Oft bitter, selten heiter. Birgit Brenner zeigt in der Ausstellung „Alles in Zeitlupe“ Träume, Hoffnungen und Illusionen im Stadtmuseum Jena

Wann? 12.08.2012 bis 08.10.2012

Wo? Stadtmuseum, Markt 7, 07743 Jena DE
Birgit Brenner – in Berlin lebend und in Stuttgart lehrend – vor ihrer Installation Atmen reicht nicht, 300 x 306 x 5 cm, 2011.
 
Besucher sollten sich vor dem Rundgang durch die Ausstellung den an die Wand geschriebenen Text - sozusagen das Drehbuch - durchlesen.
Jena: Stadtmuseum | Eine leicht zu erfassende Kost werden Sie in der neuen Ausstellung „Birgit Brenner. Alles in Zeitlupe“ im Stadtmuseum nicht vorfinden. Wer sich allerdings auf die Gedankenspiele und Beobachtungen der Künstlerin einlassen möchte, ist hier genau an der richtigen Adresse.

Birgit Brenner gibt Situationen vor. Gleich im ersten Raum der Ausstellung lädt sie in die Goethestraße 11 ein. Es ist ein heißer Sommertag, kurz vor 23 Uhr. Wie ein Voyeur lässt sie uns teilhaben, was sie in den neun Wohnungen, verteilt auf fünf Etagen, sieht. Der deutsche Alltag steht im Eingangsraum der Ausstellung an die Wand geschrieben. Vertrocknete Blumen und Gerümpel auf dem Balkon im Erdgeschoss. Es wird wenig gelüftet, damit die Vögel nicht entwischen. Es wird gelacht und viel getrunken. Auf der anderen Seite des Flures macht sie belegte Brote und er verlangt ein warmes Abendessen. Beim Nachtisch war es soweit. Ich bring dich um, schreit er laut. Eine Etage drüber wird die Musik lauter gedreht, um das Geschrei zu übertönen. In der Wohnung gegenüber sitzt die Blondine, 40, müde Gesichtszüge, mit aufgespritzten Lippen am Computer und sucht im Internet einen Mann bis weit nach Mitternacht.

Birgit Brenner blickt in alle Wohnungen. Desto höher sie in dem Haus kommt, desto feiner werden die Herrschaften. Ganz oben angekommen gibt es sogar Geld für zwei Autos und Koks. Ibiza und Sylt. Die Körper sind vom Fitnessstudio gestrafft. Sie liebt alles, was glitzert und er kauft es ihr. Noch ahnen sie nicht, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt. Seine Kündigung wird in Kürze geschrieben und das Ersparte wird bald aufgebraucht sein. Wenn sie Glück haben, bekommen sie dann eine Wohnung im 1. Stock.

Derartige Alltagsbeobachtungen gibt die Künstlerin vor. Sie hat scheinbar die Menschen von ganz Deutschland in die neun Wohnungen gepackt: Sozialhilfeempfänger, Trinker, die am liebsten wegrennende Ehefrau, den selbst beim Selbstmord immer wieder Scheiternden, die Aufgespritzte, die zu Dicke, die Viagrakonsumenten, die mit dem bissigen Hund und dem japanischen Mittelklassewagen, die ins Altersheim Gegangene, deren Kinder alles, was für sie von Bedeutung war, entsorgen, und schließlich der Sportwagenfahrer mit der Luxusfrau mit langen Haaren.

Und dann greift Birgit Brenner vornehmlich zu Pappe und setzt ihre Themen in Installationen um. Gewöhnlich reiht sie in großen Räumen Installationen wie einen Film aneinander. Fürs Jenaer Stadtmuseum musste sie aufgrund der kleineren Räume umdenken. Mehrere Aussagen werden sozusagen zu einer Collage zusammengefasst. Daraus entstehen raumfüllende Installationen, die sich thematisch mit Lebenssituationen, Beziehungserfahrungen und dem sozialen Miteinander in unserer Gesellschaft auseinandersetzen. Träume, Hoffnungen und Illusionen sind die Drehbücher ihrer Ausstellungen. Das ist oft bitter, selten heiter, gelegentlich witzig aber voller Zündstoff.

Kunstsammlung Jena
16. Juni – 12. August 2012
Birgit Brenner
Alles in Zeitlupe
Installationen

Mehr über das Stadtmuseum Jena - auch aktuell noch zu sehende Ausstellungen - ist hier zu erfahren:

http://www.meinanzeiger.de/gera/themen/jena+stadtm...
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3 Kommentare
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Petra Seidel aus Weimar | 20.06.2012 | 10:42  
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Renate Jung aus Erfurt | 20.06.2012 | 18:07  
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Hannelore Grünler aus Artern | 21.06.2012 | 02:52  
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