Das unerwünschte Geschäft

Jena: Neue Mitte Jena | Alltäglich erfinden Stadt- und Firmenmanager Werbe- und Bespaßungsangebote, um Kunden irgendwohin zu locken und um sie in gemütlicher Atmosphäre für Produkte und Dienstleistungen zu begeistern. Die Wirkung eines elementaren Services wird jedoch ignoriert: die des stressfreien Toilettengangs.

Ich besuchte das Einkaufszentrum „Neue Mitte“ in Jena und musste dringend eine Toilette aufsuchen. Immerhin wird man hier nicht an entlegene Orte verwiesen, aber ohne ein 50-Cent-Stück, kann man in unaussprechliche Nöte kommen. Der Wechselautomat an der Wand kündet von Dramen, die sich hier abgespielt haben mögen. Mein Problem war jedoch nicht zu großes, sondern zu kleines Geld und damit ging ich zuerst beim Asiaten und dann beim gegenüberliegenden Backshop hausieren.

Der Asiate hob gleich die Hände, verwies stumm auf die geschlossene Kasse und es stand zu befürchten, dass er bei einem weiteren Kommunikationsversuch leugnen würde, das Wort Peking-Ente zu kennen. Beim Backshop gegenüber erklang ein erlösendes Kassengeräusch. Ich eilte hin und zeigte hoffnungsfroh meine zwei 20-Cent-Stücke und ein 10-Cent-Stück vor. Die Kassiererin antwortete, dass sie nicht wechseln könne, worauf ihre Kollegin einwarf, dass man auch nicht wechseln dürfe. Das Kleingeld werde für die Kunden benötigt. Eine solche Kundin begriff sofort meine Notlage und gab mir ein 50-Cent-Stück.

Nachdem ich wieder klar denken konnte, ließ ich es mir nicht nehmen, den Kassiererinnen zu erklären, dass ihre Ausrede, das Kleingeld für ihre Kunden zu benötigen, die dümmste sei, die ich jemals gehört hatte. Die eine Kassiererin schien zu begreifen, dass das Standardargument bei meinen Centstücken nicht zog und erwiderte mittlerweile laut und aufgeregt, dass die Toilette eine Angelegenheit des Centermanagements sei. Sie wäre hier nicht die Klofrau.

Haftet diesem Geschäft mit der Notdurft so etwas Ekliges und Unzumutbares an, dass man damit nicht mal in der Funktion des Geldwechslers in Berührung kommen möchte? Sind Klogänger keine potentielle Kunden? Behandelt werden sie als zweifelhafte Gestalten von deren bevorstehenden Geschäft man sich distanzieren muss wie vor einer ausbrechenden Krankheit. Der Verweis auf das Centermanagement deutet darauf hin, dass die Positionen hier ähnlich verhärtet sind wie zwischen der Stadt und der Bahn. Im Streit wegen nicht vorhandener Toilettenanlagen rund um die Bahnhöfe erklärte Oberbürgermeister Albrecht Schröter kürzlich, dass die Stadt kein Toilettenbetreiber sei.

Besucher und potentielle Kunden sind willkommen. Nur wenn sie ihre dunkle Seite als Toilettengänger offenbaren, werden sie auf dieses Bedürfnis reduziert, für das sich dann niemand mehr zuständig fühlt. Warum eigentlich?
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16 Kommentare
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Dieter Eckold aus Zeulenroda-Triebes | 26.05.2013 | 15:05  
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Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 26.05.2013 | 18:51  
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Hannelore Grünler aus Artern | 26.05.2013 | 20:32  
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Annett Deistung (HarzWusel) aus Nordhausen | 26.05.2013 | 21:44  
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Silke Rönnert aus Gotha | 27.05.2013 | 09:30  
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Antje Hellmann aus Jena | 27.05.2013 | 11:52  
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Karin Jordanland aus Artern | 27.05.2013 | 12:50  
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Mike Picolin aus Gera | 27.05.2013 | 18:07  
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Hannelore Grünler aus Artern | 27.05.2013 | 20:27  
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Antje Hellmann aus Jena | 27.05.2013 | 22:34  
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Mike Picolin aus Gera | 28.05.2013 | 04:37  
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Antje Hellmann aus Jena | 28.05.2013 | 09:24  
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Steffen Weiß aus Gera | 28.05.2013 | 10:17  
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Mike Picolin aus Gera | 28.05.2013 | 10:30  
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Karin Jordanland aus Artern | 28.05.2013 | 11:29  
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Uwe Zerbst aus Gotha | 03.06.2013 | 09:53  
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