Das emotionale Zuhause - Interview mit John-Lennon-Double Johnny Silver

Wann? 29.01.2015 19:30 Uhr

Wo? Weimarhalle, Weimar DE
Johnny Silver: "Wir versuchen, den Geist des Liedes und der jeweiligen Person künstlerisch entsprechend umzusetzen. Ich bin aber relativ normal und leide nicht an einer zwiegespaltenen Persönlichkeit, dass ich denke, ich wäre John Lennon." (Foto: Agentur)
 
Die "Silver Beatles" kommen nach Thüringen: "Wir haben in dieser Kombination eine gute Chemie gefunden." (Foto: Agentur)
Weimar: Weimarhalle |

Die Beatles gelten bis heute als erfolgreichste Band der Musikgeschichte. Johnny Silver schlüpft täuschend echt in die Rolle von John Lennon. Vor dem Musical "Yesterday" in vielen Thüringer Orten sprach er mit mir.


Auf der Bühne sind Sie ein täuschend echter John Lennon. Wenn Sie morgens aufwachen - haben Sie manchmal Schwierigkeiten, direkt zu sagen, wer Sie sind?
Zum Glück nicht. Ich bin jemand, der ein ganz normales Leben führt. Wenn ich auf die Bühne gehe, verwandele ich mich für die Zeit während des Konzertes in John Lennon. Ich versuche, seine Lieder so zu interpretieren, wie er sie vorgesehen hat. Also mit möglichst viel Authentizität in seiner Phrasierung. Wir versuchen, den Geist des Liedes und der jeweiligen Person künstlerisch entsprechend umzusetzen. Ich bin aber relativ normal und leide nicht an einer zwiegespaltenen Persönlichkeit, dass ich denke, ich wäre John Lennon. Ich bin auch nicht mehr 20 Jahre alt, dass ich eine Ersatzpersönlichkeit brauche. Ich bin ein großer Fan von John Lennon. Ich kann seine Lieder nachvollziehen, aber ich sehe natürlich auch die Unterschiede zwischen uns.

Wie lange machen Sie das eigentlich schon?
Ich sah John Lennon, als ich viel jünger und in einem ähnlichen Alter war, sehr, sehr ähnlich. Im zunehmenden Alter kommen diverse genetische Unterschiede klar heraus. Das lässt sich gar nicht vermeiden. Ich bin jetzt in einem Alter, in dem John Lennon gar nicht mehr gelebt hat.

Sie sind also älter als 40 Jahre. Wollen Sie mir Ihr Alter nicht verraten?
Ich verrate nix. John Lennon ist ja leider mit 40 von dieser Welt gegangen und ich bin älter. Das muss reichen.

Wie ahmen Sie John Lennons Stimme, seine Gestik, sein Aussehen nach?
Zum einen bringt man ein gewisses Talent mit. Ich wurde vor über 20 Jahren darauf hingewiesen: „Du hast etwas von Lennon in deiner Stimme. Du hast einen gewissen Ausdruck und irgendwie bist du ihm so ähnlich.“ Ich habe mich dann also mehr mit der Person auseinandergesetzt. Ich war schon immer ein Beatles-Fan, seit ich denken kann. Ich fand aber zuerst Paul McCartney besser, weil er die etwas zugänglicheren Lieder komponierte. Die waren harmonischer, die waren einfacher, die waren pittoresker. John Lennon war damals schon ein Rätsel für mich. Seine Songs hatten etwas Mystisches und haben eine Stimmung erzeugt, die ich als Jüngerer gar nicht einzuschätzen wusste. Aber das hat ihn für mich interessanter gemacht. Als ich dann meinen Paul-McCartney-Partner fand, haben wir beide unheimlich viel Beatles-Material angeschaut, angehört, analysiert. Wir wollten herausfinden, was die Magie der Beatles ausmacht. Ich denke, dass wollen auch die Zuschauer immer noch herausfinden. Sind es nur die schönen Lieder, diese Stimmung? Wir haben nie nachgelassen, fast schon archäologisch nach Antworten zu graben.




Sehen Sie sich noch als Musiker? Oder sind Sie schon mehr Schauspieler? Mit Ihrem Wissen könnten Sie ja sogar Autor einer Lennon-Biographie sein.
Das könnte ich sicherlich. Ich habe auch für Zeitungen und Musikmagazine über die Beatles und John Lennon musikrelevante Artikel verfasst. Wenn man sich lange mit einem Thema auseinandersetzt, wird man zwangsläufig zum Experten. Die Beatles haben mir einen wesentlichen Motivationsschub gegeben, überhaupt mit der Musik anzufangen. Glücklicherweise habe ich musikalische Eltern gehabt. Als ich in die Pubertät kam, dachte ich: „Mensch, die Beatles erzeugen so eine Hysterie und sie erzeugen etwas in mir.“ Ich wollte also auch gerne Gitarre spielen können. Natürlich hatte ich auch andere Einflüsse, lernte andere Gitarristen kennen und merkte: Da gibt es noch ein anderes Leben und andere Musikwelten. Ich hatte den Anspruch, auf meinem Instrument, der Gitarre, und auf anderen Instrumenten immer besser zu werden. Meine Herzensangelegenheit sind aber die Beatles. Ich habe John Lennon immer mehr nicht nur als Musiker dargestellt, sondern als komplette Bühnenfigur. Die Haare, der Style, die Anzüge wurden entsprechend gestaltet. Es wurde analysiert, welches Equipment, welche Gitarren gespielt wurden - und wie genau. In verschiedenen Shows schlüpften wir immer mehr in die Rolle von Musicaldarstellern, von Schauspielern.

