Schritt 2012 keine Festivals in Deutschland zu spielen war wichtig und auch zu 100% richtig. Wir haben Neuland geschnuppert, waren in nicht deutschsprachigen Ländern unterwegs und hatten eine enorm gute Zeit. Jetzt aber sind wir wieder da und werden in der Tat einige geile Festivals rocken. Ob Wacken dabei sein wird? Ich sage heute mal Jein.

Plant ihr wieder eine Live-DVD zu dieser Tour?

Mal schauen was kommt. Wie jeder weiß, planen wir nicht allzu weit in die Zukunft, auch werden wir heute nicht Türen zuschließen, die uns den Gang in gewisse Bereiche verschließen werden, da wären wir auch schön dumm. Auch hier ein klares „Schaumermal“.

Weiterhin viel Erfolg und danke für das Gespräch Philipp.

Kein Problem. Danke für die Fragen.
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3 Kommentare
9.688
Hannelore Grünler aus Artern | 28.09.2012 | 21:13  
5.076
Joachim Kerst aus Erfurt | 28.09.2012 | 22:12  
445
Michael Sieß aus Hermsdorf | 30.09.2012 | 11:38  
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