Moritz Götze. Des Knaben Wunderhorn. Kunstsammlung Jena

Moritz Götze
  Jena: Kunstsammlung Jena | Als 1806 der erste Band der von Clemens Brentano und Achim von Arnim unter dem Titel Des Knaben Wunderhorn veröffentlichten Sammlung deutscher Volksliedtexte erschienen war, lobte Goethe, der „Gott der Romantiker“, die Herausgeber und empfahl das Buch für jede Küche „des einfachen Volkes“ und für jedes Klavier der „Gelehrten“. Neben allem Streit um Verfälschung und Selbstkreation der niedergelegten Texte markiert Des Knaben Wunderhorn jene Suche nach Ursprünglichkeit, mit der sich die Romantiker vom Rationalismus der Aufklärung ab- und dem individuellen Erleben zuwendeten. Von der Welt der „Zahlen und Figuren“ (Novalis) grenzte man sich durch eine ins Unendliche gerichtete Sehnsucht und das Streben nach einem harmonischen Ganzen ab.

Ausgelöst durch die Berufung von Johann Gottlieb Fichte an die Jenaer Universität traf nach 1784 ein Kreis von jungen Dichtern, Literaturkritikern, Philosophen und Naturwissenschaftlern aufeinander, der Jena zu einem Knotenpunkt der Frühromantik werden ließ. Mit dem Anspruch „das Leben und die Gesellschaft poetisch zu machen“ versammelten sich im Dunstkreis von Goethe, Schiller und Fichte auch die Philosophen Carl Leonhard Reinhold, Friedrich Wilhelm Schelling, die Dichter Friedrich und August Wilhelm Schlegel und viele andere, die Jena zumindest zeitweise in den Rang einer „Gelehrtenrepublik“ erhoben. In engem Kontakt mit Novalis, Hölderlin und anderen Dichtern wurde die „Blaue Blume“ zum zentralen Symbol einer Bewegung, die mit dem Jenaer Romantikertreffen im Herbst 1799 einen Höhepunkt erlebte.

Moritz Götze ist ein Künstler, der Geschichte und Geschichten liebt. Auf der Suche nach Ursprüngen und Quellen bereist er die fast vergessenen Städte im Bermudadreieck Eisleben-Mansfeld-Sangerhausen, sammelt und publiziert die fast vergessenen Reichtümer der Provinz, entdeckt Außenseiter, verlegt Schallplatten und gehört zu jenen, die sich auch im Künstlerischen thematisch binden und das einmal geweckte Interesse obsessiv verfolgen. Egal, ob es die Geschehnisse des deutsch-französischen Krieges, die Meilensteine der deutschen Kunstgeschichte oder der Untergang der deutschen Flotte bei Scapa Flow ist, Götze versenkt sich in die Ereignisse und destilliert ein scharf konturiertes Extrakt, das auf Wirkung zielt, Holzschnitt, Comic und Pop beleiht, vor allem jedoch Produkt leidenschaftlicher Begeisterung und freien Schauens ist.

Stilistisch verortet sich Moritz Götze im deutschen Pop, verschweigt jedoch dabei nicht seine tiefe und durchaus Tradition suchende und aufbauende Art, die ihn durchaus in die Nähe der Jenaer Romantiker rückt. In gewohnt farbenfroher Art durchforscht Götze das Wirken der großen Geister und lässt dies zu einem Klassentreffen der besonderen Art werden. Da begegnen sich nicht nur Goethe, Novalis und andere Heroen der Dichtkunst, sondern auch thematisch knüpft Götze mit „Naturpoesie“ und den „Melodien der Nacht“ an den Horizont der alten Disputationen an. Im Zentrum der Schau verquicken sich Bild, Text und Musik und schon deshalb ist das, was da entsteht, ein Gesamtkunstwerk. Moritz Götze hat acht Bands von Schlager bis Punk mit der Vertonung verschiedener Texte aus Des Knaben Wunderhorn beauftragt, die, ganz zentral, frisch gepresst auf Vinyl, in der Ausstellung aufliegt und gebündelt, in schönem Cover und mit umfangreichen Booklet, auch erworben werden kann.

Moritz Götze erblickte das Licht der Welt zwar deutlich später als die Romantiker, der universalistische Ansatz ist jedoch auch ihm gegeben. Er malt, radiert, brennt (vor allem große) Emaillen, gestaltet Bühnenbilder, fördert Musiker, engagiert sich in der Denkmalpflege und stattet derzeit die Bernburger Schlosskirche St. Ägidien mit wandfüllenden Emaillekompositionen aus.

Zur Ausstellung erscheint die LP „Des Knaben Wunderhorn“ mit Booklet (32 Seiten) in einem von Moritz Götze gestalteten Cover.

Kunstsammlung Jena
14. März – 2. August 2015

Moritz Götze (Halle/Saale). Des Knaben Wunderhorn. Bilder, Objekte und Zeichnungen

Öffnungszeiten:

Dienstag, Mittwoch, Freitag 10 - 17 Uhr, Donnerstag 15 - 22 Uhr, Samstag, Sonntag 11 - 18 Uhr, Montag geschlossen

Zweite derzeit gezeigte Ausstellung:

Claire Morgan (London), TRY AGAIN. FAIL AGAIN. FAIL BETTER, Installationen, Objekte und Zeichnungen
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