Von Karl dem Krossen - Das besondere Interview: Zum Schulanfang stellt sich Junglehrer Siegfried Schröder wieder den neusten Wissensergüssen seiner Schüler

Siegfried Schröder geht manchmal ein Licht auf - im Umgang mit seinen Schülern. (Foto: J. Völker)
Siegfried Schröder ist ein Lehrer mit Rucksack statt lederner Aktentasche. Der Ilmenauer unterrichtet seit einem halben Jahr an der Regelschule Schmalkalden. Als Kind wollte er unbedingt Indiana Jones werden. Beim Abenteuer ist er geblieben. Der 27-Jährige studierte Geschichte und Religion und unterrichtet seit diesem Schuljahr zusätzlich Geografie und Informatik. Judith Heyer traf ihn zu einem nicht alltäglichen Interview.

Was halten Sie von der Klassengesellschaft?
Ich finde es nicht gut, dass Menschen in Gruppe gedrückt werden. Gerade auch als Lehrer kommt es vor, dass Schüler unbeabsichtigt in Nischen geraten, weil zum Beispiel Vorurteile gegenüber dem Namen des Kindes bestehen. Geht probieren über studieren? Ja, definitiv. Wenn die Kinder etwas noch nie angefasst und erlebt haben, kommt es nicht an. Als Freizeit-Basketballer weiß ich: Man kann den Korb nicht treffen, wenn man alle Regeln auswendig kennt. Man muss den Ball anfassen und werfen, bis es klappt.

Wie steht es mit der Kurzarbeit?
Ich bin nicht der Typ für riesige Klassenarbeiten, die über zehn Stoffgebiete gehen. Bei mir gibt es nach jeder Stoffeinheit eine Kurzkontrolle, die auch ein Feedback für mich ist. Schneiden die Schüler gut ab, habe ich gute Arbeit geleistet.

Hilft alles Schreiben nicht mehr, weil viele Probleme beim Lesen haben?
Ja, definitiv. Es ist besorgniserregend, dass die Schüler kaum lesen. So treffe ich oft auf Wortneufindungen, wie „Otto von Pissmarg“ oder „Karl der Krosse“.

Sind Noten Glückssache?
Die Schüler sind dafür selbst verantwortlich, es ist ein Spiel mit dem Lostopf. Manche lernen auf gut Glück, weil sie denken, genau zu wissen, was der Lehrer drannehmen wird. Wenn er dann aber doch etwas anderes fragt, haben sie ein Problem.

Überträgt sich eine Erkältung leichter als Bildung?
Extraferien durch einen „guten Schnupfen“ sind wohl manchen Schülern und Lehrern besonders lieb. Aber leider überträgt sich Bildung nicht durch „ins Gesicht niesen“. Aber sobald ein „Virus Pädagogika“ erfunden wird, würde ich es für meine Schüler gerne bestellen und einpflanzen, um ihnen das Lernen zu erleichtern.

Ist ein Gramm Wissen besser als 100 Tonnen Meinung?
Ich finde schon, besonders bei politischen Problemen wie dem Antisemitismus. Ein Gramm Auseinandersetzung ist mir viel lieber, anstatt die Stammtischparolen zu grölen. Meinung entsteht durch Wissensaneignung und nur über verschiedene Meinungen kann man zu Wissen kommen.

Haben viele Kinder schwer erziehbare Eltern?
Auch wenn es viele Kinder nicht wahrhaben wollen, sie sind das Abbild ihrer Eltern. So gehören zu unangenehmen Kindern auch Eltern, bei denen man sich vor den Gesprächen gruselt. Aber es gibt natürlich Ausnahmen. Neben der Lehrtätigkeit ist die Elternarbeit fast die größte Herausforderung – manche Eltern sind der Meinung, dass die Lehrer ihre Kinder erziehen müssten. Aber bis jetzt hatte ich fast ausschließlich positive Erfahrungen mit Elterngesprächen. Das Klischee: „Eltern sind an ihren Kindern desinteressiert“ kann ich nur widerlegen.