Tragen Sie eigentlich eine Perücke oder ist der Pilzkopf echt?
Unsere echten Pilzköpfe werden leider immer kleiner. Ein 20-Jähriger hat natürlich eine wesentlich stärkere Haarpracht. Wir versuchen im Rahmen unserer Möglichkeiten, alles zu tun, dass wir das Aussehen aufrechterhalten können. Wir sind allerdings in der Alterskategorie Ü30, eine Zeitspanne, in der die Pilzkopfzeit der Liverpooler Beatles vorbei war. Sie trugen mittlerweile lange Haare. Unser Schlagzeuger trickst herum, um mehr Haare zu haben. Ansonsten versuchen wir, dass wir unsere normalen Haare etwas länger wachsen lassen und mittlerweile auch färben müssen.
In Wahrheit sehen wir ganz anders aus. Die Haare sind zurückgekämmt und man wird uns nicht sofort als Beatles identifizieren können. In unserem Alter ist es wesentlich, dass wir nur für eine kurze Zeit eine Rolle spielen, dann aber auch sagen: Wir sind ganz normale Menschen. Es gibt sicherlich Kollegen, die es anders handhaben: Die sehen, dass sie in eine Rolle hineinschlüpfen, als Flucht vor sich selber. Das haben wir nicht nötig, ich bin dafür auch zu erwachsen.

Sie sagen, Sie stammen aus der zweiten Beatles-Welle. Was sind denn Ihre ersten Erinnerungen an die Beatles? Welcher war der erste Song?

Das erste, was ich von den Beatles gehört habe, das war dieses „Yeah, Yeah, Yeah“. Für einen jungen Menschen ist das sehr aufregend, diese Energie, diese Stimmigkeit. Später waren es dann diese melancholischen Stücke wie Michelle, Golden Slumerbs, Strawberry Fields. Mich hat dieses Gemisch aus Gefühlen fasziniert. Unglaublich, wie eine Band so unterschiedliche Lieder, so viele Stimmungen bedienen kann: emotional, harmonisch, melodisch.



Die Beatles haben nur rund zehn Jahre miteinander gespielt. Warum hält die Beatlesmania bis heute?
Viele Menschen, die in den 60er-, 70er- oder 80er-Jahren aufgewachsen sind, haben die Beatles als Teil ihres Lebens verstanden. Die Beatles sind ein emotionales Zuhause, sie geben einem ein Gefühl von Sicherheit, in das man einfach gerne eintaucht. Ihre Musik ist immer noch lebendig - nicht mehr in der ursprünglichen Version im Radio. Aber die ganze englische Musikszene wäre heute ohne die Beatles undenkbar. Unglaublich viele Bands nennen die Beatles als Haupteinfluss für ihre Musik.

John Lennon wurde nur 40 Jahre alt. Haben Sie eine persönliche Erinnerung an den 8. Dezember 1980? Und was machen Sie heutzutage an diesem Tag?
Ich habe in den vergangenen Jahren an verschiedenen John-Lennon-Memorials teilgenommen, zum Beispiel in Liverpool. Ich erinnere mich an seinen Todestag, weil ich gerade als Junge im Schulbus saß. Ich hörte die Nachricht, dass ein berühmter Sänger erschossen wurde. Der Busfahrer war völlig verstört. Er hatte Tränen in den Augen und sagte durchs Mikro durch, dass einer seiner Helden gestorben sei.

Bis 1960 hießen die Beatles - wie Sie mit Ihrer Band auch - noch „Silver Beatles“. Ich nehme an, daher hat Ihre Band ihren Namen und Sie Ihren Künstlernamen.
Zu der Zeit, als meine Band nach einem Namen suchte, haben wir viel Rock'n'Roll gespielt wie die ursprünglichen Beatles. Sehr rockig, sehr emotional. Auch deshalb, weil dazu kein großer Aufwand vonnöten war: keine Streicher, kein Klavier, keine Orgel. Wir haben also den Namen dieser Vorversion der Beatles gewählt. Später haben wir dann herausfinden müssen, dass andere Bands diesen Namen auch schon gewählt hatten. Um uns abzusetzen, haben wir uns „Johnny und die Silver Beatles“ genannt. Dem Veranstalter war das zu lang und er hat Johnny Silver daraus gemacht.

