Studentisches Laientheater - Wenn Studenten Unfug treiben!

Der "chinesische Peter" sorgte, dank kleinerer Sprachbarrieren, für seine ganz eigenen, sympathischen Lacher (Foto: Anne Stein)
 
Die deutsch-chinesische Theatergruppe "Theater U" in Aktion (Foto: Anne Stein)

Wirtschaftswissenschaften, Sprachwissenschaften, Psychologie, Soziologie, Jura. Das alles in Kombination ergibt - was? Eine bunte Truppe, ganz klar. Und manchmal machen sie sogar Theater. Gemeinsam. Auf der Bühne. Vor Publikum. Das nennt sich dann: Theater U.

Warum nicht einfach mal albern sein


Am Samstag, dem 6. Juli 2013, betrat die „kleine Hexe, die nicht böse sein konnte“ das Scheinwerferlicht der Kleinkunstbühne im Café Wagner, gefolgt von noch mehr kleinen Hexen, die durchaus böse sein konnten, einer erlauchten Niedertracht samt gebuckeltem Gehilfen, und einem Baum. Der war aus Pappe, und stand da aber vorher schon. Zu sehen war dann eine Laiendarbietung des bekannten Bühnenstücks von Maria Clara Machado. Wer das Theaterstück kennt, der weiß, dass es sich um eine Aufführung für Kinder handelt. Eigentlich. Die waren zwar auch im Publikum vertreten, allerdings nicht so zahlreich. Entsprechend musste das Konzept für das überwiegend erwachsene Publikum angepasst werden. Das geschah dann beispielsweise in Form netter kleiner Analogien zur Stadt Jena – die zündeten sogar. Die Darsteller hatten indes sichtlich ihre Freude daran, in eine andere Rolle zu schlüpfen; das Publikum auch – zumindest schlüpfte niemand heimlich Richtung Ausgang. Zugegeben: Ein wenig grotesk war es schon, dieser kleinen Truppe zukünftiger Elitebranchen dabei zuzusehen, wie sie gackernd und wiehernd auf Besenstielen über die kleine Bühne des Studentenhauses hüpften und sprangen. Amüsant, ansprechend und - vor allem - gänzlich ungezwungen war es dennoch. Und das Bier kostet nur 2,50 Euro. Was will man als Zuschauer mehr?

Michaela (26), die unsere kleine Hexe mimte und der man durchaus anmerkte, dass sie Schauspielerfahrung in u.a. Hamburg sammeln durfte, sagte hinterher über die Aufführung: „Ich hab mich sehr gefreut, dass so viele Leute (Anm. d. Red.: ca. 80 – 100 Personen, wobei ca. 1/3 chinesischer Herkunft war, siehe unten) an dem Projekt interessiert waren, vor allem bei dem Wetter! Und ich hab mich ganz besonders gefreut, dass ein paar Kinder da waren.“ Anne Stein, die persönliche Fotografin vor Ort, resümierte indes, dass „...alle in ihrer Rolle so aufgegangen sind, dass sie dem altbekannten Märchen eine ganz persönliche Note gegeben haben.“

Ja. Das finden wir allerdings auch.

Interkultureller Abend mit Unterhaltungsfaktor


Auf den deutschsprachigen Einakter folgte, nach einer dreiviertelstündigen Pause, dann das eigentliche Highlight des Samstagnachmittags in drei Akten: Die Bühnenadaption des asiatischen Horrorfilms „Der Tod Club“. Auf Chinesisch. Komplett. Mit Chinesen. Komplett. Geht nicht? Geht wohl. Selbst hier stellten Chinesen allenfalls 2/3 des Publikums, der Rest verstand vermutlich kein Wort, verharrte aber dennoch wie hypnotisiert auf seinen Stühlen. Die Mimik machts, die Gestik und auch die Tonalität und überhaupt: man verstand vielleicht die Lautsprache nicht, das generierte Stimmungsbild dafür umso mehr. Es war überraschend und faszinierend zu erleben, wie leicht man selbst ohne Sprachkenntnisse einem Handlungsverlauf folgen kann, wenn man sich darauf einlässt. Das Ergebnis war packend, düster, dramatisch und wohl auch ein wenig amüsant, was man dem Gelächter der chinesischen Audienz entnehmen konnte. Da konnte man dann auch einfach ungeniert mitlachen, das fiel keinem auf. Man wusste zwar nicht, worüber man lachte, aber Lachen macht ja bekanntlich gute Laune. Auch ohne Grund. Hat funktioniert. Als dann zwischen dem zweiten und dritten Akt auch noch der Publikumsraum zur Bühne umfunktioniert wurde, war selbst dem letzten klar: da hat doch wirklich jemand mitgedacht.

Gustav Seibt sagte einst: „Theaterstücke bestehen im wesentlichen aus Liebe, Wahnsinn, Tod.“ Ich denke, das fasst die Darbietung des „Tod Clubs“ hervorragend zusammen. Eine derart intensive Darstellung hätte ich in einer studentischen Laientheatergruppe dann doch nicht erwartet. Vielleicht ist es ja der chinesischen Mentalität zu verdanken, dass hier dann wirklich alles stimmte, vielleicht aber auch ein wenig dem Umstand zu zollen, dass sich Protagonisten und Technik (die Sounduntermalung und das Licht generierten sehr stimmige und teils drückende Atmosphären) eine Stunde zuvor bereits einspielen konnten.

Hervorheben muss ich an dieser Stelle ganz klar die Leistung der jungen Zhou, die scheinbar vollends in ihrer Rolle der, dem Leben überdrüssigen, Teenagerin aufging und ihr eine ganz besondere Intensität verleihen konnte. Xin Chang verkörperte indes glaubhaft sowohl einen weiblichen wie auch einen männlichen Charakter. Da hat sich das Studienfach Psychologie vielleicht sogar als hilfreich erwiesen.

„Je preiser gekrönt, desto durcher gefallen.“


Das waren die Worte des Wiener Dirigenten Joseph Hellmesberger. Was ist also das Resümee dieses interessanten Spätnachmittags? Nun, von einem studentischen Laientheater kann man eigentlich nur dann enttäuscht werden, wenn man die Messlatte zu hoch ansetzt. Ich versprach mir ein unterhaltsames und kurzweiliges Vergnügen und wurde hierin nicht enttäuscht. Das vordergründige Konzept des interkulturellen Umgangs ging auf und zu Lachen gab es ebenfalls, wenn auch manchmal etwas unfreiwillig. Dirk Böhmig, Regisseur des deutschen Stückes, verriet im Anschluss, dass die nächste Auführung schon in der Planung stecke. Diesmal wechselsprachig. Was und wann genau, das wollte er allerdings noch nicht verraten.

Ich bin jedenfalls gespannt.
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