Das Ende der Welt: Justin Cronin „Der Übergang“

Eine Weltuntergangsgeschichte, die vielleicht einmal einen Oscar erhält: Für fast 1,8 Millionen Dollar sollen die Filmrechte an Justin Cronins Roman „Der Übergang“ verkauft worden sein. Alien Regisseur Ridley Scott wird wahrscheinlich die Verfilmung übernehmen. Was ist so spannend und interessant an diesem Vampir-Roman, der sich in seinem ersten Band auf über 1000 Seiten ausbreitet?

Im REWE, wo ich sonst allenfalls nachschaue, was der SPIEGEL und die Bildzeitung titeln, fiel mein Blick auf den Wälzer „Der Übergang“. Damals hatte ich noch nichts von dem Buch gelesen oder davon gehört. Auf dem Cover ein Gesicht von einem Mädchen, das eine Auge verdeckt durch ihre Haarstränen, das andere hellblau leuchtend, blickt mich durchdringend an. Vier Jahre, so lese ich später, hat der Autor daran gearbeitet – in fünf Tagen hatte ich es durchgelesen.

Der Covertext kann nicht die Ursache für meine Kaufentscheidung gewesen sein: Ein sechs Jahre altes Mädchen, Amy, wird von FBI-Agenten entführt. Man will sie medizinischen Versuchen unterziehen, die zum Ziel haben, Menschen unsterblich zu machen. Etwas geht schief und die Welt sieht ihrem Untergang entgegen. Das klingt banal und zwanghaft reißerisch zugleich. Keine Geschichte, die mich begeistern würde. Doch aus irgendeinem Grund schlage ich die ersten Seiten auf und lese mich noch im REWE fest: Geschildert wird die Geschichte einer jungen Frau, die sich von einem verheirateten Mann verführen lässt, der auf der Durchreise ist. Man erfährt, wie sie lebt, wovon sie träumt, wie sie den Mann kennenlernt und warum sie das Kind von ihm unbedingt bekommen will und wie für sie dann alles schief läuft. Eine Sozialdrama - unvorstellbar, dass aus diesem Anfang mal eine Vampirgeschichte werden soll.

Ein wenig später geht es um Todeskandidaten, Mörder die auf ihre Hinrichtung warten: Der Fall des Anthony Carter. Ein junger schwarzer Bettler, der von einer weißen Frau eine Chance erhält, und bei ihr und ihren Freunden gegen Bezahlung Rasenmähen darf. Die Frau wird von Carter in den Swimmingpool gestoßen und ertrinkt. Doch hat er sie wirklich umgebracht?
Wer war sie, was dachte sie, was war ihr Problem – das erfährt der Leser genauso ausführlich, wie den Hintergrund vom FBI Agent Wolgast, der die Todeszellen im Land abklappert, um die Kandidaten für medizinische Tests einzusammeln, während ein vom Leben enttäuschter Wissenschaftler derweil ein Virus entwickelt, das den Menschen zur Unsterblichkeit verhelfen soll.

Sorgfältig ausgearbeitete Charaktere und Hintergrundgeschichten sind der Grund, warum Cronins Schreibstil als literarisch bewertet wird. Ihm geht es nicht nur um den Plot, um die Dramaturgie der Geschichte. Er schreibt von Menschen, die so in ihren Eigenarten tatsächlich existieren könnten. Was die einen loben, kritisieren die anderen: Zu viele Geschichten, zu viele Personen, Orte und Zeiten. Das verwirre und langweile.

Die Schicksale hängen zusammen – ähnlich wie bei der TV-Show Lost, bei der ein Flugzeug auf einer Insel abstürzt. Der scheinbare Katastrophenfilm erzählt nach und nach in Rückschauen das Leben der Verunglückten vor ihrer Flugreise. Es entwickeln sich immer mehr Zusammenhänge zwischen den Protagonisten und eine solche mystische Verkettung der Schicksale ist auch bei „Der Übergang“ angelegt. Allerdings ist die Erzählstruktur bisher weitestgehend klassisch, also linear.

Durch den Virus wurden vampirähnliche Monster geschaffen, die durch Bisse andere Menschen infizieren und somit auch verwandeln können. Sie sind nahezu unsterblich. Die Erde entvölkert sich: Menschen und Tiere werden ausgesaugt. Der Focus fällt auf eine kleine Siedlung mit Überlebenden, die seit Jahrzehnten abgeschirmt von der Außenwelt lebt. Flutlicht schützt sie vor den Vampiren, das Leben ist dennoch gefährlich und entbehrungsreich. Es gelten neue Gesetze. Die Zeit davor wird fremd und unerreichbar. Ob es noch mehr Siedlungen, andere Überlebende gibt, weiß man nicht. Der Funkverkehr wurde vor Jahren verboten.

Als Amy, das entführte sechsjährige Mädchen, nun nach fast 100 Jahre kaum älter als 13 wirkt und bei der Siedlung auftaucht, eskalieren die Konflikte der Bewohner. Peter, ein junger Wächter, glaubt, dass die mittlerweile stumme Amy die Welt retten kann. Gemeinsam mit Freunden verlässt er die Siedlung und folgt einem geheimnisvollen Funksignal.
Nun wird der Roman zur actionreichen Abenteuergeschichte. Eine Reise ins Unbekannte. Dieser Abschnitt wird wohl in der nun anstehenden Verfilmung den meisten Platz einnehmen. Weitere Bände des Weltuntergangsepos sollen folgen. Ich werde sie lesen.
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4 Kommentare
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Dieter Eckold aus Zeulenroda-Triebes | 18.01.2012 | 17:20  
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Lutz Leipold aus Ilmenau | 18.01.2012 | 17:45  
12.761
Renate Jung aus Erfurt | 18.01.2012 | 17:48  
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Hannelore Grünler aus Artern | 18.01.2012 | 22:32  
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