Jeder Tag etwas Neues - Wolfgang Kalusa bildete Rettungssanitäter aus und geht mit „Christoph 70“ selbst in den Einsatz

Im Cockpit von "Christoph 70": Berufspilot Marc-Dennis-Russ (links) und Rettungsassistent Wolfgang Kalusa (rechts) auf dem Sitz des Copiloten. (Foto: Wolfgang Kalusa privat)
 
Rettungsassistent Wolfgang Kalusa mit Pilotenhelm und in "Rettungsassistenten-Uniform". (Foto: Wolfgang Kalusa privat)
 
"Christoph 70" ist auf dem Flugplatz Jena-Schöngleina stationiert. Hier befindet sich auch die Rettungswache. (Foto: Wolfgang Kalusa privat)
Stadtroda: Flugplatz Jena-Schöngleina | BODENSTEIN/JENA. Wolfgang Kalusa ist in der Rettungswache auf dem Flugplatz Jena-Schöngleina gerade mit „Bürokram“ beschäftigt, als über seinen Funkmeldeempfänger ein Alarmruf der Leitstelle eingeht.

Ein Mann hat einen Schlaganfall erlitten. Jede Minute zählt.

Der 49-jährige Rettungsassistent wirft einen prüfenden Blick auf die Karte in seinem Zimmer. Gut, der Notfallort ist klar, er liegt dieses Mal etwas weiter entfernt! Auf dem Flur trifft Wolfgang Kalusa den Hubschrauberpiloten sowie den Notarzt, die ebenfalls alarmiert wurden. Die drei Männer bilden die Besatzung des Rettungshubschraubers „Christoph 70“. Die gelbe Maschine vom Typ EC-135 Eurocopter - im Prinzip ist sie ein fliegender Rettungswagen - steht draußen auf dem Flugfeld.

Nur zwei Minuten liegen zwischen der Alarmierung durch die Rettungsleitstelle und dem Abheben der Maschine. Während sich die Rotoren langsam in Bewegung setzen, nimmt Wolfgang Kalusa - er hat seinen Platz auf dem Copiloten-Sitz vorn links - über Funk bereits Kontakt mit der Leitstelle auf und bestätigt den Einsatzbeginn. Die Nachbar-Leitstelle muss er ebenfalls anfunken, da der Einsatzort in deren Bereich liegt. Also meldet er sich auch dort noch an und gleicht die Einsatzdaten ab.

„Christoph 70“ hebt ab. Das Wetter ist gut, die Sonne scheint, es gibt keinen Nebel, keine dichten Wolken und keinen Regen, welche die Sicht behindern könnten. Das erleichtert das Beobachten des Luftraumes sowie die Navigation - beides Aufgaben, die neben dem Piloten auch dem Mann auf dem linken Sitz vorn im Cockpit zufallen.

„Als Mitglied eines Rettungshubschrauberteams nimmt der Rettungsassistent eine Zwitterstellung ein, weil er eben nicht nur dem Notarzt assistiert, sondern auch navigiert und flugtechnische Aufgaben wahrnimmt“, sagt der gebürtige Lobensteiner und Vater von zwei Kindern.

Unten sind Felder und kleine Waldstücke zu sehen, dann das helle Betonband der Autobahn A 4. Nach einigen Minuten Flug kommt die kleine Ortschaft - der Notfallort - in Sicht. Während der Eurocopter tiefer geht, entdeckt Wolfgang Kalusa den bereits eingetroffenen Krankenwagen vor einem der Wohnhäuser nahe dem Dorfzentrum.

Eine Landemöglichkeit für den Hubschrauber besteht hier nicht. Am geeignetsten für eine sichere Landung erscheint der Sportplatz am Ortsrand, von dem aus es nur etwa 300 Meter bis zum betroffenen Haus sind. Diese Strecke können der Notarzt und der Rettungsassistent zu Fuß zurücklegen, ohne, dass sie der Rettungswagen extra abholen muss. Nicht immer findet sich eine günstige Landezone in relativer Nähe zum Orts des Notfalls. Manchmal könnten da schon ein bis zwei Kilometer dazwischen liegen.

Während der Eurocopter einschwebt, öffnet Wolfgang Kalusa seine Tür und übernimmt das Einsprechen, das heißt, er sagt dem Piloten die Meter-Abstände zu bestimmten Hindernissen an. Das gelbe Fluggerät mit dem großen ADAC-Schriftzug am Rumpf setzt sicher auf.

