Das Universum zwischen den Zahlen

Irgendwann in den 90ern hatte ich Kurzgeschichten von dem argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges gelesen. Nun bin ich auf einen Essayband von ihm gestoßen, gerade zu einer Zeit, wo ich mir die Frage gestellt hatte, wie man eigentlich in der Mathematik zu der Vorstellung der Ganzen Zahlen gekommen war, weil der Abstand zwischen zwei Zahlen ja genau genommen in unendlich viele Abstände eingeteilt werden kann. Zwischen den Ganzen Zahlen herrscht ein unendliches Universum. Das Phänomen hat schon die alten Griechen beschäftigt, denn Borges erzählt in einem Essay die Geschichte „Der ewige Wettlauf zwischen Achilles und Schildkröte“, die gleichzeitig auch der Titel des Buches ist. Achilles, der für Stärke und Schnelligkeit bekannt ist, tritt in Wettlauf mit einer Schildkröte, die 10 Meter Vorsprung bekommt. Achilles läuft diese 10 Meter, während die Schildkröte den nächsten Streckenabschnitt läuft – einen Dezimeter, den Achilles dann läuft – die Schildkröte läuft einen Zentimeter, danach den Millimeter und befindet sich, da sich die Streckenabschnitte dramatisch verkürzen immer noch vor Achilles. Er kann sie nicht einholen. Das Paradox Zenons von Elea, wie diese Geschichte auch genannt wird, hat viele Geister beschäftigt, Aristoteles, Hobbes, Henry Bergson. Es hinterfragt unsere Vorstellungen von Raum und Zeit.

Aus Borges Essays erfährt der Leser viel über die Vorstellungen anderer Dichter und Philosophen. Er lässt ihre Erkenntnistheorien im eigenen Austausch mit ihnen lebendig werden. Es geht in den Essays um diverse Fragen, was eine gute literarische Übersetzung ist, welche Rolle die Magie in der Erzählkunst spielt, was man von Allegorien zu halten hat, wie sich die phantastischen Erzählungen, die Vorläufer des Science Fiction entwickelt haben. Und auch immer wieder um Zeit, Raum und Materie und die Vorstellungen vom Universum, Gott oder einem alles verbindenden Geist, der vielleicht in allem und jedem wirkt. Nichts davon scheint an Aktualität verloren zu haben. Manche dieser Themenbereiche scheinen heute in die Physik abgewandert zu sein.

Borges selbst war auch Bibliothekar und verfügte über ein erstaunlich umfangreiches literatur-, sprachwissenschaftlich und philosophisches Wissen. An dieser Stelle muss gewarnt werden: Für den Laien dürfte das Buch an manchen Stellen sehr mühselig werden, weil es doch sehr mit Fachwörtern durchsetzt ist.
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2 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 06.05.2013 | 06:17  
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Antje Hellmann aus Jena | 06.05.2013 | 10:03  
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