Frauen in Afghanistan

Marga Flader, Afghanistan-Schulen (Foto: Foto: Ethikbank Eisenberg)
Stark und anerkannt:
Interview mit Marga Flader von Afghanistan-Schulen über die neue
Rolle der Frau - geführt von Sylke Schröder von der Ethikbank Eisenberg



Die EthikBank ist im Jahr 2002 gegründet worden. Ungefähr zu dieser Zeit ist die Bundeswehr in Afghanistan eingezogen. Hat sich für die Frauen dort
seitdem etwas geändert?


Ja, vieles hat sich zum Positiven verändert. 1998 gab es nur eine Mädchenschule in Andkhoi. Heute sind es 14. Fast alle Mädchen können mittlerweile zur Schule gehen. Die Schulen schaffen auch Arbeitsplätze. Lehrerinnen haben einen anerkannten Beruf, der gesellschaftlich akzeptiert ist. Und immer mehr junge Frauen können studieren und wollen ihrem Land damit dienen.

Das klingt pathetisch.

Stimmt, aber die Frauen und Mädchen sehen die Probleme, zum Beispiel in den
Krankenhäusern und wollen wirklich etwas zum Guten verändern.

Dann sind die afghanischen Frauen Patriotinnen?

Sie sind stolze Afghaninnen, die ihr Land lieben. Wenn Sie von Patriotismus reden, dann ist es ein positives Gefühl. Vielleicht auch, weil die Frauen wissen, dass sie in der Fremde nur schwer zurechtkommen würden, denn - anders als bei uns - bilden Familie und Freunde den Lebensmittelpunkt der Afghanen.

Das klingt so, als gäbe es keine Unruhen.

Keineswegs, die Sicherheitslage hat sich seit 2006 deutlich verschlechtert mit derFolge, dass viele Frauen nicht mehr auf die Straße gehen, weil sie Angst haben oder sich deren Männer um sie sorgen.

Paradoxerweise sorgen ausgerechnet diejenigen für Unruhe, die einst Ruhe ins Land gebracht haben. In den Herrschaftsjahren der Taliban war die Kriminalität am niedrigsten. Sie setzten Massenvergewaltigungen und Anarchie ein Ende. Müssen wir nicht ein Stück von dem dämonischen Bild der Taliban abrücken?

Wenn man in Betracht zieht, dass die Menschen damals erschöpft waren vom
Bürgerkrieg, ist das nur allzu verständlich. Aber dieser Gedanke ist auch heute noch gegenwärtig.

Halten die Taliban die Erinnerung daran wach?

Die Taliban geben sich heute populärer. Sie sagen zum Beispiel, dass Frauenbildung möglich sei. Andererseits verbieten sie Musik selbst bei Hochzeiten und lehnen westliche Sitten und Vergnügungen strikt ab, weil sie Angst vor Überfremdung haben.

Wenn man Statistiken glauben darf, besuchten im Jahr 2007 ca. 40 Prozent der Mädchen eine Schule und 60 Prozent der Jungen. Heute sind diese Zahlen auf 25 bzw. 35 Prozent geschrumpft.

Das mag den Landesdurchschnitt widerspiegeln. Für den Norden kann ich diese Zahlen nicht bestätigen. Immer mehr Mädchen gehen in die Stadt, um eine Schule zu besuchen. Und alle Bevölkerungsgruppen halten Bildung für absolut notwendig.

Aber der Rückgang der Schulbesuche ist Fakt.

Der Hauptgrund für das Nichtbesuchen einer Schule ist politische Unruhe.
Dann sind Sie sicher froh über das Bundestagsmandat zur Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes?

Ich bin skeptisch, weil sich die Lage immer weiter verschlechtert. Wenn die Afghanen das Gefühl haben, dass sich Fremde festsetzen, sind sie ihnen nicht mehr willkommen.

Sollte die Bundeswehr das Land verlassen?

Würde sich die Bundeswehr sofort zurückziehen, könnte ein neuer Bürgerkrieg
ausbrechen. Aber es muss eine mittelfristige Abzugsperspektive geben. Ich fürchte allerdings, dass die Amerikaner aus strategischen Überlegungen heraus in Afghanistan bleiben werden.

Welche vernünftige politische Strategie könnte den Konflikt lösen?

Es wäre einfacher, hätte der Westen keine strategischen Interessen im nahen und mittleren Osten. Es sind viele politische Gespräche nötig – nicht nur mit Afghanistan, auch mit Indien, Pakistan, dem Iran und ehemaligen Sowjetrepubliken.

Was müsste passieren, damit die Welt handlungsfähig wird?
Dafür braucht Afghanistan einen starken Präsidenten und eine gute Regierung mit einem vernünftig arbeitenden Parlament. Die Gespräche müssten von einem Vermittler der Vereinten Nationen moderiert werden, der nicht nur Sonntagsreden hält, sondern wirklich etwas verändern will.

Deutsche Politiker haben lange Zeit eine merkwürdige Parole verkündigt,
wonach sie ihren Erfolg in Afghanistan daran messen, wie viele Frauen auf ihre
Burka verzichten. Ist das wirklich das größte Problem?


Das ist nicht das Wichtigste. Aber in Großstädten verzichten schon viele Frauen auf die Burka, wenn sie sich sicher fühlen.

Welche Sicherheit meinen Sie?

Die Angst vor Fundamentalisten. Es ist schon vorgekommen, dass sie Frauen ohne Burka Säure ins Gesicht geschüttet haben. Aber auch die Männer müssen lernen, sich besser zu benehmen. Unflätige Worte und anzügliche Blicke gehören zum Alltag.

Legen die Frauen ihre Burka zu Hause ab?

Die Burka wird nur auf der Straße getragen. Deshalb ist der Fall, mit dem sich
neulich ein deutsches Gericht befasst hat, weit entfernt von muslimischen
Gepflogenheiten.

Von welchem Fall sprechen Sie?

Eine in Deutschland lebende Muslimin wollte durchsetzen, dass sie hier mit der
Burka zur Arbeit gehen darf. In Afghanistan tragen die Frauen im Büro ein Kopftuch, aber keine Burka.

Ich erinnere mich, dass Sie vor einigen Jahren einmal sagten, die Frauen seien stolz auf ihre Burka.

Früher war das auch so. Da gingen gesellschaftlich höher stehende Damen nur mit ihrer reich bestickten Burka aus dem Haus. Bei der Feldarbeit war das Kopftuch aber viel praktischer.

Was hat sie an der Entwicklung der Frauen bisher am meisten beeindruckt?

Dass Schülerinnen Zusatzunterricht fordern. Die Frauen in Afghanistan nehmen ihre Probleme selbst in die Hand. Sie sind stark und anerkannt – auch von den Männern.

Danke für das Gespräch.
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