Den „Büchermörder“ im Visier - Neue Ausstellung der ThULB widmet sich dem „büchersüchtigen“ Pfarrer Tinius

Sebastian Vogler ist der Kurator der neuen Ausstellung der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB), die noch bis zum 9. Februar zu sehen ist. Foto: Hausdörfer
Jena: Universitätsbibliothek | JENA. Johann Georg Tinius muss Bücher unendlich geliebt haben - ja, er muss richtiggehend „büchersüchtig“ gewesen sein. Sonst hätte der Pfarrer jene Verbrechen, wegen welcher er 1813 verhaftet und 1820 in erster und 1823 in zweiter Instanz auch verurteilt wurde, wohl nicht begangen. Obwohl er seine Unschuld bis zuletzt beteuerte, sahen es die Richter als erwiesen an, dass er zur Finanzierung seiner Sammelleidenschaft neben Raubüberfällen sogar zwei Morde beging. Eine Witwe und einen Kaufmann soll er auf dem Gewissen haben. Ein Hammer in seiner Scheune, von den Anklägern in einem Indizienprozess zum Tatwerkzeug des Mordes an dem Kaufmann erklärt, gab schließlich den Ausschlag, dass er 22 Jahre im Gefängnis verbringen musste.

Ob schuldig oder unschuldig, das wird nie mehr geklärt werden.
Sei es drum. Des Pfarrers Bibliomanie, so der Fachausdruck für diese Art Sammelleidenschaft, hat eine für die damalige Zeit in Art und Umfang herausragende Bibliothek entstehen lassen, von der die Nachwelt auch heute noch partizipiert. Über 40.000 Bände sollen es insgesamt gewesen sein, die er zusammengetragen hatte. Auf Grund einer gerichtlich verfügten Zwangsversteigerung kamen am 5. November 1821 im Roten Kolleg zu Leipzig von 16.000 seiner Bände unter den Hammer. Begehrlichkeiten, Bücher aus der Sammlung zu erwerben, regten sich damals auch in Jena. Kein geringerer als Johann Wolfgang von Goethe, der seinerzeit im Auftrag des Großherzogs die Bibliothek in Jena reorganisierte, veranlasste den Ankauf von Büchern aus der Sammlung des Pfarrers.

Eine neue Ausstellung in der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB) widmet sich seit kurzem dem „Büchermörder“ Johann Georg Tinius. Im Zimelienraum der ThULB am Bibliotheksplatz sind noch bis zum 9. Februar 2012 mehrere Bände aus der Leipziger Versteigerung, die die 200 Jahre im Archiv gut überstanden, sowie Bücher und Dokumente zum Leben von Tinius und seinem Kriminalfall zu sehen, darunter eine Biografie von Tinius, herausgegeben von Johann Georg Eck, sowie eine Autobiografie unter dem Titel „Merkwürdiges und lehrreiches Leben des M. Johann Georg Tinius“. Mit weiteren Dokumenten – vom Kassenzettel bis zum Katalogisierungszettel aus dem alten Standortkatalog – wird der Ankauf der Bücher und Goethes Rolle dabei aufgezeigt. Schließlich wird auch noch die Widerspieglung des Bibliomanen in der Literatur beleuchtet. Ein gutes Beispiel dafür ist das erst 2005 erschienene Werk „Der Büchermörder“ von Detlef Opitz, der den Fall Tinius in Form eines dokumentarischen Romans akribisch aufarbeitet.

Geöffnet ist die Ausstellung dienstags von 10 bis 12 Uhr und donnerstags von 16 bis 18 Uhr oder nach vorheriger Anmeldung an der Infothek (Tel. 940100). Führungen finden jeden ersten Mittwoch des Monats um 15 Uhr statt.
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