Hippotherapie: Pferde helfen heilen. Komplette Skoliose-Therapie von konservativ bis operativ am Waldkrankenhaus Eisenberg

Leon strahlt. Die Hippotherapie mit Kerstin Morgenstern macht dem Jungen Spaß.
 
Dr. Patrick Strube begutachtet bei Sebastian den Sitz des Korsetts.
Eisenberg: Waldkrankenhaus "Rudolf Elle" | Der 19-monatige Leon und Ratina „beschnuppern“ sich. Berührungsängste gibt es nicht. Die Hand zwar noch vorsichtig ausstreckend, strahlen die Kinderaugen kurz darauf. Kerstin Morgenstern nimmt auf dem Pferd Platz und lässt sich Leon reichen. Leon sitzt vor ihr. In gemütlichem Tempo drehen sie gemeinsam ein paar Runden im Reitstall. Kerstin Morgenstern achtet auf die Haltung von Leon. Der zehnjährige Sebastian hingegen sitzt allein auf dem Pferd, das von Martin Künzel geführt wird.

Was im ersten Moment wie ein gemütlicher Reitunterricht aussieht, ist in Wirklichkeit Therapie. Beide Kinder leiden unter Skoliose, der Seitabweichung der Wirbelsäule. Die Kinder sitzen nicht auf einem Sattel, sondern nur auf einem Pad und können sich an einem Gurt festhalten. „So können die Kinder einerseits die Wärme des Pferdes spüren und die Bewegung des Pferdes überträgt sich besser“, erklärt Kerstin Morgenstern.

Sie ist Therapeutin am Waldkrankenhaus Rudolf Elle in Eisenberg. Vor etwa 20 Jahren hat dort Oberarzt André Sachse die sogenannte Hippotherapie für Patienten der Kinderstation ins Leben gerufen. Er ist Verfechter und Liebhaber dieser Therapie. Und der Erfolg gibt ihm Recht. „Der Gang des Pferdes entspricht dem physiologisch gesunden Laufen des Menschen. Diese Impulse werden bei der Therapie auf die Kinder übertragen“, weiß Morgenstern. Die Impulse sind bis zu 60 Mal stärker als beim Menschen. Die Hippotherapeutin erreicht damit eine Aufdehnung der konkaven und eine Kräftigung der konvexen Seite. Vorab muss sie natürlich mit den Kollegen der Kinderstation die Ausprägung der Skoliose absprechen. Danach bestimmt sie unter anderem die Laufrichtung des Pferdes.

Die Hippotherapie erfolgt in Zusammenarbeit mit der Reitanlage Etzdorf. Zur Verfügung stehen zwei Therapiepferde. „Die Hippotherapie machen wir grundsätzlich hinter verschlossenen Türen. Wir arbeiten mit kranken und behinderten Kindern. Da sind Zuschauer nicht erwünscht“, so die Therapeuthin. Überzeugt ist sie übrigens nicht nur von der physiologischen Wirkung der Therapie. „Es ist auch für die Seele der Kinder gut“, hat sie die Erfahrung gemacht.

Skoliose wird bereits seit vielen Jahren am Eisenberger Waldkrankenhaus behandelt. Seit Anfang des Jahres kann sich die Einrichtung glücklich schätzen, eine wahre Koryphäe auf diesem Gebiet jetzt zum eigenen Ärztestamm zählen zu können: Priv. Doz. Dr. med. habil Patrick Strube ist von der Charité Berlin nach Eisenberg gewechselt. „Skoliose gibt es seit Menschengedenken, seit dem der Mensch aufrecht geht. Die Krankheit entsteht nicht - wie manche Eltern vermuten - durch ungünstige Körperhaltung vor dem Computer oder Herumgelümmel mit dem Handy auf der Couch“, stellt der Fachmann klar. Etwa zwei Prozent der Kinder und Jugendlichen sind betroffen, Ursache sind meist pubertäre Wachstumsschübe. Wenn vordere und hintere Wirbelanteile unterschiedlich wachsen, kommt es zur Verdrehung der Wirbelsäule.

Maß zur Beurteilung der Skoliose ist der sogenannte in Grad gemessene Cobb-Winkel. „Bis zu einer Krümmung von 20 Grad wenden wir die Physio- und Hippotherapie an. Ab 20 Grad ist die Korsettbehandlung notwendig und ab 45 Grad kommt man um den operativen Eingriff nicht herum. Umso krümmer die Wirbelsäule ist, umso mehr nimmt die Skoliose auch nach der Wachstumsphase zu, etwa ein Grad pro Jahr. Das lässt sich nur mit einer OP aufhalten“, erklärt Strube. Die meisten in Eisenberg behandelten Fälle sind milde Skoliosen, die mit der Physio- und Hippotherapie behandelt werden können. Etwa ein Drittel der Korsettbehandlungen schlagen nicht an, dann müsse doch operiert werden.

Mit der kompletten Therapie von den konservativen bis zu den operativen Methoden hat das Waldkrankenhaus ein Alleinstellungsmerkmal. Mittlerweile wird auch ein neues Konzept verfolgt. „Bei geringfügigen Verbiegungen ist das Nachtkorsett besonders attraktiv. Beim normalen Korsett ist das Problem, dass es die Kinder beziehungsweise Jugendlichen bis auf die Körperpflege rund um die Uhr tragen müssen. Aber das Nachtkorsett wird von den Kassen noch nicht anerkannt“, beschreibt Strube das Problem. Und so muss das Krankenhaus für jeden Patient einzeln in Widerspruch gehen und den Einsatz des Nachtkorsetts begründen.

Desto früher eine Skoliose erkannt wird, desto einfacher lässt sie sich behandeln. Eltern sollten ihre Kinder gerade bei schnellem Wachstum öfter genau anschauen. Schulterschiefstand, ein asymmetrischer Rücken und so genannte Hexenbuckel beim Nachvornebeugen sind Alarmzeichen. Eltern, die selbst von Skoliose betroffen waren, sollten noch achtsamer sein.
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