Rodin, Giacometti, Modigliani… Linie und Skulptur im Dialog. Werke aus der Sammlung Kasser/Mochary Family Foundation (USA) im Stadtmuseum Jena.

Kurator Erik Stephan gibt ein Interview zur Ausstellung "Rodin, Giacometti, Modigliani… Linie und Skulptur im Dialog. Werke aus der Sammlung Kasser/Mochary Family Foundation (USA) "
 
Giacomo Manzu (1908 Bergamo - 1991 Ardea), Busto di donna, Frauenbüste, 1955, Bronze
Jena: Stadtmuseum | Skulpturen, Zeichnungen, Grafik und Bücher

Das Polieren und Überpolieren der Fußnägel und der Haarlocken würde die Hauptidee, die große Linie, die Seele dessen, was ich habe sagen wollen, verderben.
Auguste Rodin

Wie viele der großen Kunstsammlungen hat auch die Kasser/Mochary Family Foundation einen historischen Fixpunkt, eine Sternstunde, der sie ihre Existenz verdankt. Im Falle der hier vorgestellten Privatsammlung ist das die Plastik L’éternelle idole (Das ewige Idol) von Auguste Rodin. Diese Plastik sah Alexander Kasser zum ersten Mal, als er 1929, als junger ungarischer Student, durch das Musée Rodin in Paris streifte. Erst 40 Jahre später konnte er die Plastik, die er so lange bewundert hatte, erwerben. Heute ist sie ein Schlüsselwerk der Sammlung, jenes Werk, an dem sich die Leidenschaft des Sammlers entzündete. Zugleich setzte der langwierige Erwerb dieser Plastik Maßstäbe, die fortan die Erwerbungspraxis Kassers bestimmte. Zusammen mit seiner Frau Elisabeth, die in Ungarn Kunstgeschichte studierte, erwarb die Familie nach und nach eine Sammlung, die von dem Vertrauen an die Ausdruckskraft der Kunst geprägt war und zugleich den Verzauberungen, die Kunst bewirken kann, folgte. Mit Interesse und Leidenschaft entstand eine Kollektion, die bis heute durch Umfang und Qualität beeindruckt.

Rodins Bronzeskulptur L’éternelle idole kündigt bereits an, was die Bildhauerei des 20. Jahrhunderts auf der Suche nach neuen Volumina beschäftigen wird: die Linie. Der überragenden Meisterschaft Rodins ist es zu danken, dass er eine Fähigkeit, die er beim Zeichnen erworben hatte, auf die Plastik übertrug. Das Erfinden, entwerfen und einfangen einer Skulptur in einer einzigen Linie, ist ein neues und markantes Element in der Kunstgeschichte an der Wende zum 20. Jahrhundert. Der Einsatz von geschwungenen, kurvigen Linien, ihre Überschneidungen und Gegenüberstellungen, schnelle und bewegte Strichführungen boten neue Möglichkeiten, Volumen zu erzeugen und Deformationen oder Abstraktionen zu erzielen.

In gleicher Weise wird diesem „Erfinden der Figur aus der Linie“ in den Zeichnungen der auf Rodin folgenden, jüngeren Künstlergeneration nachgespürt.

Die Kunstsammlung der Kasser/Mochary Family Foundation wird zum ersten Mal unter diesem kunsthistorischen Gesichtspunkt vorgestellt. Im Wechselspiel von über fünfzig ausgewählten Skulpturen und Zeichnungen von zweiunddreißig Künstlern wird die Faszination linearer Darstellungen beleuchtet. Dabei werden überraschende Parallelen in den Werken von Künstlern deutlich, deren Arbeiten man selten nebeneinander sieht: In Rodins L’éternelle idole etwa wird in einer ganz ähnlichen Weise versucht, mittels der Linie Volumen zu erzeugen, wie in einer ungegenständlichen Zeichnung von Moholy-Nagy, während Zeichnungen und Skulpturen von Giacometti anschaulich die Rolle der Linie beim Schaffen von Oberflächenstruktur widerspiegeln. In Alexander Archipenkos Flat Torso wiederum ist die Figur ganz aus der Reduktion auf die Linie heraus entwickelt. Im Fokus auf die Linie entfaltet sich so eine oft überraschende Sicht auf die Skulptur des 20. Jahrhunderts.

Die Ausstellung versammelt Werke von Alexander Archipenko, Jean Arp, John Bellany, Alexander Calder, Paul Cézanne, Jean Cocteau, Le Corbusier, Giorgio de Chirico, Edgar Degas, André Derain, Max Ernst, Paul Gauguin, Alberto Giacometti, Juan Gris, Josef Kaiser, Jacques Lipchitz, René Magritte, Aristide Maillol, Giacomo Manzù, Marino Marini, Henri Matisse, Jean François Millet, Joan Miró, Amedeo Modigliani, Lászlo Moholy-Nagy, Henry Moore, Eduardo Paolozzi, Auguste Rodin, Georges Rouault, Pierre Soulages, Ricardo Ulloa Garay und Jacques Villon.

Die 1969 von Alexander und Elisabeth Kasser in den USA gegründete Kasser Art Foundation wurde 2011 in Kasser/Mochary Family Foundation umbenannt. Das Ehepaar Kasser verließ Ungarn nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie waren in Budapest Zeugen und unentbehrliche Helfer im Kampf gegen den Holocaust, wofür Alexander Kasser 1997 der Titel „Gerechter unter den Völkern“ des Staates Israel verliehen wurde.

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit den Opelvillen Rüsselsheim und dem Museum für Moderne Kunst in Freiburg/Breisgau.

Katalog: 128 Seiten, Hirmer Verlag München 24,90 Euro (Ausstellungspreis 19,90 Euro).

Die zweite derzeit zu sehende Ausstellung:

http://www.meinanzeiger.de/jena/kultur/lapidarer-r...

Mehr aus dem Stadtmuseum ist hier zu erfahren:

http://www.meinanzeiger.de/jena/themen/stadtmuseum...
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2 Kommentare
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Karin Jordanland aus Artern | 09.12.2012 | 22:23  
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Steffen Weiß aus Gera | 15.12.2012 | 23:01  
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