Was können Sie über Ihren Paul, George und Ringo sagen?
Mit meinem Paul habe ich die „Silver Beatles“ gegründet. Wir haben das gleiche Sternzeichen, liegen altersmäßig nur zwei Tage auseinander. Wir haben eine sehr enge, freundschaftliche Beziehung. Wir ergänzen uns gut mit den Stimmen, er etwas rauer, ich etwas weicher. Ich bin zynischer, sein Humor ist etwas charmanter. Unser George Harrison kommt aus England und hat eine bemerkenswert authentische Stimme, unglaublich elegant. Selbst wenn er redet, hat er den gleichen Tonfall, ohne dass er sich etwas aneignen musste. Schlagzeuger Roy kommt auch aus England. Er haut ein bisschen mehr rein als Ringo. Es macht Spaß, ihm beim Spielen zuzusehen. Er hat immer ein breites Grinsen im Gesicht. Wir haben in dieser Kombination eine gute Chemie gefunden.

Ist Ihr Paul auch Linkshänder, sodass die Gitarrenhälse nicht zusammenstoßen, wenn er sich ein Mikro teilt?
Er ist Rechtshänder. Die Vergangenheit und meine Erfahrungen haben gezeigt: Es ist wichtiger, dass der Paul eine schöne Stimme hat, ein guter Musiker ist. Wir dachten früher auch, ein Linkshänder als Paul sei wichtig, um die Illusion nicht zu stören. Wir haben aber viel Fans gefragt: Ihnen war nach dem Konzert gar nicht aufgefallen, dass unser Paul kein Linkshänder ist, so sehr waren sie in der Musik vertieft und dem Charme dieses Musikers erlegen.

"Die Beatles waren im Osten viel schwerer zugänglich."


Erzählen Ihnen die ostdeutschen Beatles-Fans auch, wie sie es beispielsweise früher viel schwerer hatten, an die Platten zu kommen?
Es gibt viele solcher Gespräche. Ich selbst habe Familie und Verwandte im Osten und bringe den Menschen hier schon einmal generell eine sehr hohe Sympathie entgegen. Die Beatles waren im Osten viel schwerer zugänglich. Man musste gewisse Gefahren überwinden, um ihre Musik beispielsweise im Radio hören zu können. Man hat im Osten auch mehr dafür getan. Man hat die Musik der Beatles verstanden: der Aufruhr, das Rebellische, gleichzeitig das Emotionale, das Vielseitige. Es ist nach wie vor erstaunlich, dass viele Leute im Osten, sich bei so einem Beatles-Konzert oder -Musical verhalten wie Teenager. Sie drängeln bei der Autogrammstunde und bedanken sich und sind regelrecht aufgeregt - etwas, das ihnen lange Zeit verwehrt war. Sie fühlen sich dann wieder jung im Herzen, tanzen und feiern. Das ist das größte Kompliment, das man bekommen kann. Wir sind mit den Zuhörern auf Augenhöhe, denn wir sind nicht die Stars, wir sind die Präsentatoren der Beatles-Musik, des Geistes der 60er-Jahre. Nicht wir haben die Songs geschrieben, wir interpretieren sie nur so gut es geht.

Die Beatles gelten als kommerziell erfolgreichste Band der Musikgeschichte. Ihr Idol John Lennon hat geniale Lieder geschrieben. Haben Sie auch mal davon geträumt, einen Hit, einen Song für die Ewigkeit zu schreiben?
Bestimmt, aber ich merke auch, dass die Zeiten dafür immer schwieriger geworden sind. Wir leben in einem medialen Overkill. Wir haben viel zu viele Musikangebote. Es gibt viel zu viele Künstler. In den 60ern konnte man sich noch Zeit für eine Band nehmen und war gespannt auf die nächste Platte. Heute geht es nur noch um einen schnellen Hit. Ich hätte natürlich gerne einen Superhit geschrieben, alle Musiker träumen davon.


Hintergrund


- Johnny Silver ist Bandgründer, musikalischer Direktor und der John Lennon der „Silver Beatles“. Er besitzt ein umfassendes Archiv an Beatlesfilmen, Aufnahmen, Schallplatten, Büchern und Instrumenten. Kein Deutscher hatte mehr Auftritte im legendären Liverpooler „Cavern Club“. Insgesamt zählt er mehr als 1500 Auftritte in Europa und Amerika.

- Mit der Show „Yesterday - das Beatles-Musical“ kommen die „Silver Beatles“ nach Thüringen. Das Musical handelt von einem jungen Mädchen, das den Konflikt einer ganzen Generation durchlebt. Sie liebt die Musik der Beatles, doch ihr Vater lehnt die Jugendkultur der 60er-Jahre ab. Kann John Lennon seine Meinung ändern?

- Termine: 14.1. 2015 Erfurt, Kaisersaal; 16.1. Greiz, Vogtlandhalle; 17.1. Gera, Kultur- und Kongresszentrum; 29.1. Weimar, Weimarhalle; 10.2. Jena, Volkshaus, 13.2. Gotha, Kulturhaus; 14.3. Heilbad Heiligenstadt, Kulturhaus

- Karten unter: 0361/2275227, www.ticketshop-thueringen.de

- Infos: www.yesterday-musical.de

- Weitere Informationen über die „Silver Beatles“ finden Sie unter: www.silverbeatles.de.
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1 Kommentar
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Hannelore Grünler aus Artern | 08.01.2015 | 20:49  
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