Und die Menge rastet aus: Flogging Molly live in Concert in der KulturArena Jena

Flogging Molly / 14.08.2014
 
Flogging Molly / 14.08.2014 - der Wettergott ist wohlgesonnen
 
Flogging Molly / 14.08.2014

Für manch einen waren die Mighty Oaks vor gut zwei Wochen bereits das Highlight schlechthin. Doch wer es mit dem Irish Folk genau nimmt, der kam um das gestrige Konzert nicht herum. Flogging Molly löste die sanfteren Klänge der Oaks ab und preschte mit keltischem Punk-Folk nicht nur nach vorne, sondern auch regelrecht auf und davon.

Und es gab kein Halten mehr...


14. August 2014 – der Wettergott scheint es gut zu meinen, mit den Fans der irischen Folklore. Während tags zuvor noch das „Hypnotic Brass Ensemble“ regelrecht ins Wasser fiel, was sicherlich den ein oder anderen lieber vor den Fernseher trieb, statt vor die Bühne, hellte sich der Himmel über Jena County zum Donnerstag kurzfristig nicht nur auf, sondern schenkte spontan auch noch nahezu wolkenfreien Horizont. Auch das kennen wir schon von den Mighty Oaks. Denn auch hier war es bis zwei Stunden vor Konzertbeginn noch mehr als ungewiss, ob das Wetter halten würde. Es hielt. Damals wie gestern. Und auch, wenn das sicherlich niemanden davon abgehalten hätte, sich von Dave King und seiner Band gehörig einheizen zu lassen – denn wer ein waschechter Ire sein will, der lässt sich von ein paar lächerlichen Regentropfen kaum abschrecken – so war doch garantiert niemand traurig um das tolle Wetter. Niemand – das waren gut 3.000 Fans, denn auch das hatte der gestrige Auftritt mit den Mighty´s gemein: Innerhalb der letzten 24 Stunden vor Konzertbeginn war plötzlich doch noch ausverkauft. Der frühe Vogel fängt den Wurm und früh packte die Band sein Publikum auch bei den sprichwörtlichen Eiern, denn: keine Begrüssung, kein Intro, kein Check-up … man betrat die Bühne, die Menge tobte und spätestens beim zweiten Song zeigte der Mob auch schon, was in ihm steckte.

Was raus muss, muss raus


Flogging Molly ist bekannt dafür, nicht nur Irish Folk mit Punk-Elementen zu kombinieren, was den einzigartigen Sound dieser Kombo ausmacht, sondern auch dafür, ziemlich scharf mit der Gesellschaft, mit der Politik, ja – mit der Welt, in die Kritik zu gehen. Eine Band für den einfachen Mann, den Arbeiter, für diejenigen, die etwas auf dem Herzen haben aber kein Gehör finden. Kurz: Für uns alle. Und das nicht nur mit Herz und Verstand, sondern auch mit dem dazu nötigen (Galgen-) Humor. Wen wundert es da schon, dass sich bereits nach den ersten Tönen aus Gitarre, Bass, Schlagzeug und Violine die ersten Fans gruppieren und geballt rauslassen, was sich so aufgestaut hat an Frust, an Laune, vielleicht sogar an Wut und Enttäuschung. Pogen gehört dazu. Jawohl. Ich persönlich hätte ein klein wenig später mit der ersten Schubseinlage gerechnet, aber hey: Wir sind hier bei Flogging Molly. Who cares? Wenn die Band erst ein mal loslegt, dann braucht es nicht mehr viel. Wer das nicht kennt, der mag im ersten Moment vielleicht ein wenig irritiert sein und sich einen Platz in der Loge wünschen, doch man merkt auch ziemlich schnell, dass trotz des scheinbaren Chaos alles absolut friedlich zugeht. Da wird niemand angerempelt, der nicht zurückrempeln will, kein böses Blut, kein Ärger, keine Bedrängnis trotz der Enge. Was raus muss, muss eben raus. Ausgelassen. Aber friedlich. Mit ein klein wenig Hang zum: Mir heute doch egal!

Breites Publikum inklusive


Erstaunlich, aber vom Flogging-Molly-Jacket über das Fiddlers-Green-Shirt bis hin zum Tote-Hosen-Schal war alles vertreten. Sogar der Renter. Es scheint sich auch hier wieder bestätigt zu haben, dass die irischen Klänge ihre ganz eigene Anziehungskraft haben, und das auf so ziemlich jede Gesellschaftsschicht. Da stand die betuchte Dame mit Seidenschal und Rotwein in der Hand nebem dem Pöbel mit seinem Bier und man schien sich per Du, mehr noch, man hatte das Gefühl, man kennt sich. Schon ewig. Fast so, als wäre es das Normalste der Welt, sich hier zu treffen. Nein: als wäre man gemeinsam hergekommen. Mit den Regeln nahm man es da dann auch nicht mehr so genau. Von keiner Seite. Fans saßen auf den Schultern von Fans, hier und dort hangelte man sich ein Geländer hoch um besser zu sehen oder doch mal ein Foto zu schießen, Damen gingen auf die Herrentoiletten – denn man war sich einig: die Jungs sind einfach reinlicher - schappo! - und schlussendlich konnte man von Nah oder aus der Ferne sogar den ein oder anderen beim Crowdsurfing beneiden.

Vom Pub auf´s Festival und wieder zurück


Man merkt den Jungs – pardon: natürlich auch der Dame an der Violine, der unvergleichbaren Bridget Regan – an, woher sie kommen. Sie sind kein Retortenprodukt, wie das heutzutage üblich ist. Nein, Flogging Molly ist authentisch. Von den 3.000 Fans einmal abgesehen, dem Pogen, dem Crowdsurfing, der hervorragenden, wenn auch etwas inflationären Gastronomie und der Festivalatmosphäre, hätte man auch meinen können, man ist in einem riesigen Irish Pub. Die Band scheint das „Molly Malone´s“ regelrecht im Gepäck zu haben, bei jedem Auftritt und in jeder Silbe, in jeder Geste, in jedem Ton.

„Also DAS, habe ich wirklich noch nicht erlebt. Dass in der Kultur Arena gepoged wird“. Natürlich nicht, meine liebe – denn du warst ja auch noch nie bei Flogging Molly. Meine geschätzte Begleitung schien sichtlich überrascht, geringfügig irritiert, vielleicht sogar ein wenig beeindruckt, doch man muss wissen: Flogging Molly, das ist eine Institution. Dass diese Band überhaupt den Weg nach Jena geschafft hat, das grenzt an eine Sensation ohne Beispiel. Morgen schon steht das Rock ´Oz in Österreich an. Doch Jena? Das stand offiziell nicht einmal im Tourplan. Und wird vermutlich auch nicht so schnell wieder geschehen. Wer´s verpasst hat, ist selber schuld. Und diese Atmosphäre zu toppen dürfte schwer werden. Wenn gar unmöglich. Ein einzigartiges Refugium für die Missverstandenen, die Aussenseiter, die etwas anderen. Und trotzdem für jeden gleichermaßen. Wo die Musik zählt. Das Statement. Und es schien fast so, als hätten sie alle nur darauf gewartet: „If I ever leave this world alive“..., es kam spät, aber es kam. Und spätestens jetzt hatte manch einer eine Träne im Auge.

Flogging Molly am 14. August 2014 in der Kultur Arena in Jena; Das war kein Konzert. Das war Leben.
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