Gelassenheit lernen in Nepal

Fünf Monate lang reisten der Jenaer Lehramtsstudent Robert Pauli und seine damalige Freundin Elisa Walter fernab touristischer Spuren durch Nepal – erst gegen Ende der Reise wagten sie eine Trekkingtour im Lantang-Gebiet. (Foto: Robert Pauli)
 
Nepal, wie es sich jeder Tourist vorstellt: Auch diese Perspektive sahen Elisa Walter und Robert Pauli, doch erst nachdem sie das „andere“, arme und oftmals vermüllte Gesicht des Landes kennengelernt hatten. (Foto: Robert Pauli)

Robert Pauli aus Jena und Elisa Walter lebten fünf Monate fernab touristischer Pfade in Nepal

Ein Land der Berge, erhabener Stille, bunt-flatternder Gebetsfahnen – all das ist Nepal auch. Doch um dort hinzukommen, müssen Elisa Walter und Robert Pauli auf ihrer Reise zunächst Verkehrschaos, Plastikmüll und Perspektivlosigkeit als eigentliches „Antlitz“ des Himalaya-Staates kennenlernen. Fast fünf Monate durchstreift der Jenaer Lehramtsstudent gemeinsam mit seiner Freundin 2013/2014 das Land, meist fernab ausgetretener touristischer Pfade. Sie werden von Einheimischen aufgenommen und beginnen nach und nach, eine Lebensweise zu verstehen, die der unseren zumeist fremd ist. Mit Robert Pauli sprach Anne-Kristin Henker.

Wie habt ihr das Land, das in unseren Breiten hauptsächlich für Himalaya-Reisen bekannt ist, erlebt?
Im Alltag spürt man von diesem „Himalaya-Reisegefühl“ überhaupt nichts! In der Hauptstadt Kathmandu brennen die Müllfeuer, organisierte Entsorgung gibt es nicht. Der Verkehr ist ein einziger Stau und die Menschen haben meist keine ausreichend bezahlte Arbeit. Dennoch strahlen sie eine Herzlichkeit, Gelassenheit und sogar Stolz auf ihr Land aus!

Wie habt ihr während Eurer Reise gelebt?
Die meiste Zeit waren wir als freiwillige Helfer auf kleineren und größeren Bauernhöfen unterwegs. Eine zeitlang teilten wir ein kleines Haus mit einer siebenköpfigen Familie, die sich fast ausschließlich vom Ertrag eines einzigen Feldes über Wasser hält. Dort halfen wir bei der Ernte, lernten aber vor allem sehr viel über die noch halbwegs ursprüngliche Lebensweise in Nepal.

Wie sah Euer Alltag dort aus?
Wenn wir 'arbeitsverrückten Europäer' gleich morgens fragten, wo wir denn anfangen können – schließlich wollten wir ja auch etwas tun für den Unterhalt – wurde uns die erste Lektion in nepalesischer Gelassenheit erteilt: „Come sit here, have a milk tea...“ – „Setz euch erstmal, trinkt eine Tasse Milchtee...“ Am späten Vormittag ging es dann gemeinsam aufs Feld zum Bohnen ernten. Später haben wir die Bohnen auf dem Hof sortiert und gebündelt. In aller Ruhe war nicht nur die Arbeit erledigt, sondern auch der Tag vorbei. Es gab keine Pause, aber auch keine Hektik. Wann ist Arbeitszeit, wann beginnt Freizeit? Völlig egal, es ist alles Lebenszeit.

Welche war die einprägsamste Begegnung?
Da fällt mir sofort Binje ein, die Schwiegertochter auf einer Kuhfarm. In Nepal redet man nicht über seine Gefühle und unsere Gesprächsthemen waren dementsprechend oberflächlich. Just als uns dies bewusst wurde, öffnete sich diese junge Frau und erzählte, was alles hinter dem lächelnden Gesicht steckt: Wie sie unter Tränen und gegen ihren Willen verheiratet wurde, wie sie in der neuen Familie mehr Sklavin als Mitglied war, wie sie floh und doch wieder verfolgt und von ihrem Mann aus dem Bus gezerrt wurde. Und: Dass sie ihren Mann trotzdem liebt, schließlich ist er ja der Vater ihrer Kinder.

Welche Einsichten nehmt ihr von dieser Reise mit?
Erstens: Wir haben viel zu viel von Allem – außer an Zeit, um das Erarbeitete zu genießen, denn wir müssen ja schon wieder weiterarbeiten, um noch mehr zu haben. Paradox! Doch je mehr ich mich umhöre, desto mehr Menschen treffe ich, die dies längst verstanden haben und nur auf den rechten Zeitpunkt warten, aus dem Hamsterrad auszubrechen. Zweitens: Ich war nie stolz auf Deutschland, jetzt bin ich es. Es ist so viel wert, dass nicht überall Berge an Müll liegen! Und dass nicht jeder mit einem großen Geldschein zwangsläufig zuerst und besser weg kommt. Und Drittens: Dass der Klimaschutz bei uns scheinbar wirklich weiter ist als irgendwo sonst auf der Welt. Wenn das mal nichts ist!

Am 12. April um 17 Uhr stellen Elisa Walter und Robert Pauli ihr Abenteuer in einem öffentlichen Vortrag im Jenaer Café Wagner vor: „Nepal – die Essenz einer Reise“.

Elisa Walter und Robert Pauli

Geboren in Oschatz/Sachsen zieht es Robert Pauli (23) und Elisa Walter (20) nach dem Abitur zum Lehramtsstudium nach Jena bzw. Leipzig. Von September 2013 bis Februar 2014 wagen sie ihr erstes großes Reiseabenteuer: Die Studenten fliegen zunächst in Nepals Hauptstadt Kathmandu, reisen ins Flachland Terai und weiter in die Hügel, wo sie auf einer Kuhfarm arbeiten, bevor es sie zum Trekking in den Himalaya zieht. Sie leben und arbeiten bei Einheimischen, schnappen auf dem Lehmboden der Küche sitzend Rezepte für Dhal Bhaat (Reis und Linsen) auf oder lauschen im buddhistischen Kloster den Jahrtausende alten Lehren. So entsteht das ganz persönliche Bild eines Landes, das zwischen Traditionen und Wunsch nach Fortschritt zerreißt. Erstaunlich für die Studenten: Die Nepalesen tun weiter das, was sie am besten können – gelassen bleiben.
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