Sind die Fragen eines Kindes schwerer zu beantworten als die eines Wissenschaftlers?
Ja! Ein Wissenschaftler stellt Suggestivfragen: Ist das Weltall unendlich? Ein Kind wiederum fragt: Warum ist das Weltall unendlich? Dann muss man als Lehrer nach einer Lösung suchen, die das Kind verstehen und nachvollziehen kann. Lernen heißt Nachfragen, erst wenn Kinder Fragen stellen, wollen sie lernen. Fragen schafft Motivation – ganz wie in der Sesamstraße: „Wer wie was? Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm!“

Darf man Rechtschreibfehler behalten, wenn man sie gefunden hat?
Nein, eher nicht. Lieber Fehler selbst entdecken und daraus lernen! Lernt man beim Lehren? Auf jeden Fall. Jeder Schüler und jede Klasse ist anders. Das merke ich, wenn ich die gleiche Stoffeinheit in verschiedenen Klassen behandele. Es entstehen neue Fragen, die ich beantworten muss. Dabei lerne auch ich viel Neues – würde ich das nicht tun, hätte ich den falschen Job.

Macht Sie heiß, was Sie nicht wissen?
Ich liebe Herausforderungen. Was ich nicht weiß, wird gegoogelt. Mit diesem Wissen kann man auch wunderbar angeben: „Wusstest du schon, dass …?“ Das ist in der Schule sehr hilfreich, aber leider passiert mir das auch bei meinen Freunden. Ich glaube, dass nervt sie manchmal richtig.

Ist eine Eselsbrücke die ideale Verbindung zwischen zwei Gedächtnislücken?
Eselsbrücken finde ich nützlich, aber nicht mit einzelnen Wörtern. Stattdessen suche ich nach Anekdoten rund um mein Thema. In Geschichte zum Beispiel habe ich meinen Schülern letztens von Friedrich dem Großen erzählt, der in einer Schlacht nur überlebte, weil seine Schnupftabakdose in der Brusttasche eine Kugel abfing. Das ist etwas Greifbares, das sie mit den relativ trockenen Fakten verbinden können – und in den Kurzarbeiten sehe ich dann, dass die Schüler genau die Fakten zu dieser Anekdote am Besten wissen. Einmal bin ich als Pharao verkleidet zum Unterricht erschienen, das hat nicht nur mir Spaß gemacht. Und in meiner Lehrprobe kam ich als Detektiv und deckte die Französische Revolution auf: Wer ermordete den König? Das macht Unterricht lebendig!

Herrscht bei Ihnen Zettelwirtschaft?
Es lässt sich nicht vermeiden. Das ganze Material für die verschiedenen Fächer und Klassenstufen, da kommt schon eine Menge Papierkram zusammen. Ich fühle mich wie Sisyphos. Kaum habe ich ein Blatt eingeheftet, entdecke ich schon den nächsten Stapel. Mein Kopierer läuft heiß und meine Druckerpatrone ist ständig alle.

Sind sechs Stunden Schule besser als gar kein Schlaf?
Als Schüler – ja! Ich habe Englisch und Biologie dafür genutzt, darunter gelitten hat aber keines der beiden Fächer. Schlaf ist eben gesund und mir persönlich sehr wichtig. Natürlich halte ich alle wichtigen Abgabetermine ein, aber vorher mache ich mir einen Plan, um in dieser Zeit auch genügend Schlaf zu bekommen. Denn ich kann mich nicht in der letzten Reihe auf meine Federmappe legen und bis zum Stundenende dösen.

Noten oder Kompetenzbeschreibung?
Beides! Noten sind subjektiv, obwohl wir einheitliche Lehrpläne und Bücher haben – jede Klasse ist anders. Als guter Lehrer gehe ich auf die unterschiedlichen Ansprüche meiner Klassen ein und passe Arbeiten an das Leistungsniveau an. So bekommen alle eine Chance. Meiner Meinung nach sollte es zu dem Zeugnis noch eine Kompetenzbeschreibung geben. Hat ein Schüler auf dem Zeugnis eine Fünf in Physik, stehen die Chancen schlecht, dass er zur Ausbildung des KFZ-Mechanikers angenommen wird. Steht aber dort: „Der Junge YX stellt sich sehr geschickt an und ist handwerklich begabt“, dann könnte er diesen Beruf trotzdem ergreifen. Solche Talente gehen aus Noten allein nicht hervor.

Lernt man fürs Leben?
Die beste Schule ist und bleibt das Leben. Man lernt nicht für, sondern durch das Leben. Während meines Studiums hat mir keiner gesagt, wie das Leben in der Schule wirklich ist. Meine Lehrerpersönlichkeit habe ich erst durch den Kontakt mit den Schülern entwickelt.
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