Mit dem Notfallrucksack bepackt marschieren Wolfgang Kalusa und der Notarzt zügig zum betreffenden Haus. Der Schlaganfall-Patient befindet sich noch in seiner Wohnung. Er ist bei Bewusstsein und ansprechbar, wirkt allerdings verwirrt. Der zuvor schon mit dem Krankenwagen eingetroffene Rettungssanitäter hat bereits Maßnahmen zur Erstversorgung und Stabilisierung eingeleitet. Diese werden nun fortgeführt, und das Schlaganfall-Opfer für den Abtransport vorbereitet. Der Mann soll mit dem Hubschrauber in die Klinik gebracht werden.

Der Rettungswagen fährt ihn vom Notfallort bis zum Helikopter am Sportplatz. In diesem Fall ist das möglich, doch so funktioniert es eben nicht immer. „Man muss manchmal improvisieren. Wir haben einen Patienten mit einer Wirbelsäulenverletzung auch schon auf einem Handwagen bis zur Maschine transportiert, weil es anders einfach nicht möglich war“, erinnert sich Wolfgang Kalusa.

Mit dem Schlaganfallopfer an Bord hebt „Christoph 70“ ab. Wolfgang Kalusa unterstützt während des Fluges wieder den Piloten. Schließlich haben sie ihren Patienten abgeliefert und landen auf dem Flugplatz Jena-Schöngleina. Nun muss die Maschine fit für den nächsten Einsatz gemacht werden. Dazu gehören die Betankung, das Reinigen und Desinfizieren des Patientenraums, der Geräte und der Ausrüstung und nicht zuletzt das Wiederauffüllen der Verbrauchsmaterialien. Nach knapp einer viertel Stunde sind „Christoph 70“ und seine Besatzung bereit für den nächsten Einsatz.

Ob und wie oft sie an diesem Tag noch abheben werden, und zu welchem Einsatzort es dann geht, weiß niemand. „Es gab schon Tage mit gleich 13 Einsätzen, aber auch welche, an denen wir gar nicht gestartet sind“, sagt Wolfgang Kalusa, der auch gleich noch mit einem anderen Irrglauben aufräumt: „Die klassische Vorstellung, dass Hubschrauber vor allem bei Verkehrsunfällen mit furchtbar viel Blut im Einsatz sind, stimmt nicht. Die Masse bilden vielmehr Einsätze bei Herzinfakten, Schlaganfällen oder internistischen Notfällen.“

Geflogen wird übrigens von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, frühestens jedoch ab 07.00 Uhr und maximal bis 21.30 Uhr (letzter Einsatzbeginn). Zwischen den Einsätzen kommt auch keine Langeweile auf, denn neben dem Führen der Einsatzdokumentation fallen in der Rettungswache genügend Routine-Aufgaben an, die vom Putzen bis zur Lagerhaltung reichen.

Wolfgang Kalusa ist seit 1987 im Rettungsdienst tätig. Als mit der Wende in den neuen Bundesländern der Ausbildungsberuf des Rettungssanitäters Einzug hielt, gehörte er zu jenen, die 1991 in der ersten Rettungsassistenten-Klasse Thüringens saßen.

Seit 1994 und dem Abschluss seines Medizinpädagogik-Studiums bildet der Thüringer beim Deutschen Roten Kreuz selbst Rettungssanitäter aus, seit 2011 an der Staatlich anerkannten Rettungsdienst- und Katastrophenschutzschule des DRK in Bodenstein. An zwei Tagen in der Woche ist er aber weiterhin als Rettungsassistent an Bord von „Christoph 70“ im Einsatz.

„Jeder Tag bringt etwas Neues.Einsätzen, bei denen man furchtbare Dinge sieht, steht vielfältiges positives Erleben entgegen, wenn rechtszeitig irgendwo vor Ort war und Leben gerettet hat. Als Rettungssanitäter sollte man mitmenschliches Empfinden haben, und da ist es gut, wenn man für sich selbst die richtigen Verarbeitungsstrategien findet, als vermeintlich hart zu werden.“

Hintergrund


- Ab 1. Januar 2014 gibt es keine Ausbildung zum Rettungssanitäter mehr.
- Vielmehr werden zukünftig in einer dreijährigen Lehre Notfallsanitäter ausgebildet, die gegenüber dem Rettungsassistenten auch höher gestellt sind.
- Im Rahmen ihrer Ausbildung müssen angehende Notfallsanitäter im Vergleich zur bisherigen Ausbildung von Rettungssanitätern weitere Pflichtpraktikas absolvieren, zum Beispiel in der Psychiatrie und Gynäkologie.
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